"Wer kein Geld hat, hat ein Problem"

"Wer kein Geld hat, hat ein Problem"

FORMAT : Herr Hamid, Ihr neuer Roman heißt "So wirst Du stinkreich im boomenden Asien", spricht mich in Du-Form an und ist wie ein Lebensratgeber in 12 Kapiteln aufgebaut, die mich zum Erfolg führen sollen. Für eine krisengeplagte Europäerin klingt das fast provozierend verlockend. Enttäuscht es Sie, dass ich mir den schnellen Reichtum trotzdem nicht zutraue?

Mohsin Hamid: Nein, aber ich bin mir sicher, dass Sie jetzt zumindest ein bisschen besser bescheid darüber wissen, wie das mit dem Reichtum in Asien heute funktioniert. Noch viel mehr handelt das Buch aber natürlich davon, was es für ein Leben bedeutet, wenn man das Ziel, unbedingt reich zu werden, so sehr in den Mittelpunkt stellt.

Warum ist diese Sehnsucht nach Reichtum so unglaublich zentral?

Hamid: Gerade in den Schwellenländern ist vieles einfach nicht mehr sicher: Der Staat bietet kaum Schutz und die alten Systeme, die für familiäre Unterstützung sorgten, bröckeln. Es wird umso wichtiger, Geld zu haben, um für sich selbst zu sorgen. Gleichzeitig wachsen die Volkswirtschaften dieser Staaten. Menschen sehen die Möglichkeit, aus der Armut in die Mittelklasse aufzusteigen und aus der Mittelklasse zu den Reichen. Beides zusammen ergibt eine Zeit und eine Region, in der Geld enorm wichtig wird.

Der namenlose Protagonist in Ihrem Buch wird vom armen Bauernbub zum Mineralwassertycoon. Sein Aufstieg ist von allerlei Veränderungen im privaten Umfeld, ein paar übler Tricksereien und Korruption begleitet. Wie wirkt sich das schnelle Wachstum unter diesen Bedingungen auf Gesellschaften aus?

Hamid: Immer noch herrscht etwa in Pakistan sehr viel bittere Armut, aber die Mittelklasse ist gewachsen. Allein in Lahore, wo ich lebe, hat sich die Anzahl der Studenten in den vergangenen Jahren vervielfacht. Doch diese neue Mittelklasse, die sich Motorräder, billige Autos und sogar Privatschulen leisten kann, ist unzufrieden. In Lahore, in Sao Paolo (Brasilien), in Kairo (Ägypten) oder Mumbai (Indien) geht es der heutigen Mittelschicht deutlich besser als eine Generation davor, aber der Frust ist größer, weil sie mehr für sich erwartet.

Erwartet nicht jeder irgendwie mehr?

Hamid: Ja, aber sie erwartet sich zunächst einfach die Chance, es vielleicht zu Reichtum zu bringen. Es gibt unzählige gut ausgebildete Menschen, die keinen Job bekommen, weil sie nicht die richtigen Verbindungen haben. Das zermürbt gerade in den Städten, wo der Reichtum sichtbar ist. Aber diese neue Mittelschicht macht sich bemerkbar. Wir sehen es gerade in der Türkei, in Ägypten, in Brasilien.

Was steht ihr bei ihrem Aufstieg im Weg?

Hamid: Im Buch zeigt sich das an jedem kleinen Schritt, den der Protagonist setzen will. Der Staat ist in vielen Schwellenländern total von privaten Interessen bestimmt. Es sind aber keine Lobbys, die Einfluss auf Gesetze nehmen, wie das etwa in den USA der Fall ist. Sondern es sind einzelne Personen, die für einen gewissen Gefallen Geld verlangen. Das macht aus einem Polizisten, einem Steuerfahnder oder der Aufsichtsperson bei Uni-Prüfungen lauter unberechenbare Kleinunternehmer. Menschen, die nicht von vornherein über Bestechungsgeld verfügen, haben keine Chance. Die Mittelschicht will das ändern, aber sie kommt dabei nicht weiter.

Die Mittelschicht ist jung und zahlreich. Wieso setzt sie sich so schlecht durch?

Hamid: Weil diese Gesellschaften genauso wie der Westen immer noch von den Alten dominiert sind. Wir brauchen einen Aufstand der Jungen, die Geld für ihre Zukunft einfordern. In Ländern wie Pakistan, wo die Hälfte der Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist und Jobs braucht, ist dieser Generationenkonflikt riesig. Die Jugend ist stinksauer, weil sie so wenig Chancen hat. Auch natürlich, weil die alten Systeme nicht mehr funktionieren: Parteifunktionäre, die früher lokal Geld an Schützlinge verteilten und ihnen unter der Hand Jobs verschafften, haben viel weniger zu verteilen, weil es so viele Junge gibt. Ein neues System gibt es aber noch nicht.

Weil sich diejenigen, die den Aufstieg schon schafften, nicht dafür einsetzen? Die kanadische Journalistin Chrystia Freeland hat zum Beispiel festgestellt, dass sich bei den reichsten Menschen der Welt auch diejenigen nach unten abgrenzen, die selbst aus der Mittelschicht stammen.

Hamid: Ja, aber es ist seit jeher eine Kerneigenschaft von Eliten, sich abzugrenzen und oft auch ihre Herkunft hinter sich zu lassen, um über andere Menschen zu bestimmen. Das galt für Alexander den Großen genauso wie für Dschingis Kahn. In Schwellenländern, die über Jahrhunderte von Eliten regiert wurden, ist das keine neue Erfahrung. Gerade in den Megacitys der Schwellenländer sind die Unterschiede zwischen der Elite und dem Rest aber mittlerweile so groß, dass sich etwas ändern muss.

Wohin führt diese Entwicklung?

Hamid: In vielen Teilen der Welt gibt es demokratisch gewählte Regierungen, die es aber nicht schaffen, ihren Ländern die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Um ein paar wesentliche Probleme in den Griff zu bekommen, müssen wir uns teilweise vom Begriff der Nation verabschieden, weil Nationen vieles nicht mehr alleine lösen können. Der weltweite Wettbewerb ist eine Spirale, die nach unten führt: Im Vorteil sind jene Staaten, die die niedrigsten Steuern, die lockersten Umweltgesetze und Arbeitsvorschriften vorgeben. Nur hat all das seinen Preis – und ist nicht von Dauer.

Was schlagen Sie vor?

Hamid: Ich bin Utopist und träume davon, dass die wichtigsten Fragen in einer neuen UNO-Generalversammlung ausgehandelt werden, in der Staaten stärker nach der Anzahl ihrer Einwohner gewichtet vertreten sind. Das würde die Ungleichgewichte in der Welt ausgleichen.

Würde dem Protagonisten Ihres Buches eine Weltregierung helfen? Bei jedem seiner Schritte ist er auf sich allein gestellt, jede Form von Regierung ist weit weg.

Hamid: Er ist jemand, der sich an die Umstände anpasst. Diese können sich ändern.

Sie haben in den USA, in Großbritannien und in Pakistan gelebt. Was können diese drei Länder voneinander lernen?

Hamid: Die USA stehen für die ideale Grundhaltung, wonach jeder Mensch gleich wertvoll ist und etwas beizutragen hat, Europa steht für Solidarität. Von Pakistan kann die Welt lernen, wie wichtig lokale und familiäre Strukturen sind, um Identifikation und Sicherheit zu geben.

Ihr Buch ist nicht zuletzt auch eine große Liebesgeschichte.

Hamid: Endlich kommen wir zum Kern! Ich glaube, wir bemerken, dass der Markt uns zu sehr selbstbezogenen Menschen macht und dabei nicht alles regelt. Ich glaube auch, dass wir in einer spirituell armen Welt leben, darunter leiden und nicht in religiösen Zusammenhängen damit umgehen können. Mit diesem Buch versuchte ich aber, der Grundannahme des Sufismus nachzuspüren: Dass es am Ende immer die Liebe ist, die den einzelnen Menschen über sich hinausführt.

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Zur Person

Mohsin Hamid ist 42 und lebt mit seiner Großfamilie seit einigen Jahren wieder in Lahore. Zuvor studierte er Jus in Harvard und Princeton und arbeitete als Unternehmensberater in New York und London. Die Romane "Nachtschmetterlinge“ und "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte“, wurden internationale Bestseller.

Die Glücksritter Asiens

Die namenlose Hauptfigur zieht als Bub vom Land in die Stadt (Lahore), verschafft sich Bildung, vercheckt gebrannte DVDs, wechselt in den Konservenhandel (er überklebt das verstrichene Ablaufdatum) und landet den großen Coup mit als Mineralwasser verkauftem Leitungswasser. Ein temporeicher Roman vom Aufstieg in einer globalisierten Welt - und eine sehr sehr große Liebesgeschichte.

Mohsin Hamid "So wirst Du stinkreich im boomenden Asien“, (Dumont), € 18,99 ab Herbst 2013.

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