Weltwirtschaft: Fahrt ins Ungewisse

Der globale Wirtschaftsaufschwung ist fragil. Die Schuldenkrise in den Industrieländern, massive Handelsungleichgewichte, Inflation und die Überhitzung der Schwellenländer könnten die Erholung wieder abwürgen.

Eine Welle des Schreckens jagte Anfang der Woche wieder einmal um den Globus. Die Ratingagentur S&P schockte mit einem historisch negativen Ausblick auf die Bonität der USA und schickte damit die Börsen weltweit auf Talfahrt. 14,2 Billionen Dollar Schulden hat die größte Volkswirtschaft der Welt, rief S&P in Erinnerung. Für Präsident Barack Obama eine zwiespältige Sache: Einerseits erleichtert ihm der Warnschuss die Durchsetzung seines Sparprogramms. Andererseits: Würde die Ratingagentur die Bonität tatsächlich herabstufen, so müsste das Land höhere Zinsen für Staatsanleihen zahlen, und der ohnehin zaghafte Aufschwung würde abgewürgt. Eine Katastrophe, nicht nur für die USA.

Eigentlich hätte 2011 das Jahr sein sollen, in dem wieder vollgeladene Containerschiffe durch die Ozeane ziehen. Sie sind ein Gradmesser für den Zustand des Welthandels. Die Branche brach infolge der Krise besonders stark ein. Getrieben vom Wachstum der Schwellenländer und von der Erholung in den Industriestaaten, sollte das Container-Business eigentlich schon wieder boomen.

Aber nun ist klar: 2011 ist nicht das erhoffte großartige Jahr, sondern eines voller Ungewissheiten. Die Unruhen in Nordafrika treiben den Ölpreis, parallel dazu steigen die Nahrungsmittelpreise in Rekordhöhen. Europa und die USA kämpfen mit einer ernsten Schuldenkrise, aufstrebende Wirtschaftsmächte wie Brasilien und China stemmen sich gegen die Überhitzung ihrer Märkte. Dazu die Angst vor der steigenden Inflation. „Wir sind noch immer in der Krise“, warnte vergangenes Wochenende mit ernster Miene Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), „wir müssen schnell handeln.“

Generell wird der Weltwirtschaft für die nächsten Jahrzehnte zwar eine Art Super-Zyklus prophezeit. Aber die kommenden Jahre sind aufgrund vieler Probleme eine Fahrt ins Ungewisse. Das weltweite Wachstum kühlt sich heuer auf 4,4 Prozent ab.

1. Die Schuldenkrise der Industriestaaten

Griechenland, Irland, Portugal und die weltgrößte Wirtschaftsmacht USA kämpfen mit gigantischen Schuldenbergen. In Griechenland zeichnet sich nun ab, dass die strengen Sparmaßnahmen nicht ausreichen werden, um die Staatsfinanzen zu retten. „Alle Beteiligten wissen, dass es hier nicht ohne Umschuldung gehen wird“, sagt Franz Hahn vom Wirtschaftsforschungsinstitut. Die Renditen für zehnjährige griechische Staatsanleihen schossen Anfang der Woche auf Besorgnis erregende 15 Prozent. Egal ob es zu einer Verlängerung der Laufzeiten oder gleich zu einem Schuldennachlass kommt: Die Folgen werden internationale Banken, Versicherungen und Pensionskassen treffen.

Die Probleme in Griechenland sind für die Weltwirtschaft noch verkraftbar. Sollte sich Ähnliches in den USA, dem größten Schuldner der Welt, manifestieren, sähe das anders aus. „Obama muss es innerhalb der nächsten zwei bis vier Monate gelingen, einen Plan zu haben, das Budgetdefizit mittelfristig deutlich zu verringern“, sagt der Ökonom Josef Christl, Berater der Erste Bank. Andernfalls werde das schwindende Vertrauen für die USA steigende Zinsen bedeuten. Eine Einigung der US-Regierungsparteien ist nicht in Sicht.

Fazit: Europa muss mit Griechenland zu klaren Abläufen kommen, damit die Pläne in Irland und Portugal halten und Spanien nicht zum Wackelkandidaten wird. Die USA benötigen einen schnellen Plan zur mittelfristigen Budgetkonsolidierung.

2. Globale Ungleichgewichte

Des einen Freud, des anderen Leid: Die schönen Handels- und Kapitalverkehrsüberschüsse einzelner Länder wie Deutschland und China brachten andere in eine gefährliche Schieflage. Gerade die USA importierten zu viel und konsumierten zu lange auf Pump. Während Deutschland ein Leistungsbilanz-Plus von 5,7 Prozent aufweist, kämpfen die USA mit mehr als drei Prozent Minus. Diese Diskrepanz zwischen Überschuss- und Defizitländern wird nun zum Problem. Fallen die USA nämlich als Käufer aus, bleiben die Chinesen und die Deutschen auf ihren Waren sitzen.

Damit sich das Ungleichgewicht abschwächte, müssten China und Deutschland selbst mehr konsumieren. Steigende Löhne in Deutschland und eine Aufwertung der chinesischen Währung wären eine Voraussetzung.

Fazit: Exportnationen wie Deutschland und China müssen ihre Binnennachfrage ankurbeln, gleichzeitig müssten die USA ihren Exportsektor stärken.

3. Kapitalschwemme in die Schwellenländer

Die Sparanstrengungen der Industrieländer, gekoppelt mit wenig Wachstum und niedrigen Leitzinsen, lenken das globale Kapital Richtung Schwellenländer. Auf der Suche nach hohen Renditen werden 2012 eine Billion Dollar in Länder wie China, Türkei, Indonesien und Brasilien strömen. Allerdings können die Empfänger diese Summen schwer verkraften. Die Märkte wachsen schlicht nicht so schnell, wie von Pensionskassen, Hedgefonds und Fondsmanagern erhofft. Bestes Beispiel: der chinesische Immobilienmarkt. „Die Gefahr von Blasen ist hoch“, sagt Stefan Bruckbauer von der Bank Austria. „Wenn die ersten Investoren merken, dass ihre Renditeerwartungen nicht erfüllt werden, ziehen sie ihr Kapital ab.“

Die meisten Schwellenländer wehren sich deshalb gegen die Kapitalschwemme. Die Führung in Peking etwa beschränkte Immobilienkäufe in 35 chinesischen Städten. Und die brasilianische Regierung hebt sechs Prozent Steuer auf Auslandsgelder ein, die in Obligationen investiert werden. Seit kurzem erlaubt der IWF in Ausnahmefällen Kapitalverkehrskontrollen.

Fazit: Um einer Überhitzung entgegenzuwirken, haben Schwellenländer mehrere Instrumente zur Hand: eine restriktive Geld- und Finanzpolitik, Währungsaufwertungen und Kapitalverkehrskontrollen.

4. Inflation

Getrieben von steigenden Preisen für Erdöl und Lebensmittel, ist in vielen Ländern die Inflation zurück. „Der Ölpreis liegt heute 30 Dollar höher als vor einem Jahr“, sagt Josef Christl, „für die Weltwirtschaft hat das eine Bremswirkung von etwa 0,6 Prozentpunk ten.“ Besonders hart trifft es die Schwellenländer, wo die Nachfrage nach Rohstoffen besonders hoch ist. Bislang sind die Gegenmaßnahmen etwa von China gescheitert. Die USA und Europa versuchen die Inflation durch Lohnzurückhaltung zu dämpfen, was aber gleichzeitig einen deutlichen Kaufkraftverlust darstellt, den jeder im Supermarkt spürt.

Fazit: Die EZB und wohl auch die USA müssen die Zinssätze anheben. Die größte Gefahr ist, dass die Inflation auch die Löhne erreicht und so zur Spirale wird.

5. Finanzmarktrisiken

Um den Finanzsektor ist es zwar relativ ruhig geworden, viele der Risiken, die ursprünglich zur Krise geführt haben, gibt es hier aber immer noch. Ohne grundsätzliche Reformen des Finanzsektors bestehe die Gefahr eines neuen Crashs, heißt es im jüngsten Finanzstabilitätsbericht des IWF. Die verschärften Eigenkapitalregeln, wie sie das Regelwerk Basel III vorsieht, würden nicht ausreichen, um die Stabilität des Finanzsektors in Zukunft sicherzustellen. Besonders betroffen sind europäische Banken, die stark in den Schuldenstaaten engagiert sind.

Nach wie vor keine brauchbare Lösung gibt es auch für den Ernstfall einer Insolvenz von systemrelevanten Banken.

Fazit: Noch höhere Eigenkapitalquoten für Banken könnten die Risiken weiter beschränken. In der Schweiz etwa liegt die Quote bei 16 Prozent.

Welches dieser Risiken für die Weltkonjunktur in welcher Heftigkeit schlagend wird, ist selbst für die Top-Fachleute schwer abzuschätzen. Hinzu kommt, dass sie alle miteinander verzahnt sind. In einer Zeit der Ungewissheit kann nur noch mit Wahrscheinlichkeiten operiert werden: Laut S&P liegt etwa die Wahrscheinlichkeit, mit der die Bonität der USA in den nächsten beiden Jahren herabgestuft wird, bei überraschend hohen 33 Prozent.

Sicher ist: Die Zeit drängt – in Europa genauso wie in den USA.

– M. Bachler, B. Nothegger

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