Wie die Industriellenvereinigung ihre Leute an die Schaltstellen der Macht verteilt hat

Vor knapp 25 Jahren schickte die Industriellenvereinigung einen Trupp junger Leute auf den langen Weg an die Macht. Heute sind viele von ihnen dort angekommen – und sichern den Einfluss der Industrie.

Für Barbara Grohs, seinerzeit junge Referentin in der Industriellenvereinigung (IV), war der plötzliche Auftrag des Personalchefs eher lästige Pflicht: „Wir haben da einen neuen Trainee“, hatte Christian Domany zu ihr gesagt, „der hat heute seinen ersten Arbeitstag, weisen Sie ihn ein.“ Man ging mittagessen, das Lokal ist Grohs entfallen. Aber sie kann sich erinnern, wo der junge Mann im Anschluss Platz nahm – in einem kleinen Zimmer ganz hinten in der sozialpolitischen Abteilung der IV.

Heute ist Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger, so hieß der Trainee von damals, ein pompöseres Arbeitsambiente gewohnt. Aber gegen Ende der 1980er-Jahre war eben manches im altehrwürdigen Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz noch ein wenig verstaubt. Das Regiment führte Herbert Krejci, Mann der ganz alten Schule mit einem Faible für Korrektheit, Manieren, Pünktlichkeit. Kriterien, nach denen auch neue Industrie-Mitarbeiter ausgewählt wurden.

Verantwortlich dafür, dass sich die Rekrutierungs-Usancen über Nacht änderten, war Personalchef Domany, inzwischen auch ehemaliger Vorstand des Wiener Flughafens und Ex-Generalsekretär der Wirtschaftskammer. Domany hatte, was im teilweise noch musealen Ambiente am Schwarzenbergplatz des ausgehenden 20. Jahrhunderts an mancher Stelle fehlte: Weitblick.

Auf sein Geheiß wurden ab 1988 jedes Jahr 30 Talente mit allen möglichen Ausbildungen an Bord geholt, die in einem dreijährigen Traineeprogramm Erfahrung sammeln und danach ins Berufsleben entlassen werden sollten. Die Idee dahinter: In ein, zwei, vielleicht auch erst drei Jahrzehnten könnten die damals Jungen sich dank ihrer Ausbildung und einer gehörigen Portion Schub durch die erstklassig vernetzte IV nach Möglichkeit an politische und wirtschaftliche Schaltstellen der Republik durchgekämpft haben. Und so der Institution, die – anders als die gesetzlichen Sozialpartner Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer und ÖGB – über keinerlei legistische Legitimation als Interessenvertretung verfügt, Einfluss sichern. Idealerweise langfristig.

Und das ist besser gelungen, als es sich die Industriebosse vor mehr als 20 Jahren erträumt hatten. Das Netzwerk, das über die Zeit mit 179 Absolventen gesponnen wurde, ist engmaschig, einflussreich – und wird in Bezug auf den Machtfaktor bestenfalls noch vom Raiffeisen-Sektor übertroffen.

Durchbruch geschafft

Szenenwechsel ins Jahr 2011: Vizekanzler Spindelegger hatte einen stressigen Gründonnerstag. Zuerst Angelobung mit der neuen ÖVP-Regierungsriege beim Bundespräsidenten, dann erster Gedankenaustausch in der neuen Konstellation mit dem Staatsoberhaupt. Jeweils Seite an Seite mit seiner niederösterreichischen Parteifreundin Johanna Mikl-Leitner, der neuen Innenministerin.

„Geschafft“, könnten sich die beiden in einem vertraulichen Moment zugeraunt haben. Denn man kannte sich seit langem – und zwar nicht aus den Tiefebenen der Landes-ÖVP oder dem ÖAAB. Vor gut 20 Jahren war auch die neue Innenministerin IV-Trainee, dienstzugeteilt der Industrie-Tochter Signum Verlag. Für Mundfaulheit war sie im Haus am Schwarzenbergplatz schon damals nicht bekannt. „Johanna“, erinnert sich ein Weggefährte, „hatte immer den einen oder anderen lockeren Spruch parat.“ Anders als Traineekollege Spindelegger, der weniger Eindrücke hinterließ. Ein Mitstreiter von damals, heute in der Wiener Landespolitik, erinnert sich lediglich an „einen Sprachkurs, den wir gemeinsam besucht haben“.

Der Vizekanzler war, gerade verabschiedet als Mitarbeiter des früheren Verteidigungsministers Lichal und noch nicht als frischer Nationalratsabgeordneter der ÖVP angelobt, im Haus am Schwarzenbergplatz zwischengeparkt. Im ministeriellen Lebenslauf liest sich die Spindelegger-Traineeship glamouröser: Von 1990 bis 1993 sei er Trainee mit Zuteilungen an prominente Unternehmen wie Siemens und die Verbundgesellschaft inklusive Auslandsaufenthalts gewesen. Domany hatte ihn auf Zeit zur GiroCredit nach New York vermittelt. Der Verbund bestätigt das Spindelegger-Gastspiel, bei Siemens will man „aus Datenschutzgründen“ lieber nichts dazu sagen. Der Vizekanzler ist jedenfalls Teil der Riege, die von Domany losgeschickt wurde, um einmal möglichst weit oben mitzumischen.

Aussteiger und Aufsteiger

Das tun inzwischen viele, die es tatsächlich geschafft und sich an sensible Punkte im komplexen österreichischen Machtgefüge aus Politik und Wirtschaft durchgeboxt haben. Domanys fünfte Kolonne ist angekommen, Spindelegger und Mikl-Leitner sind nur die schillerndsten Mitglieder des Industrie-Netzwerkes. Claudia Lingner zum Beispiel: Die Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft kontrolliert über die Boltzmann-Institute immerhin rund 320 Menschen, die in der Forschung arbeiten – und ein Budget von mehr als 20 Millionen Euro. Lingner ist damit im Hintergrund eine der einflussreichsten Forschungsmanagerinnen des Landes.

Oder Stefan Szyszkowitz. Der aus einer illustren Theaterfamilie stammende gebürtige Dortmunder, ehemals ÖH-Vorsitzender, werkt im Vorstand des Energieversorgers EVN und gilt, wenn CEO Peter Layr in Pension gehen sollte, als aussichtsreicher Nachfolger. Über die Beteiligungen der EVN besitzt Szyszkowitz Einfluss, um den ihn ab und zu vielleicht sogar der Landeshauptmann in St. Pölten beneidet.

Szyszkowitz ist dem IV-Traineeprogramm und dessen Erfinder dankbar: „Da lebt Domanys Denken drin“, lobt er. „Schade, dass das oft verkürzt als reine Kaderorganisation dargestellt wird.“ Es sei nämlich mehr gewesen: „die Förderung von Menschen in beruflichen Umstiegssituationen, aus der Vielfalt entstanden ist und die sogar Künstler hervorgebracht hat“, sagt Szyszkowitz.

Mit Sicherheit hervorgegangen sind aus dem Programm erfolgreiche Manager und Politiker: Im Westen Österreichs etwa hat Markus Wallner eine bislang makellose Karriere hingelegt. Heute ist Wallner stellvertretender Vorarlberger Landeshauptmann – „Statthalter“, wie das im Ländle schrullig heißt. Weil sein Boss Sausgruber irgendwann den Weg für einen Nachfolger frei machen wird und ein Absturz der ÖVP ganz im Westen kaum zu erwarten ist, könnte für Wallner der Weg auf den Landeshauptmann-Stuhl bereits vorgezeichnet sein.

Eine schwierige Zeit hat Herbert Götz, nach der IV unter anderem Kabinettschef beim ehemaligen Vizekanzler Erhard Busek: Als Post-Vorstand musste er – unbedankt – Hunderte Postämter schließen, nun muss er sich selbst einen neuen Job suchen.

Einige der ehemaligen High-Flyer aus dem IV-Programm haben auf eine klassische Laufbahn im Establishment auch verzichtet. Nicht wenige sind dennoch erfolgreich. Susanne Höck etwa, seinerzeit als Trainee dem Unilever-CEO Erwin Bundschuh zugeteilt, verabschiedete sich bereits nach eineinhalb Jahren. Sie gründete nach Zwischenstationen in der Kosmetikindustrie ein Netzwerk für Empfehlungsmarketing. Oder Bettina Gordon: Der inzwischen verstorbene Senfbaron Georg Mautner Markhof, den Gordon „Mautzi“ nennen durfte, forderte die Tochter eines Jugendfreundes als Assistentin für seine Tätigkeit als FPÖ-Nationalratsabgeordneter an. Gordon, die sich selbst als „Businessfrau“ beschreibt, hat dann im FPÖ-Parlamentsklub kräftig mitgemischt, ehe sie sich in den USA selbständig machte.

Finanzierungsform

Bei der FPÖ traf Gordon einen Bekannten vom Schwarzenbergplatz: Michael Tscharnutter, heute Landesobmann des BZÖ Wien, war als Personalsubvention ins Parlament abkommandiert. Danach werkte er als Geschäftsführer des Rings Freiheitlicher Wirtschaftstreibender – bis 1995 auf der Payroll der Industrie. Für Ex-Personalchef Domany waren „Mitarbeiterausleihungen“ dieser Art eine neue Form der althergebrachten Parteienunterstützung. „Wir hatten auch die Tochter einer hochgestellten SPÖ-Politikerin im Programm, die Grünen wurden ebenfalls zur Teilnahme eingeladen“, erinnert er sich im FORMAT-Gespräch (siehe Interview ).

Auch wenn der politische Part des Traineeprogramms der IV oft in die Nähe von geheimbündlerischen Aktivitäten der schwarzen Reichshälfte gerückt wurde: Die Industriellenvereinigung habe, betont Domany, damals für alle Personalsubventionen an Parteien die vorgeschriebenen Abgaben entrichtet.

Was nicht so bekannt ist: Ihre Interessen hat die IV parteipolitisch durchaus breit gestreut. Auch wenn die meisten Ex-Trainees eher in ÖVP-nahen Jobs und Ämtern heimisch wurden, finden sich doch zahlreiche Ausnahmen: Stephan Koren etwa amtierte bis vor kurzem noch als Generaldirektor-Stellvertreter in der ehemaligen Gewerkschaftsbank Bawag. Maria Gasteiger ist persönliche Assistentin des aus dem roten Lager stammenden ÖBB-Chefs Christian Kern. Christian Ebner, zunächst blauer und später oranger Sympathisant, jobbte nach seiner Traineeship auch als Stabschef im Ministerbüro des Hubert Gorbach. Dann wechselte er als enger Vertrauter von Hans Peter Haselsteiner zum Bauriesen Strabag. Christoph Stadlhuber ist seit kurzem als Manager für den Immobilien-Millionär René Benko tätig. Nur ein ehemaliger Trainee hat im eigenen Haus Karriere gemacht: Peter Koren ist zum stellvertretenden Generalsekretär am Schwarzenbergplatz avanciert.

Mittlerweile ist eine politische Agenda, wie sie früher hinter dem Traineeprogramm auch stand, für die IV nicht mehr denkbar: Andreas Prenner, aktueller Personalchef, schwört Stein und Bein, dass es Personalsubventionen an politische Parteien nicht mehr gibt. „Bei Anfragen empfehlen wir zwar gute Leute aus unserem Programm, aber wenn die tatsächlich wechseln, verschwinden sie aus unserem Personalstand.“

IV-Generalsekretär Christoph Neumayer begründet die Abkehr von der ehemals politischen Ausrichtung damit, dass nun als Leitmotive „strenge Überparteilichkeit und absolute Transparenz“ hinter dem Traineeprogramm stünden. Den Nerv der Zeit scheint das zu treffen. Melanie Eckl-Kerber etwa wird ihre IV-Schulung in Kürze abschließen und sagt: „In die politische Richtung will ich keinesfalls.“ Eckl-Kerber ist im Nebenjob Obfrau einer Vereinigung von Trainees aller Programme und Lager. Das IV-Konzept lobt sie: „Ich konnte mir ein tolles Netzwerk aufbauen.“

Verzweigtes Netz

Auch wenn sich die Wege der Domany-Truppe von damals inzwischen getrennt haben – man hält Kontakt und hilft sich gegenseitig. Über einen unauffällig als „IV-Partner“ bezeichneten Untermenüpunkt unterhält die Industriellenvereinigung auf ihrem Onlineportal eine Plattform mit Daten aller ihrer Trainees – und sämtlicher anderen Mitglieder des großflächigen Industrie-Netzwerkes. Der Zugang ist exklusiv. Wer über Passwort und Kennung verfügt, kann sich binnen Sekunden zu den sonst nur mühsam aufzutreibenden Mailadressen und oft auch Handynummern der mehr als 300, zumeist sehr einflussreichen Personen durchklicken – von der Innenministerin über den ÖIAG-Chef bis zum Vizekanzler.

Das Netz, welches die Industriellenvereinigung ihren Leuten nicht ohne Eigennutz knüpft, ist engmaschig, tragfähig und zuverlässig. Legendär ist das sogenannte „Open House“ – eine informelle Weihnachtsfeier, die nach dem offiziellen Festakt im zweiten Stockwerk direkt vor dem Personalchefbüro stattfindet. Nach der offiziellen und eher förmlichen Feier geht es dabei durchaus fröhlich zu. Mittlerweile reicht der Gang platzmäßig nicht mehr aus, und man ist in den großen Festsaal übersiedelt (in dem auch TV-Kaiser Palfrader Hof hält).

Dort mischen sich jedes Jahr zwei illustre Runden. Denn auch viele nicht aus dem Traineeprogramm kommende ehemalige IV-Mitarbeiter sitzen inzwischen an Schaltstellen der Macht – und sind eingeladen. Allen voran EU-Kommissar Johannes Hahn, ehemaliger Geschäftsführer der IV-Vorfeldorganisation „Wirtschaftsforum der Führungskräfte“ (WdF). Oder René Siegl, früherer Kampagnenchef der Industrie und jetzt als Geschäftsführer der Austrian Business Agency oberster Betriebsansiedler Österreichs. Die heutige Pharmig-Pressechefin Barbara Grohs ist dabei. Und natürlich ist Christian Domany regelmäßig mit von der Partie im Kreise seiner Schutzbefohlenen von früher: der Mann, der das für die Industriebosse sehr nützliche Netzwerk gesponnen hat.

– Klaus Puchleitner, Jelena Gucanin

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