Wie sicher ist Bio? Dank EHEC steht die ganze Biobranche am Pranger

Der Skandal um die Gurke hat die Bio-Branche in Aufruhr versetzt. Handel und Bauern fühlen sich an den Pranger gestellt. Die Frage, ob Lebensmittel aus biologischem Anbau besser sind, sorgt für Zündstoff.

Die Gurken sind unschuldig. So viel ist sicher. Woher die gefährlichen EHEC-Keime stammen, die allein in Deutschland 16 Todesopfer forderten und nun auch einen Niederösterreicher in Gefahr gebracht haben sollen, ist nach wie vor unklar. Die spanischen Biogurken, die es bis Mittwoch auch in Österreich gab, bleiben dennoch bis auf weiteres aus den Regalen verbannt. Sie sollen einen anderen EHEC-Keim tragen und könnten, so die Befürchtung, zumindest zu Durchfallerkrankungen führen.

Die Lage ist angespannt. Speziell im Biobereich. „Leider ist es zu einer Bio-Hatz gekommen“, stöhnt Ralph Liebing vom Internationalen Verband des Biofachhandels, „und das, obwohl wir nichts dafürkönnen.“ Der Ärger ist groß, „weil Bio pauschal in ein negatives Licht gerückt wird“. Tatsächlich wird durch den „Gurkenskandal“ erstmals die Frage aufgeworfen, wie gut und sicher Bio wirklich ist. Eine Frage, die sich bislang niemand stellte. Bei Bio, so dachte man, könne so etwas nicht passieren. Doch stimmt das?

Biobranche wehrt sich

„Die Auflagen für Bio und die Kontrollen sind sehr streng, daher sind biologische Lebensmittel sehr sicher“, sagt Rudi Vierbauch, Obmann von Bio Austria. Auch WKO-Handelsobmann Fritz Aichinger meint: „Der Befall hätte auch den konventionellen Anbau treffen können, das hat mit Bio gar nichts zu tun.“ Der Fall sei umso ärgerlicher, sagt „Ja! Natürlich“-Chefin Martina Hörmer (Rewe), als er zu einer massiven Verunsicherung der Konsumenten geführt habe: „Und jetzt stellt sich heraus, dass es unberechtigte Panikmache war.“ Bei Rewe brach an einem einzigen Tag der Gurkenabsatz um sechzig Prozent ein.

Dabei haben die Österreicher ihre Leidenschaft für Bioprodukte erst in den vergangenen Jahren so richtig entdeckt: 2010 betrug der Bioumsatz 1,1 Milliarden Euro und damit fast doppelt so viel wie 2006. Parallel dazu stieg die Anzahl der heimischen Biolandbetriebe in den vergangenen 15 Jahren um fast ein Drittel auf rund 20.000, die Bioackerfläche wuchs auf 187.622 Hektar. Waren kleine Bioläden früher wenigen Ökoverfechtern vorbehalten, gibt es mittlerweile große Ketten, die nur auf Bioprodukte setzen, in Österreich etwa Bio Maran und basic.

Auch klassische Ketten wie Billa, Spar und Hofer sind in das lukrative Geschäft eingestiegen. Rewe setzte 2010 mit seiner Biomarke „Ja! Natürlich“ 290 Millionen Euro um, das sind um sieben Prozent mehr als 2009. Bei der Rewe-Tochter Billa sind bereits 12,5 Prozent aller Artikel bio. Rasante Zuwächse verzeichnete im Vorjahr auch die Biolinie „SPAR Natur*pur“: Die Umsätze schossen um 13 Prozent nach oben. „In einem Interspar-Hypermarkt gibt es zirka 20.000 Lebensmittel, rund tausend davon sind biologisch. Wenn man also nur Bio einkaufen will, ist die Auswahl groß genug“, sagt Spar-Sprecherin Nicole Berkmann.

Insgesamt macht der Bioanteil im Lebensmittelhandel zwar nach wie vor nur acht Prozent aus. Bei einzelnen Produktgruppen wie Eiern und Milch werden mittlerweile aber gut 20 Prozent des Umsatzes mit Bioprodukten erzielt. Zum Teil, weil Bioprodukte teurer sind als Produkte aus konventionellem Anbau. „Dieser Unterschied schwindet aber und ist nicht mehr pauschal gültig“, meint Wilfried Oschischnig von der agriculture Handel und PR GmbH. Besonders groß fällt der Unterschied bei Fleisch aus, wo Bio mitunter doppelt so viel kostet. Geht es um einfachen Häuptelsalat, macht die Differenz häufig nur zehn Prozent aus.

Streng geprüft

Bioprodukte sind nicht unbedingt gesünder oder sicherer, schmecken nicht von Haus aus besser und sehen oft nicht anders aus als herkömmliche Lebensmittel. Allerdings unterliegen sie meist strengeren Kontrollen. Seit 1993 ist eine EWG-Verordnung für Bioanbau in Kraft. Demnach dürfen keine chemischen oder synthetischen Zusatzstoffe, Dünger oder Pflanzenschutzmittel verwendet werden.

Nationale Anforderungen, die sich Bioverbände oder die vielen unterschiedlichen Gütesiegel auferlegen, gehen meist über diese Mindestkriterien hinaus. Biobetriebe in Österreich werden zumindest einmal jährlich kontrolliert, hinzu kommt, dass der Anbau gentechnikfrei und frei von genetisch veränderten Futtermitteln erfolgen muss; auch für das Bewässern ist Trinkwasserqualität gefordert, und damit sich der Boden erholen kann, sind Monokulturen verboten. Mitglieder der Bio Austria müssen mit zusätzlichen – unangekündigten – Kontrollbesuchen rechnen. Dasselbe gilt auch für Träger des AMA-Biogütesiegels.

Nur selten kommt es ob der strengen Prüfkriterien zu Rückholaktionen. 2008 hat der Verein für Konsumenteninformation (VKI) bei einem Biosalatkopf aus Frankreich, der in Österreich vertrieben wurde, zu hohe Pestizidwerte nachgewiesen. „Wir konnten den konkreten Bauern nicht ausfindig machen, da er den Salat an eine Kooperative verkauft hatte“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Birgit Beck vom VKI. Zwei Jahre später schnitten bei einem Obst- und Gemüsetest Bioprodukte am besten ab. Nirgends waren Pestizide nachzuweisen. Im Allgemeinen schneiden Bioprodukte bei den Tests der Konsumentenschützer aber gleich gut ab wie herkömmliche. Auch die AGES, die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, sieht keinen gravierenden Unterschied in der Zahl der Beanstandungen, ob es nun um Bio- oder Nicht-Bio-Lebensmittel geht.

Kritisiert wird, dass auch Bioprodukte aus dem Ausland importiert werden. Bio bleibt zwar auch bei langen Transportwegen Bio, aber nicht unbedingt umweltfreundlich. Wer den CO2-Fußabdruck minimieren will, müsste im Winter also auf vieles verzichten. Für Rudi Vierbauch sind importierte Bioprodukte dennoch besser: „Die biologische Landwirtschaft stößt 60 Prozent weniger CO2 aus. Und der Transport macht im Durchschnitt nur fünf Prozent einer CO2-Bilanz aus“, rechnet der Bio-Austria-Obmann vor. Er selbst will auf Bio jedenfalls auch im Winter nicht verzichten.

– Martina Bachler, Silvia Jelincic

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff