Wenn Banken wanken: Kann die Politik das Finanzsystem vor dem Umsturz bewahren?

Der Crash im Osten wird Österreichs Kreditinstitute Milliarden Euro kosten. Auch der Staat wird bluten. Nun soll ein EU-weiter Marshallplan für Osteuropa das Schlimmste verhindern.

Es ist ihnen nicht leichtgefallen. Doch sie hatten keine andere Wahl. Die Aufsichtsräte der Raiff­eisen Zentralbank (RZB) segnen diese Woche den heikelsten Antrag seit Jahren ab: Der Vorstand bekommt alle Vollmachten für Verhandlungen mit der Republik Österreich. Die RZB benötigt 1,75 Milliarden Euro Staatshilfe, weil nur mehr Banken mit dicken Eigen­kapitalpolstern vertraut wird, weil sie sich an den Kapital­märkten verspekuliert hat (Stichworte: Island, Lehman) und weil sie sich wegen drohender Kreditausfälle in ­Osteuropa warm anziehen muss. „Wir gehen nicht davon aus, das es zu massiven Eigenkapitalproblemen kommt, aber Gewinnwachstum wird es in den nächsten zwei Jahren keines geben“, sagt RZB-Vorstand Karl Sevelda im FORMAT-Interview . Wenn es überhaupt noch Gewinne gibt. Die Aussichten haben sich in den vergangenen Wochen noch einmal so eingetrübt, dass die Konzernschefs von RZB, Bank Austria (BA) und Erste Group nur noch im Nebel tappen. Das einst blühen­de Ostgeschäft, um das die österreichischen Institute weltweit beneidet wurden, ist urplötzlich zur Achillesferse geworden: Faule Kredite, krachende Währungen und möglicherweise zu teuer erworbene Beteiligungen bringen nun die Banken ins Wanken.

Regierung springt in die Bresche
Um einen Crash zu verhindern, der nicht nur Österreichs Geldwirtschaft ins Mark treffen würde, sondern die gesamte Republik, legt sich die heimische Regierung mächtig ins Zeug. Bundeskanzler Werner Faymann und Finanz­minister Josef Pröll versuchen EU-weit Hilfe für Ost­europa zu organisieren.
„Österreich hat immer Drehscheibe zwischen der EU und den mittel- und osteuropäischen Staaten gespielt. Wir haben sehr enge wirtschaftliche Verbindungen, sowohl was die Real­wirtschaft als auch was die Banken betrifft. Und wir haben großes Interesse, die Wirtschaftslage dort zu stabilisieren“, sagt Faymann. Daher überzeugte er Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel diese Woche zu einem Ost-Schulterschluss. Pröll wird in den kommenden 14 Tagen nach Rumänien, Bulgarien, Kroatien und in die Ukraine reisen. Weitere Ostländer sollen folgen. Ziel der Regierung ist es erstens, die osteuropäischen Länder zu überzeugen, eigene Banken-Schutzschirme zu spannen. Davon würden auch die Ost-Töchter von Erste Bank, RZB und BA profitieren. Zweitens sollen die wichtigsten Investoren der Region – Österreich, Deutschland, Belgien, Frankreich und Italien – eine Allianz schmieden. Die Gruppe soll Unterstützung durch den Internationalen Währungsfonds und die EU organisieren. „So wollen wir die Stabilität des Wirtschaftskreislaufes garantieren“, sagt Pröll.

Marshallplan für den Osten
„Wir brauchen einen 100 bis 200 Milliarden Euro schweren Entwicklungsplan der EU“, sagt der Industrielle Hannes Androsch. Das Ganze soll eine Art verspäteter Marshallplan für den Osten sein, damit diese Länder 20 Jahre nach dem Fall der Mauer nicht kippen. „Es ist naiv anzunehmen, dass Osteuropa mit einem blauen Auge ­davonkommt“, sagt Wirtschaftsforscher Franz Hahn (Wifo). „Das Problem ist, dass sich die Oststaaten noch nicht eingestehen, dass sie eigene Schutzschirme brauchen. Außerdem wollen sie keine Budgetmittel in die Hand nehmen“, sagt Michael Ikrath, General­sekretär des Sparkassenverbandes. Ihnen wäre es lieber, wenn Österreich zahlte. Aber die Regierung in Wien bietet ­ihren Banken schon jetzt 100 Milliarden Euro in Form von Eigenkapitalzuschüssen und Haftungsübernahmen an – ein im internationalen Vergleich besonders großes Hilfspaket. Osteuropas Rettung würde Österreich überfordern. Laut einer Aufstellung der Notenbank haben Töchter von Austro-Banken 178 Milliarden Euro Kredite an osteuropäische Haushalte und Unternehmen vergeben. Insgesamt (inklusive Direktkrediten) liegt das Kreditvolumen der rot-weiß-roten Institute in der Region bei 228 Milliarden Euro, das sind rund 70 Prozent des heimischen BIPs.

Hetzkampagne der Deutschen?
„Die ­österreichischen Banken haben höchst ­erfolgreich in Osteuropa agiert und zum Neid der Deutschen die Führungsrolle in der Region übernommen“, sagt der ­Wiener Ökonom Erich Streissler. „Daher wird am deutschen Finanzmarkt Österreich hinuntergeredet. Eine Hetzkampagne.“ Seiner Ansicht nach wird die Ostkrise der heimi­schen Banken weit übertrieben. Andere Optimisten argwöhnen, dass es amerikanische und britische Analysten sind, die alle Länder in einen Topf werfen und ­absichtlich negative Stimmung verbreiten. Natürlich stimmt: Ein einheitliches Ost­europa gibt es nicht. Für Lettland und die Ukraine etwa erwartet die europäische Entwicklungsbank EBRD heuer ein ­Minus von fünf Prozent, Polen und Russland, die wichtigsten Volkswirtschaften in der Region, sollen um rund ein Prozent wachsen. Auch ihre fallenden Währungen bedrohen nur einige Staaten, etwa Rumänien. Osteuropa habe eine „langfristig ­intakte Wachstumsper­spektive“, meint Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny. „Das zeigt sich in den vergleichsweise geringen Krediten im Verhältnis zum BIP.“

Düstere Osteuropa-Prognosen
Fakt ist aber auch: Die Wachstums­prognosen wurden in ganz Osteuropa deut­lich gesenkt. Niemand weiß genau, wie schlimm die Kreditausfälle wirklich sein werden. Wenn es dick kommt, weil sich die EU auf keine konzertierte Aktion einigen kann, dann werden unsere Banken die Verluste nicht alleine verkraften können. Dann wird der Staat, also der Steuerzahler, einspringen müssen. Und auch der könnte bald überfordert sein.
Die revidierten Vorhersagen werfen die Ertragsplanung der Banken über den Haufen. „Die Risikovorsorgen werden in Osteuropa deutlich steigen, weil das Volumen fauler Kredite zunehmen wird“, prognosti­ziert Roland-Berger-Bankenexperte ­Alarich Fenyves. In der Ukraine seien Ausfalls­ra­ten von zehn Prozent und in Russland fünf Prozent und mehr möglich. „In Ungarn und Rumänien sieht es auch nicht rosig aus“, meint Fenyves. Vor allem für Bank Austria und Raiffeisen International wäre das ein Horror. Denn allein die BA verwaltet über ihre Ukrsotsbank in Kiew ­umgerechnet vier Milliarden Euro Kreditvolumen. Die ukrainische Raiffeisen Bank Aval hängt mit mehr als sechs Milliarden drinnen. Beide kalkulieren laut FORMAT-Informationen mit 400 Millionen (BA) und 600 Millionen Euro (Raiffeisen) Vorsorgebedarf. In Russland sind die beiden über Töchter mit jeweils rund zehn Milliar­den Euro engagiert.

Verschlechterung absehbar  
Dazu kommt ein weiteres Problem: Mit milliardenschwe­ren Zukäufen wuchsen BA, Erste und Raiffeisen seit 2005 zu Großmächten in der Region: Die Bank Austria zahlte für die kasachische ATF Bank rund 1,7 Mil­liarden Euro, Raiffeisen für Aval rund 900 Millionen Euro. Am tiefsten in die Tasche griff Erste-Boss Andreas Treichl: Er legte für 62 Prozent an der rumänischen Kommerzbank BCR rund 3,8 Milliarden Euro hin – zum Vergleich: Der Börsenwert der ganzen Erste Group liegt nur noch bei 3,7 Milliarden Euro. Die Bankbeteiligungen verloren 2008 massiv an Wert. „Wenn eine dauerhafte Verschlechterung absehbar ist, dann ist eine Abwertung unvermeidlich“, sagt Bank­experte Fenyves. Der Wirtschaftsprüfer entscheidet über die Höhe: ein weite­rer Schlag für das bitter benötigte Eigenkapital. Einziger Lichtblick: Die Bilanzierungs­regeln wurden spürbar gelockert. Bei der Erste Bank droht der mühsam aufgebaute Schutzwall gegen feindliche Übernahmen zu bröckeln: Der Hauptaktio­när, die Erste-Privatstiftung, hält knapp ein Drittel der Aktien, großteils kredit­finanziert. Bleiben die Dividenden für mehrere Jahre aus, kann die Stiftung ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. In den USA gibt es Investoren, die auf geprügelte Finanztitel spezialisiert sind, zum Beispiel der Recovery Fund, der über zehn Milliarden Euro Spielkapital verfügt. Fonds dieser Art sollen sich auch für Raiffeisen International interessieren. Dass die Ostbank zu drei Vierteln der RZB gehört, stört sie nicht. Sie spekulieren auf Liquiditätsprobleme beim grünen Riesen. Auch eine große Bankenehe von Raiffeisen International und Erste Group wird mittlerweile in Marktkreisen für möglich gehalten.

Vater Staat als Retter
„Die dicken Bankhäuser werden überleben“, sagt Constantin Veyder-Malberg, Vorstand der Grazer Capital Bank. Mittleren Banken droht seiner Meinung nach Verkauf oder Verstaatlichung. Ein „survival of the fattest“ gilt für Amerika aber wohl nicht. Der US-Ökonom Nouriel ­Roubini glaubt, dass dort auf längere Sicht alle Banken beim Staat landen werden. Die Royal Bank of Scotland gehört bereits den britischen, die Hypo Real Estate den deutschen Steuerzahlern. So schlimm ist es in Österreich nicht. Aber dass der Staat auch hierzulande noch Banken übernehmen muss, ist ­keinesfalls auszuschließen. Nach der Kommunalkredit werde es noch heuer in Österreich zur Verstaatlichung weiterer Banken kommen, das erwartet zum Beispiel Wirtschaftsforscher Hahn – oder zur Gründung einer Bad Bank ­(siehe Artikel ). Eine solche Konstruktion der öffentlichen Hand, die den Banken faule Kredite oder Wertpapiere abnimmt, hält auch Hannes Androsch im Ernstfall für denkbar. Manche halten das alles für Schwarzmalerei. „Ich sehe keine Notwendigkeit, dass der Staat eine große Banken retten ­müsste“, ist Ökonomie-Professor Streissler überzeugt. „Wir neigen in Österreich zum Katzenjammer.“ Der heimische Steuerzahler darf also noch hoffen.

Von M. Koch, L. Palme, A. Sankholkar

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