Wie Diskonter Mitarbeiter und Lieferanten unter Druck setzen

Der Erfolg von Diskontern hat einen hohen Preis: Mitarbeiter sollen gemobbt und bespitzelt werden, Betriebsräte eingeschüchtert und Lieferanten unterdrückt. Was an den Vorwürfen dran ist.

Einen Traumjob stellt man sich anders vor: Ab 6.30 Uhr morgens werden in Österreichs Diskontern Böden gereinigt, Waren sortiert, Regale nachgefüllt und Etiketten beschriftet. Die Kunden strömen in der Regel zwischen 8 und 19.30 Uhr in die Läden, selten heißt es für die Verkäufer vor 20 Uhr Feierabend. Jeder Cent ist hart verdient.

Der Ruf der Billig-Branche ist gemeinhin schlecht. Arbeitskräfte sollen ausgebeutet, bespitzelt und ausgehorcht werden, Belegschaftsvertretungen boykottiert und Betriebsausflüge gestrichen. In Deutschland sorgt das immer wieder für heftige Schlagzeilen, wie schon die Spionage-Affäre bei Lidl im Jahr 2008 zeigte.

Derzeit sorgt Aldi Süd (Hofer) für Diskussionsstoff. Der expansive Diskonter soll, so der harte Vorwurf, im Umgang mit Mitarbeitern nicht gerade zimperlich sein: Aldi überwache Kunden und Beschäftigte und gängle Lieferanten, schreibt etwa "Der Spiegel“. Doch wie schlimm ist es wirklich? Ist die totale Überwachung längst Realität?

Gespräche mit Angestellten, Lieferanten und Experten zeichnen ein kontroverses Bild. Eines scheint gewiss: In Österreich läuft vieles besser als in Deutschland. Das liegt aber nicht an Aldi, Lidl, KiK & Co, sondern am gesellschaftspolitischen Druck: Einen Krieg mit der Gewerkschaft haben auf österreichischem Boden schon viele verloren. Der drohende Imageschaden lässt Diskonter einknicken und die Arbeitsbedingungen verbessern, wie am Fall des roten Textilriesen KiK zu sehen ist.

"Ich tue es fürs Geld.“

Vom Traumjob kann dennoch keine Rede sein. Eine typische Hofer-Kassiererin strahlt selten. Bei Billa oder Spar ist es allerdings auch nicht viel anders. Der Job macht eben den wenigsten Spaß. Bei Diskontern ist der Druck besonders groß. In den österreichweit 430 Hofer-Filialen müssen Mitarbeiter schneller arbeiten als in klassischen Supermärkten. Der Grund: Es gibt deutlich weniger Arbeitskräfte als etwa bei Billa oder Spar, wodurch das Tempo - vor allem an der Kasse - steigt.

Ein Hofer-Manager gewährt FORMAT einen Blick in die interne Kalkulation des Konzerns: In einer zwischen 750 und 850 Quadratmeter großen Filiale arbeiten bestenfalls acht Mitarbeiter, sagt er, bei Billa oder Spar seien es mitunter fünfmal so viele. "Wenn wir mit zehn oder zwölf Leuten eine Million Euro umsetzen, dann braucht die Konkurrenz dafür fünfzig Leute“, sagt der Hofer-Manager. In Summe machen die Kosten fürs Personal somit nur zwischen sechs und acht Prozent des Umsatzes aus - die des Mitbewerbs liegen beim Drei- bis Fünffachen. "Hofer kann die Personalkosten vor allem so niedrig halten, weil auf die Bedienung verzichtet wird“, erklärt WU-Handelsexperte Peter Schnedlitz.

Der medienscheue Konzern, der in Österreich geschätzte drei Milliarden Euro umsetzt, gibt Zahlen prinzipiell nicht bekannt und lässt häufig auch andere Fragen unbeantwortet, etwa, wenn es um "Mitarbeiterzuckerln“ wie Prämien, Betriebsausflüge oder Rabatte beim Lebensmitteleinkauf geht. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Handelsfachzeitschrift "Keyaccount“: Während Rewe und Spar ausführlich schildern, womit sie ihre Mitarbeiter bei Laune halten, kam von Hofer keine Antwort. "Wir haben solche Angebote kaum. Uns ist es wichtiger, die Leute gut zu entlohnen“, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Was auch stimmt. Das Personal sieht deutlich mehr Geld als anderswo: Im Schnitt verdient eine Hofer-Kassiererin um dreißig Prozent mehr als eine bei Billa. "Das macht den Arbeitsplatz bei Hofer sehr wertvoll“, sagt "Keyaccount“-Herausgeber Hanspeter Madlberger, "allerdings steht dafür die Leistung im Vordergrund. Der Druck, gut zu performen, ist besonders groß.“ Eine Hofer-Kassiererin bestätigt das und sagt: "Ich tue es nur fürs Geld.“ Sie komme auf knapp 1.600 Euro netto monatlich, ihre Freundin bei Billa habe rund 350 Euro weniger. Die Folge: Die Fluktuationsrate ist bei Hofer gering. Auch Lehrlinge verdienen mit 1.250 Euro brutto im dritten Lehrjahr mehr als beim Mitbewerb.

Zwar gibt es beim Diskonter keine schriftlich festgesetzten Vorschriften, in welcher Zeit wie viele Kunden abzufertigen sind, doch sorgt das Management für mehr Tempo, damit die Schlangen nicht zu lang werden. "Bei uns sind die Filialinspektoren hoch bezahlt, die machen Druck, damit sie selbst gut dastehen“, sagt die Hofer-Kassiererin.

Von Bespitzelung wisse sie nichts, allerdings nerve die Tatsache, dass der Filialleiter in einem verglasten Zimmer sitze, durch dessen Scheiben er das Personal im Auge behalten könne. "Er kann uns sehen, aber wir ihn nicht. Da fühlt man sich ständig beobachtet“, sagt sie. Bei Hofer wehrt man sich: In dem Zimmer sei ein Tresor, wo hohe Geldbeträge aufbewahrt würden, weshalb eben niemand Einblick haben dürfe.

Dass sommerlich-leichtbekleidete Kundinnen gefilmt werden, so wie es in Deutschland geschehen ist, sei die Ausnahme, sind sich auch die Handelsexperten Schnedlitz und Madlberger einig. "Schwarze Schafe gibt es überall, die Unternehmenskultur von Hofer ist in Österreich besser als in Deutschland.“ Doch von einem entspannten Klima kann offenbar keine Rede sein.

Ähnlich wie bei Billa und Spar fühlen sich auch Hofer-Lieferanten unter Druck gesetzt. Sie wollen aus Sorge vor Sanktionen namentlich genauso wenig erwähnt werden wie Mitarbeiter. Dabei geht derzeit gerade unter Produzenten die Angst um. Denn Hofer will die Markenware auf bis zu 25 Prozent des Gesamtsortiments erhöhen. Für kleinere Lieferanten, die von den großen Supermarktketten preislich schon davor in die Knie gezwungen wurden, bedeutet das mitunter ein jähes Ende.

"Für uns ist das eine Chance“, heißt es hingegen aus der Markenartikelbranche, "aber wir müssen hohe Preisnachlässe gewähren.“ Bei Billa und Spar (gemeinsam mit Hofer dominieren sie mehr als 80 Prozent des Lebensmittelmarkts) ist das schon lange der Fall: Um in den Regalen der großen Ketten dabei zu sein, geben sie kräftige Nachlässe und müssen regelmäßig Preisaktionen zustimmen.

Seit 2011 der erst 33-jährige Jurist Günther Helm in den Hofer-Vorstand eingezogen ist (er managt die Firma mit Friedhelm Dold), scheint das Unternehmen auskunftsfreudiger und nimmt sogar zu den jüngsten Vorwürfen Stellung: "Wir haben in Österreich einen Betriebsrat. Das Verhältnis zu Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten ist sehr gut. Hier wird mit Sicherheit niemand bespitzelt und unter Druck gesetzt.“

Platz zwei für Lidl

Ein Imageproblem hat seit der 2008 an die Öffentlichkeit gelangten Bespitzelung von Mitarbeitern vor allem Lidl. Nun bemüht man sich, den eigenen Ruf zu retten, zum Beispiel, indem Millionen in die Modernisierung von Filialen gesteckt werden. In Österreich hat Lidl seit 2007 schon 180 Läden eröffnet und ist zum nach Hofer größten Diskonter aufgestiegen.

Angeblich trennt man sich gerne von Mitarbeitern, sobald sie die höchste Gehaltsstufe erhalten haben, und im Gegensatz zu Hofer hat Lidl keinen Betriebsrat, sagt Karl Proyer von der GPA-DJP (Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus und Papier). "Obwohl es in Österreich gesetzlich vorgeschrieben ist“, moniert Proyer.

Beschwerden gibt es dennoch erstaunlich wenige, einzig die Bezahlung von Überstunden sei "hie und da“ ein Thema, heißt es aus der Branche, "weil die Überstunden manchmal noch pauschal - und nicht einzeln - verrechnet werden“. Doch das ist ein Problem, mit dem der gesamte Handel kämpft, ebenso wie mit der falschen Einstufung von Mitarbeitern (wenn etwa Kassierer wegen anderer Aufgaben weniger bezahlt bekommen als vorgeschrieben).

Vor allem Schlecker galt im Handel jahrelang als Inbegriff des "Horror-Arbeitgebers“. Die Ausbeutung von Mitarbeitern soll auch mitverantwortlich für die jetzige Insolvenz der Firma sein: Wenig Lohn, unbezahlte Überstunden und grelle, unpersönliche Läden frustrierten die Belegschaft. Heute kämpft Schlecker ums Überleben.

Zielpunkt unter Druck

Leichter wird es auch für Zielpunkt nicht. Die vormals deutsche Handelskette, die in den letzten Jahren mehrmals verkauft und anschließend verkleinert worden ist, hat den Sprung in die Gewinnzone bislang nicht geschafft. Firmenchef und Mehrheitseigentümer Jan Satek betont, dass Zielpunkt längst kein Diskonter mehr sei und sich mit Billa und Spar matchen könne. "Wenn ich zu Zielpunkt gehe, kann ich das leider schwer glauben. Da sieht es ja noch für Schlecker besser aus“, sagt WU-Experte Schnedlitz.

Auch ein FORMAT-Lokalaugenschein in Zielpunkt-Filialen, darunter eine am Wiener Reumannplatz, zeigt, dass von lichtdurchfluteten, modernen Läden, wie es sie bei Billa und Spar zuhauf gibt, keine Rede sein kann. Nur einige wenige Standorte erfüllen Sateks hohe Vorgaben, die meisten Filialen sehen wie klassische Diskonter aus - da hilft es auch nicht, wenn der frühere Profi-Kicker Hans Krankl von den Zielpunkt-Plakaten lächelt.

Beschwerden von Zielpunkt-Mitarbeitern trudeln bei der Gewerkschaft jedoch kaum ein. Zwar wird beim Personal so rigoros gespart wie bei Hofer, allerdings gibt es für die Belegschaft Zuckerln wie Rabattkarten, Firmenfeiern und Geschenke für fleißige Lehrlinge wie Handys und Gratistelefonie.

Geld in die totale Überwachung kann Zielpunkt allein schon angesichts der schlechten finanziellen Lage nicht investieren, da haben Aldi Süd und Lidl bedeutend mehr Möglichkeiten - und machen davon offenbar Gebrauch.

- Silvia Jelincic

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