"Wer die Jugend verliert, verliert die Zukunft“

"Wer die Jugend verliert, verliert die Zukunft“

FORMAT: Laut aktuellen Umfragen war das Zukunftsbild unter den Jugendlichen in Österreich schon einmal besser. Haben die jungen Menschen Angst vor der Zukunft, und ist diese Angst berechtigt?

Michlmayr: Viele junge Menschen erleben die Auswirkungen der Wirtschaftskrise hautnah. Jobs sind wackelig geworden, selbst eine gute Ausbildung ist keine Garantie auf dauerhafte Beschäftigung. Die Einkommenssituation lässt oft keine großen Sprünge zu. Viele Jugendliche wollen aber nicht dauernd überlegen, was sie morgen machen. Es gibt daher einen großen Wunsch nach Sicherheit, nach Jobs und nach einer guten Ausbildung. Die Jugendlichen spüren, dass die Gesellschaft derzeit nicht alles, was möglich ist, in die Jugend investiert. Dabei sind die jungen Menschen durchaus bereit, ihre Energie ins Gemeinwesen zu investieren, wenn sie da einen Fortschritt bemerken.

Zentner: Für viele Jugendliche ist der Job keine Berufung, nicht der Mittelpunkt der eigenen Existenz. Unser Bildungssystem ist sehr stark auf die berufliche Zukunft ausgerichtet. Doch heute bekommen Jugendliche in Europa, etwa in Spanien, trotz bester Ausbildung keinen Arbeitsplatz. In Österreich haben wir zwar noch eine ungleich bessere Ausgangssituation, aber die Angst ist da, und damit auch der Wunsch nach Sicherheit. Das beweist auch der enorme Stellenwert, den Marken unter den jungen Menschen haben. Die sind ein starkes Sicherheitssymbol, die stellen einen Wert dar, der in vielen anderen Gesellschaftsbereichen verloren gegangen ist.

Schmidt-Erfurth: Wir haben in Österreich viele hoch motivierte Jugendliche, die früh eigene Ziele definiert haben. Soziologen sprechen von der "Generation Y“, also von Menschen, die im Leben nicht nur Passagiere sein wollen, sondern nach Sinn, nach innerer Befriedigung suchen. Das ist eben nicht nur Geld, eben nicht nur Karriere. Daher finden sich immer weniger, die bereit sind, sich Sklavenjobs anzutun. Jobs oder gesellschaftliche Tätigkeiten, in denen die jungen Menschen keinen Sinn sehen, tun sie sich nicht an. Das war vor einem Jahrzehnt noch anders, wo sich der gesellschaftliche Status in erster Linie durch Geld definiert hat, für das man auch unangenehme Jobs erledigt hat.

FORMAT: Ist da neben der Schule nicht auch die Wirtschaft gefordert, für neue Perspektiven zu sorgen?

Sperl: Natürlich sollen die Unternehmer einen Beitrag für die Ausbildung der Jugendlichen leisten. Wir bilden beispielsweise seit Jahrzehnten Lehrlinge aus. Es ist auch vielfach branchenspezifisches Wissen notwendig, um im Beruf bestehen zu können. Dazu gehören auch soziale Kompetenzen, die an den Schulen aber zu wenig gefördert werden.

FORMAT: Gilt das auch für den Forschungsbereich?

Hengstschläger: Österreich ist im Umgang mit der Jugend derzeit so schlecht wie seit langem nicht. Wir sind das fünftreichste Land der Welt, aber wir stecken das Geld in eine Milliarden Euro teure Verwaltung, erhöhen die Pensionen und sparen bei der Bildung und der Forschung. Österreichs wichtigster, weil neben Holz einziger Rohstoff ist Geist. Daher ist das Humankapital das, worauf wir in diesem Land schauen müssen. Wenn wir heute sehen, dass viele Jugendliche Angst vor der Zukunft haben und sich nach Sicherheit sehnen, ist das eigentlich innovationsfeindlich. Wir brauchen eine Jugend mit Mut zur Veränderung und zur Weiterentwicklung. Leider impft aber unser Bildungssystem den jungen Menschen ein, immer schön in der Mitte des Stromes zu schwimmen, ja nicht positiv oder negativ aufzufallen. Jedes Kind in Österreich kommt als Individuum auf die Welt und stirbt als Kopie. Mit dem Hohelied auf den Durchschnitt steuern wir mit Vollgas in eine Sackgasse der Mittelmäßigkeit.

FORMAT: Kommt es deshalb bei den Jugendlichen zu einer Flucht in Parallelwelten, vom digitalen sozialen Netzen bis zum Komatrinken bei der 1-Euro-Party?

Vavrik: Österreich liegt zwar international gesehen beim Wohlstand sehr weit vorne, bei der Jugendgesundheit sind wir aber ganz schlecht. Wir haben die höchsten Raten an jugendlichen Rauchern, in kaum einem anderen Land wird so früh mit dem Alkoholkonsum begonnen wie in Österreich, und die Zahl der adipösen Jugendlichen nimmt laufend zu, ebenso die Fälle von Diabetes im Jugendalter. Da spielen Unsicherheit und mangelnde Zukunftsperspektiven eine große Rolle, aber auch schwere Mängel bei der Kinderbetreuung. Wir sind hierzulande ganz stolz, dass es für 30 Prozent der Kinder eine Krippenbetreuung gibt, vergessen dabei aber, dass pro Kindergruppe mit 16 bis 18 Dreijährigen nur zwei Pädagogen oder Pädagoginnen zu Verfügung stehen, die in völliger Arbeitsüberlastung keine qualitative Arbeit leisten können. Dabei wäre gerade dieses Alter für eine Bewusstseinsbildung bei Kindern für Gesundheit und einen nachhaltigen Lebensstil besonders wichtig.

FORMAT: Also Komasaufen als Frustbewältigung?

Michlmayr: Ich möchte mich gegen das Bild verwahren, das alle Jugendliche von Freitagabend bis Sonntag nur komasaufend und Fast Food essend durchs Leben taumeln. Ebenso wenig kann man aber verleugnen, dass es hier große Probleme gibt. Die Ursache liegt darin, dass die Werte der Gesellschaft, welche den Jugendlichen von klein auf zuhause, in der Schule, aber auch in ihrem sozialen Umfeld eingeimpft werden, dieses "Mach was, tu was, lern was, dann geht es dir im Leben gut“ leider nichts mehr gelten. Im Arbeitsleben gibt es dann plötzlich All-inclusive-Verträge, keine Chancen auf Weiterbildung. Da wird dann nicht das Beste aus den Jugendlichen rausgeholt. Bestes Beispiel: Ein Fünftel der Wiener Lehrlinge schaffen die Lehrabschlussprüfung nicht. Das ist ein Alarmsignal. Es sind ja nicht 20 Prozent der Jugendlichen über Nacht dumm geworden, sondern diese Zahlen sind eine Warnung, dass bei der Ausbildung und in der Gesellschaft etwas schiefläuft.

FORMAT: Ist das der Gesellschaft nur nicht völlig egal?

Zentner: Was wir heute erleben, ist eine Folge des Gordon-Gekko-Denkens von vor 20 Jahren, also der Verabschiedung vom Gemeinwohl und des Herausarbeitens der Ich-Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur darum, mit spitzen Ellenbogen rasch und mit allen Mitteln reich zu werden. Der Ausbau der Eigenverantwortung betrifft auch alle privaten Bereiche, etwa die Kindererziehung. Die Folge: Auch in Österreich tut man alles für die Kinder, vorausgesetzt, es sind die eigenen. Gesamtlösungen im Bildungsbereich, die durch soziale Änderungen neue und gerechtere Möglichkeiten für alle jungen Menschen bieten, sind nicht gefragt.

Hengstschläger: Wir haben im Bildungssystem längst eine Mehrklassengesellschaft, durch die eine Vielzahl an Talenten auf der Strecke bleibt. Der Zugang zur Bildung hat sich seit Maria Theresias Zeiten nicht verändert. In Österreich werden nach wie vor vor allem Kinder von Akademikern wieder Akademiker. Es ist aber die Bringschuld des Staates, bildungsferneren Schichten den Zugang zu allen Bildungsformen zu ermöglichen. Da gibt es vor allem im Bereich der Migranten enorme Defizite.

Vavrik: Es ist leider bezeichnend, wenn 20.000 Jugendliche Österreichs Schulen verlassen, ohne sinnhaft lesen zu können. Gleichzeitig leben im reichen Österreich 140.000 Kinder in Armut. Deren Familien können es sich nicht leisten, gesonderte Ausgaben für die Bildung dieser Kinder zu machen, also Nachhilfe, eigene Lernmaterialien oder Ähnliches. Da die Schere zwischen Reich und Arm sich auch in Österreich immer weiter öffnet, verschärft sich diese Problematik.

Schmidt-Erfurth: Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Gesundheit und Einkommen, das sieht man ja in den USA. Dort klafft die Schere zwischen den ganz Reichen und der Masse der immer ärmer werdenden Teile der Bevölkerung immer weiter auseinander. Demensprechend verheerend sind die dortigen Gesundheitsdaten, auch bei Jugendlichen.

Sperl: Ich möchte heftig widersprechen, dass der Wirtschaft die gesellschaftliche Verantwortung egal ist. Im Gegenteil, die heimischen Unternehmen leisten da durchaus ihren Beitrag. A1 hat mit seiner Initiative "Internet für alle“ einen eigenen Campus in einem vorwiegend von Migranten und einkommensschwachen Gruppen bewohnten Stadtteil von Wien eröffnet, an dem Kindern, aber auch Senioren mit pädagogischer Unterstützung der Umgang mit den neuen Kommunikationstechnologien und dem Internet kostenlos beigebracht wird. Diese Initiative bringen wir mit "Internet für alle on Tour“ in alle Bundesländer. Und in Klagenfurt haben wir den zweiten IFA-Campus eröffnet.

FORMAT: Droht hier Österreich in den nächsten Jahren ein heftiger Generationenkonflikt?

Sperl: Stimmungslagen wie heute gab es in der Vergangenheit immer wieder, wenn große technologische oder gesellschaftliche Veränderungen stattfanden. Das Internet ist ein evolutionärer Meilenstein, man braucht dafür eine neue, digitale Medienkompetenz. Gerade hier können die Senioren von den Jungen viel lernen. Das macht das Internet generationenübergreifend.

Hengstschläger: Die Politik hat leider noch nicht begriffen, dass es nicht darum geht, wie Österreich heute dasteht. Sie müsste längst die Signale erkennen und das Land auf die Zukunft vorbreiten. Es bleibt nichts gleich, wenn alles gleich bleibt. Das Internet bringt uns zwar jede Menge Information, aber kein Wissen. Wie ich aus dem Web zu Wissen komme, gehört gelehrt. Da ist unser Schulsystem leider sehr weit von der Realität weg. Ebenso darf es keinen Schulabgänger in Österreich geben, der nicht zumindest Englisch als Fremdsprache beherrscht. Österreich ist ein Boot, in dem alle sitzen. Die Politik muss daher auch Geld für die nächsten Generationen investieren.

Vavrik: Ich muss da widersprechen. Es ist wichtig, dass die Politik in manchen Bereichen endlich realisiert, wie schlecht Österreich in einigen Bereichen, etwa der Jugendgesundheit, dasteht. Wir haben zwar in Österreich eine durchschnittliche Lebenserwartung von über 80 Jahren, aber die erreichen wir nur durch einen enormen und teuren Einsatz modernster Technik. Im Durchschnitt haben die Österreicher nur 58 wirklich gesunde Jahre. Damit steigt mit der Lebenserwartung auch der Bereich, in dem der Staat zusätzlich für die Gesundheit seiner Bürgerinnen und Bürger zahlen muss. Ab 2020 wird uns dieses Missverhältnis 1,6 Milliarden Euro zusätzlich kosten. Geld, das für Innovationen und Zukunftsinvestitionen fehlen wird.

Michlmayr: Es gibt in Österreich noch keinen Generationenkonflikt, der direkt von den Beteiligten ausgetragen wird. Da ist viel medial Herbeigeschriebes in der öffentlichen Wahrnehmung dabei. Es muss aber das durchaus vorhandene Geld in Österreich fairer verteilt werden. Da müssen auch die Jugendlichen sehen, dass Mittel für ihre Zukunftssicherung eingesetzt werden. Wir haben nichts gegen die Pensionisten und glauben auch nicht, dass sie uns die Butter vom Brot nehmen. Und die Pensionisten wollen ja auch, dass es der jungen Generation gut geht, dass die einen Job haben und sozial abgesichert sind. Die alten Menschen leben ja nicht isoliert von der jungen Generation.

FORMAT: Wie erklären Sie sich dann Jugendrevolten wie in Spanien?

Zentner: In Spanien gibt es keine Jugendrevolte, was wir dort erleben, ist eine Familienrevolte. Ein gemeinsames Auftreten der Generationen gegenüber den Entscheidungsträgern der Politik wäre auch in Österreich notwendig, denn das gezielte Ausspielen einer Gesellschaftsgruppe gegen die andere schürt in Österreich Konflikte, die von selbst gar nicht entstehen würden.

FORMAT: Viele Probleme der Jugendlichen können auch in der Familie gelöst werden, das passiert aber sichtlich nicht. Was läuft da falsch?

Schmidt-Erfurth: Man muss schon genau schauen, was Familien leisten können. Das ist in einer Zeit, wo beide Elternteile arbeiten müssen, um den Lebensstandard halbwegs zu halten, weniger, als viele meinen. Den Kindergärten und Schulen kommt daher schon eine zentrale Aufgabe in der Bildung, aber auch in der Vermittlung sozialer Kompetenzen zu, denn hier hat man die Kinder viele Stunden am Tag zur Verfügung.

Vavrik: Ganztagesschulen sind vor allem in Zeiten steigender Alleinerziehung ein wichtiger Faktor. In Skandinavien sehen wir, dass ein passendes Angebot sogar zu einem Anstieg der Geburtenrate führen kann.

Zentner: Eltern verstehen sich heute oft als "beste Freunde“, daher gibt es zuhause oft keine Konfliktkultur. Daher fehlen aber oft auch klare Regeln, die dann von anderer Stelle an die Jugendlichen herangetragen werden müssen.

FORMAT: Ist das Internet für junge Menschen zu Ersatzfamilie geworden?

Michlmayr: Dem Web 2.0 wird in den Medien ein sozialer Stellenwert eingeräumt, den es nicht hat. Facebook & Co sind für junge Menschen ein wichtiger Kanal, um sich auszutauschen und miteinander zu kommunizieren. Unter sozialem Umfeld verstehen aber auch die jungen Menschen den persönlichen Kontakt mit anderen.

Die Diskutierenden:

Markus Hengstschläger: International gefeierter Genetiker, Professor und Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien, bis 2011 im Hochschulrat der Pädagogischen Hochschule Wien.

Klaus Vavrik: Facharzt für Kinder und Jugendheilkunde sowie Kinder-und Jugendpsychiatrie in Wien und Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit.

Jürgen Michlmayr: Seit 2006 Vorsitzender der Österreichischen Gewerkschaftsjugend. Nach der Produktionstechnikerlehre seit 2006 als Produktionstechnikfacharbeiter in der voestalpine Stahl Linz tätig.

Manfred Zentner: Der Jugendforscher arbeitet am europaweit tätigen Institute for Youth Culture Research und hat zahlreiche nationale und internationale Jugendumfragen durchgeführt.

Alexander Sperl: Seit 2010 ist der Branchenkenner Vorstand für Marketing, Vertrieb und Service von A1. Davor hat er als CEO das Mobilfunkunternehmen Vip mobile in Serbien aufgebaut. Er ist sei 2000 im Unternehmen tätig.

Ursula Schmidt-Erfurth Die Leiterin der Universitätsklinik für Augenheilkunde der MedUni Wien ist Mitglied des österreichischen Wissenschaftsrates und Vizepräsidentin des Europäischen Forum Alpbach.

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