"Wenn sich Europa nicht der Innovation besinnt, werden wir ein böses Erwachen erleben"

"Wenn sich Europa nicht der Innovation besinnt, werden wir ein böses Erwachen erleben"

FORMAT : Die Stahlbranche ist an sich uralt, die voestalpine setzt dennoch seit Langem konsequent auf Innovation, mit stets wachsenden Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Fahren Sie damit in krisenhaften Zeiten besser?

Wolfgang Eder : Wenn man sich die Ergebnisse seit 2008 ansieht, kann man die Frage nur bejahen. Wir haben uns gerade in schwierigsten Zeiten fast stabil weiterentwickelt, Einbrüche finden nur sehr gedämpft statt, weil wir in der Technologie Vorreiter sind und dadurch geringeren preislichen Schwankungen unterworfen sind - und weil wir sehr konsequent eine Innovationsstrategie gefahren sind. Aber es tut mir immer weh, wenn man von "uralt“ spricht. Stahl ist ja im Gegensatz zu vielen anderen Werkstoffen noch immer nicht in seinem Zenit angelangt. Da gibt es noch sehr viel Zukunftspotenzial.

Sie investierten dieses Jahr 132 Millionen in F&E, 2013 sollen es 140 Millionen sein.

Eder : Ja, wir gehen einen Weg weiter, für den wir uns 2002 entschieden haben. Damals haben wir 30 Millionen aufgewendet. Die Mitarbeiterzahl in diesem Bereich haben wir in diesem Zeitraum von 430 auf 800 erhöht. Der Fokus lag auf höchstfesten Stählen, Komponenten für die Automobilindustrie, Eisenbahn-Infrastruktur, Werkzeugstahl, Energie, Flugzeugbau. Dazu kommt: Mit fast 100 wissenschaftlichen Institutionen haben wir inzwischen Forschungskooperationen - und wir suchen uns dafür die besten Partner der Welt.

Das heißt, Sie haben vor zehn Jahren ganz einfach den Schalter umgelegt?

Eder : Nein, es gibt bei uns natürlich schon viel länger eine - auch vom Vorstand getriebene - Innovationskultur. Das geht auf die Zeit der Erfindung unseres LD-Verfahrens zurück, das vor 60 Jahren entwickelt wurde und nach dem heute zwei Drittel des Weltstahls hergestellt werden. Das ist geradezu ein Vermächtnis für uns. Im Bereich von Stranggussverfahren, Oberflächentechnologien, bei Hochgeschwindigkeitsweichen etc. waren wir ebenfalls Vorreiter. Das geht nur, wenn im Selbstverständnis des Unternehmens ein entsprechendes Gen vorhanden ist. Es gibt aber auch zwischen den vier Divisionen in der voestalpine einen gesunden Wettbewerb.

Ihre Investoren verstehen das? Bis sie die Früchte dieser Investitionen ernten können, dauert es oft Jahre - falls es überhaupt eine Ernte gibt.

Eder : Natürlich wird Innovation nicht quartalsweise abgerechnet. Es geht hier um Zeiträume von 6 bis 8 Jahren, wenn man mehr als eine bloße Qualitätsverbesserung anstrebt. Aber unsere Investoren erwarten grundsätzlich, dass wir halten, was wir versprechen - und sie sehen ja, dass wir bisher mit unserer Strategie gut gefahren sind, auch im Vergleich zum Branchenmitbewerb.

Und Ihre Kunden?

Eder : Das ist ebenfalls ein Schlüsselfaktor: Wir arbeiten ganz eng mit unseren Kunden zusammen, mit denen wir Ideen gemeinsam weiterentwickeln.

Zu erfolgreichen Innovationen - etwa auch Ihre unter "phs-ultraform“ bekannt gewordenen Stähle - gehört immer auch ein bisschen Glück, aber eben nicht nur. Was kann man aus diesem konkreten Fall lernen?

Eder : Es gibt kein Allheilmittel. Im konkreten Fall waren es der lange Atem, die Geduld und die Konsequenz. Die Realisierungschance bei "phs-ultraform“ war am Anfang vielleicht 20 Prozent - wir haben dennoch daran festgehalten und Geld in die Hand genommen. Es sollte einem aber bewusst sein, dass Forschungsaufwendungen natürlich immer in hohem Ausmaß Risikokapital sind: Ein erheblicher Teil ist verlorener Aufwand. Entscheidend ist, dass die Relation zwischen diesem Teil und jenem anderen Teil, mit dem man richtig Geld machen kann, stimmt.

Muss in globalisierten Zeiten auch die Forschungsorganisation globalisiert sein?

Eder : Ja, wir haben in etlichen europäischen Ländern, aber auch etwa in Brasilien, jeweils Forschungsbereiche. Auf der Suche nach den besten Leuten müssen Sie ohnehin zwangsläufig global unterwegs sein: Dann gibt es eben Mitarbeiter, die eine gewisse Zeit in Boston, in Houston oder in Buenos Aires sitzen, weil dort die Kompetenzen und Ressourcen sind.

Ist Österreich im letzten Jahrzehnt tendenziell innovationsfreudiger geworden?

Eder : Wenn Sie industrielle Unternehmen meinen, die aus Österreich heraus international tätig sind, dann ist es ein durchaus innovationsfreudiges Land. Wenn Sie die Anwendung von zukunftsweisenden Technologien meinen, dann ist Österreich ein Land, in dem große Zurückhaltung herrscht. Es ist sehr selten, dass Innovationen, die in Österreich entstehen, hier auch zum ersten Mal angewandt werden. Da gibt es eine konservative, Traditionen verbundene Grundhaltung.

Macht das auch die Sache der Innovationspolitiker schwieriger?

Eder : Fairerweise muss man sagen, dass sich in den letzten zehn Jahren das Innovationsklima verbessert hat, begonnen bei der Forschungsförderung bis hin zu einer inzwischen durchaus respektablen Zahl von universitären Einrichtungen, die hervorragende Arbeit leisten. Es hat sich also viel in die richtige Richtung bewegt - es könnte aber wesentlich mehr sein. Was wir uns wünschen: Österreich liegt im EU-Innovationsranking irgendwo zwischen Platz 6 und Platz 8. Wir hatten früher schon einmal den Anspruch, unter die Top 3 zu kommen. Diesen Anspruch sollten wir wieder formulieren, um genauso wie die skandinavischen Länder nachhaltig im Innovationsbereich weltweit eine führende Position einzunehmen.

Eine Partei, die nächstes Jahr bei den Wahlen "Österreich muss Innovations-Weltmeister werden“ plakatiert, wird kaum Wähler anlocken können …

Eder : Da bin ich bei Ihnen: Innovation mangelt es an populistischem Charme. Man kann nur versuchen, sie über durch Innovation entstandene, attraktive Produkte besser verständlich zu machen.

Attraktive Produkte kommen von Apple, neue Services von Google, Innovationen im Social Life von Facebook. Im letzten Jahr hat die digitale Ökonomie Gewaltiges hervorgebracht - aber das sind alles US-amerikanische Konzerne. Hat hier die europäische Innovationspolitik versagt?

Eder : Europa hat da mit Sicherheit in den letzten 20 Jahren viel verschlafen, was die neuen Industrien und Technologien betrifft - auch weil es politisch viel zu stark mit sich selbst beschäftigt war. Und auch Länder wie Korea und China haben begonnen, uns um die Ohren zu fahren. Wenn sich Europa nicht generell wieder der Stärken der Innovation besinnt, vor allem auch in den traditionellen Industriebereichen, dann werden wir sehr schnell ein böses Erwachen erleben. Europa war hundert Jahre lang der Innovationstreiber in fast allen traditionellen Industriebereichen - wir sind gerade daran, diese führende Rolle an andere Weltregionen zu verlieren.

Warum ist das so?

Eder : Das hängt mit der immer noch weit verbreiteten Meinung, die Dienstleistungsgesellschaft sei die Gesellschaft der Zukunft, zusammen - verbunden mit einer wachsenden Industrieskepsis. Aber auch mit einer teilweise nicht nachvollziehbaren Antipathie modernen Entwicklungen gegenüber, etwa bei der Gentechnologie. Da kann ich doch nicht rundweg alles ablehnen, wenn der größte Teil dieser Wissenschaft Menschen in vielerlei Hinsicht hilft und nützt.

Kann man das Abdriften noch stoppen?

Eder : Wenn die Technologie einmal weg ist, wenn die Marktführerschaft einmal verloren gegangen ist, ist es fast unmöglich, sie wieder zu erringen - siehe die derzeitigen Reindustrialisierungsbemühungen in Großbritannien. Die USA sind da etwas erfolgreicher, machen das aber auch mit enormem Einsatz.

Apropos: Wie der aktuelle "trend“ berichtet, planen Sie eine große Investition in Nordamerika - eine Direktreduktionsanlage. Können Sie dazu schon mehr sagen?

Eder : Es ist richtig, dass wir uns im Interesse der langfristigen Zukunftssicherung mit technologischen Alternativen zur traditionellen Stahlherstellung befassen - und zwar sowohl aus Kosten- als auch aus politischen Gründen. Würden wir das nicht tun, wären unsere traditionellen Unternehmensstandorte möglicherweise schon in wenigen Jahren infrage gestellt. Uns geht es dabei um die langfristige Absicherung der Assets, die wir heute haben. Was ich mir von den Rahmenbedingungen in Österreich und Europa wünsche, ist, dass man Bildung, Wissen und Innovation in Politik und Gesellschaft endlich den Raum einräumt, den sie brauchen. Nur F&E und die darauf aufbauende großtechnische Umsetzung bringen langfristig stabile Arbeitsplätze.

Zur Person
Wolfgang Eder, 60, ist voestalpine-Urgestein: 1978 begann der Jurist in der Rechtsabteilung des Stahlunternehmens mit Sitz in Linz. Seit 2004 ist Eder Vorstandsvorsitzender des Konzerns. Im Juni wurde der Oberösterreicher auch als Präsident des Europäischen Stahlverbandes Eurofer wiedergewählt. Bekannt ist Eder, 2011 "Mann des Jahres“ im Magazin "trend“, für sei-ne kritischen Äußerungen zur europäischen Klima- und Industriepolitik.

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