Weltfinanzen: Panik auf der Titanic

Die Weltwirtschaft ist oberflächlich betrachtet wieder auf Kurs. Doch egal ob in Griechenland, den USA oder China – überall lauern enorme Gefahren. Ein Ausblick auf den zweiten, richtig großen Krach.

Der strahlende Sonnenschein war der Noblesse des Anlasses angemessen. Schließlich erhielt die deutsche Kanzlerin Angela Merkel Anfang Juni die amerikanische Freiheitsmedaille – persönlich von US-Präsident Barack Obama im Rosengarten des Weißen Hauses überreicht. Die beiden Staatsoberhäupter demonstrierten nicht nur bei den Feierlichkeiten, sondern auch in den Gesprächen davor größtmögliche Einigkeit. Gemeinsam, so das Versprechen, habe man sämtliche Krisenherde der Welt im Griff.

Alles reine Fassade?

Wirklich glaubwürdig erscheint die politische Zuversicht momentan nicht. Auf den ersten Blick mag sich die Erholungsfahrt der Weltwirtschaft fortsetzen, unter der Oberfläche aber warten – wie auf die Titanic – unsichtbare, aber gefährliche Eisberge. „Momentan gibt es verschiedenste Entwicklungen, die einen neuen Schock theoretisch auslösen könnten“, so Jörg Angelé, Finanzanalyst bei Raiffeisen International – und das macht die Unsicherheit umso größer.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) etwa warnt davor, dass die bisher auf die Eurozone begrenzte Schuldenproblematik zum Auslöser für eine weitaus größere Finanzkrise werden könnte: „Um es klar zu sagen: Die Marktturbulenzen rund um Griechenland, Irland und Portugal sind nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was bevorstünde, wenn die Anleger ihr Vertrauen in die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen einer großen Volkswirtschaft verlieren.“ Gemeint sind damit Sorgenstaaten wie Italien und Spanien, aber vor allem auch die USA.

Krisenpropheten wie Nouriel Roubini erwarten angesichts der Schuldenberge, hoher Rohstoffpreise, der Fukushima-Folgen und weiterer Unwägbarkeiten einen Wachstumsstopp und halten eine weitere Rezession für möglich. Und Dirk Müller, ehemaliger Börsenhändler und „Mr. DAX“, sieht gleich das bisherige Finanzsystem angesichts der aktuellen Großwetterlage am Ende: „Im Unterschied zu früheren Zusammenbrüchen sind wir durch die Globalisierung heutzutage im Gleichtakt und rauschen alle gemeinsam in den Abgrund“ (siehe Interview ).

Alles nur Schwarzmalerei pessimistischer Untergangstheoretiker? Gar eine „selbsterfüllende Prophezeiung“? Die Faktenlage zeigt jedenfalls erhebliche Risiken auf.

Zu einem wesentlichen Problem haben sich die Schuldenberge der Industriestaaten entwickelt, die in den vergangenen Jahren enorm gewachsen sind – allen voran in Griechenland. Trotz aller Bemühungen und vieler Milliarden Euro aus den Taschen der Steuerzahler ist das Athen-Problem immer noch nicht gelöst. Nach wie vor droht dem mit 150 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschuldeten Land der Staatsbankrott. Die europäische Politik hat sich noch nicht dazu durchgerungen, weitere Hilfsmaßnahmen zu sichern. Schlimmer noch: Die Ratingagenturen haben Anfang der Woche angekündigt, die freiwillige Beteiligung von privaten Schuldnern, wie sie Frankreich und Deutschland vorgeschlagen haben, nun doch als zumindest teilweisen Zahlungsausfall zu bewerten.

Hinzu kommt, dass die ohnehin befürchtete Ansteckungsgefahr für Irland und Portugal wieder gestiegen ist. Die amerikanische Ratingagentur Moody’s stufte Portugals Bonität am Dienstag von „Baa1“ um vier Stufen auf „Ba2“ zurück und versah das Rating mit einem negativen Ausblick. Im Klartext heißt das: Portugal ist „nicht geeignet für ein Investment“. Und: Die Sparanstrengungen und Reformen des Landes reichen Moody’s nicht aus.

Das Horrorszenario: Ein unkontrollierter Staatsbankrott reißt ganz Europa in die Tiefe. Die von den Ausfällen betroffenen Banken müssten erneut gerettet werden, das Vertrauen in die Finanzmärkte würde schwinden – eine weitere Wirtschaftskrise droht.

Aber nicht nur die Krisenländer, auch Resteuropa hat mit hohen Schulden zu kämpfen. Im Durchschnitt der Eurozone liegt die Staatsschuldenquote bei 82,4 Prozent – weit jenseits der 60 Prozent, die der europäische Stabilitätspakt erlaubt. Staaten wie Italien und Spanien haben bereits Sparpakete gigantischen Ausmaßes verabschiedet, um zumindest mittelfristig wieder in die Nähe der Vorgaben zu kommen.

Countdown zum US-Staatsinfarkt

Harte Sparmaßnahmen sehen Ökonomen auch auf die größte Volkswirtschaft der Welt zukommen. „Die USA wurden und werden als Gefahr für die Weltwirtschaft heruntergespielt“, sagt Wolfgang Gerke vom „ Bayerischen Finanz Zentrum“. Im Schatten der Eurokrise hat sich in den Vereinigten Staaten die Dramatik um die Staatsverschuldung erheblich zugespitzt. Mit einer Schuldenquote von 99 Prozent des BIP liegen die USA über dem europäischen Durchschnitt – und über jener magischen Grenze von 90 Prozent, ab der Staaten es den Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart zufolge nicht mehr schaffen, ihrem Totalbankrott zu entgehen.

Die maximale Schuldenobergrenze von 14,3 Billionen Dollar haben die USA bereits Mitte Mai erreicht. Gelingt es der Regierung des Demokraten Barack Obama nun nicht, sich bis zum 2. August mit den Republikanern auf das Anheben der Grenze zu einigen, können die USA die im August auslaufenden Staatsanleihen nicht tilgen – und kein neues Geld mehr aufnehmen.

Auch das käme einem Zahlungsausfall gleich: Die Ratingagentur Standard & Poor’s will in einem solchen Fall die betroffenen Anleihen auf „D“ für „Default“ oder „Totalausfall“ herunterstufen. Die Kollegen von Moody’s haben angekündigt, den USA dann sogar das Triple-A-Rating zu kappen und es auf „Aa3“ herabzusetzen.

Das US-Finanzministerium warnt in diesem Fall vor „katastrophalen Folgen für die Weltwirtschaft, käme es zu einem US-Staatsinfarkt“. Auch der Internationale Währungsfonds fürchtet einen „schweren Schock“, stürzten die USA in den Bankrott: Unzählige Fonds weltweit müssten ihre Portfolios umschichten, wenn die USA ihr Triple-A-Rating verlieren, der weltweite Kapitalmarkt käme ins Schlingern. Längerfristig würden die Zinsen für US-Staatsanleihen steigen, schätzt Gerhard Rünstler vom Wirtschaftsforschungsinstitut. Eine mittlere Rezession würde das BIP deutlich nach unten stürzen lassen, und die Arbeitslosenquote, die momentan knapp unter neun Prozent liegt, würde wieder steigen. Der nach wie vor angeschlagene amerikanische Bankenmarkt würde weiter bereinigt, worunter vor allem mittelständische Unternehmen zu leiden hätten.

„Die Anhebung der Schuldenobergrenze wird gerade zum politischen Spielball“, sagt Gerhard Rünstler. Dass es Republikaner und Demokraten ein Jahr vor den nächsten Präsidentschaftswahlen auf den Staatsbankrott ankommen lassen, hält er für unwahrscheinlich. Das Land habe schließlich die Kapazität und die wirtschaftliche Dynamik, seinen Haushalt wieder in den Griff zu bekommen.

Und, so Rünstler: „Wenn es nicht anders geht, dann wird wieder Geld gedruckt.“ Auch eine hohe Inflationsrate könne schließlich dabei helfen, den Schuldenberg abzubauen.

Überhitze Schwellenländer

Ein dritter Krisenherd sind Ökonomen und Institutionen wie der BIZ zufolge die Schwellenländer, allen voran Brasilien und China. Es bestehe die Gefahr, dass sich bei der Fortsetzung der Politik des billigen Geldes in den aufstrebenden Volkswirtschaften ähnliche finanzielle Ungleichgewichte bilden wie im Vorfeld der Krise in den Industrieländern, warnen die Banker aus Basel. Die USA haben bereits angedeutet, das Niedrigzinsniveau vorerst nicht anzuheben. Auch von der EZB erwarten Experten nur zögerliche weitere Zinsschritte.

Die chinesische Regierung versucht unterdessen, durch Kauflimitationen dem Immobilienboom (siehe links) gegenzusteuern. Sollte das nicht gelingen, könnte der Aufschwung in China abrupt zu einem Ende kommen, schätzt etwa Nouriel Roubini. Zusammen mit den Schuldenkrisen in Europa und den USA braue sich so gerade der „perfekte Sturm“ zusammen.

Katastrophenplan

So unwahrscheinlich ein Totalausfall von Griechenland und den USA ist, so bewusst China die Überhitzung des Immobilienmarktes ist – alle drei Szenarien sind möglich. „Und möglich ist es genauso, dass es zu neuen Schocks auf den Rohstoffmärkten oder in ganz anderen, nicht beobachteten Bereichen kommt“, warnt Analyst Jörg Angelé von Raiffeisen International.

Eine Strategie gegen den großen Crash muss daher grundsätzlich auf zwei Säulen ruhen, sagt etwa Klemens Riegler-Picker, Leiter des Ökosozialen Forums: Erstens muss es gelingen, den Finanzmarkt straffer zu regulieren, um für den Ernstfall eine größere Sicherheit aufweisen zu können. Hierbei geht es vor allem um eine adäquate Risikoverteilung zwischen Investoren und dem Steuerzahler, der zuletzt häufig einspringen musste, wenn die Kapitalsicherung vor allem der Banken nicht ausreichte. „Auch unregulierte Finanzinstrumente wie Credit Default Swaps stellen eine gewisse Gefahr dar“, warnt auch Raiffeisen-Mann Angelé. Hier sei wesentlich mehr zu tun als bisher (siehe Substory ).

Zweitens müssen die Schuldenberge abgetragen werden. Die Staaten werden um harte Konsolidierungsmaßnahmen nicht herumkommen, „Das Risiko ist nicht, zu früh zu sparen, sondern zu spät“, glauben jedenfalls die Ökonomen der BIZ. Anderenfalls würde sie jede weitere, plötzliche Krise umso härter treffen. Die Konsolidierungsmaßnahmen müssten dann wesentlich brutaler ausfallen – und der Spielraum für Konjunkturprogramme wäre noch kleiner. Angesichts der prekären Lage rechnen Pessimisten wie Dirk Müller aber mit einer Tabula rasa: „In der nächsten Rezession werden die Schulden neu verhandelt – und zwar in allen OECD-Staaten.“

Was dann passiert, ist auch klar: Chaos, soziale Unruhen aufgrund der Massenarbeitslosigkeit, Aussichtslosigkeit und zumindest ein verlorenes Jahrzehnt.

– M. Bachler, A. Müller, K. Buchleitner
Mitarbeit: Ch. Wagner

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