Welche heimischen Seen den Standortvorteil für neue Jobs nutzen können

Wirtschaftsfaktor See. Zerstrittene Gemeinden, zersplitterte Kompetenzen, fehlendes Standort-Management – Österreichs Seen lassen gewaltige wirtschaftliche Chancen liegen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Wenn Peter Untersperger, CEO des weltweit tätigen Faserherstellers Lenzing, Besuch von Geschäftspartnern aus dem Ausland bekommt, hat er eine große Sorge: Wo die Gäste angemessen unterbringen? Zwar liegt Lenzing unweit des beliebten Attersees, doch dort gibt es kein einziges Fünf-Sterne-Hotel und kein hochwertiges, ganzjährig geöffnetes Restaurant. „Für uns ist das ein echtes Problem“, sagt Untersperger, „der Attersee ist touristisch leider immer noch sehr verschlafen und wartet seit 30 Jahren darauf, wachgeküsst zu werden.“

Wer als Urlauber zum Millstätter See in Kärnten möchte, muss an der Bahnstation Spittal / Millstätter See aussteigen – und ist dort doch falsch. Denn zum nahen See gibt es weder einen Radweg noch einen akzeptablen Fußweg, sondern nur eine enge, kurvige Straße, auf der es für nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer lebensgefährlich ist. „Leider ist es bisher nicht gelungen, die Stadt Spittal und den Millstätter See touristisch zu verbinden“, klagt der örtliche Immobilienentwickler Peter Kleinfercher. „Da wird eher gegen- als miteinander gearbeitet.“

Um einen Radweg um den Millstätter See zu verwirklichen, mittlerweile ein Highlight der Region, dauerte es drei zähe Jahre. Mit insgesamt fünf Gemeinden und einer Hand voll privaten Waldbesitzern musste verhandelt werden. Bei einer Gesamtlänge von 27 Kilometern kam das Projekt rein rechnerisch 24,65 Meter pro Tag vorwärts – zu wenig, um eine Region voranzubringen. Dabei wäre ein Schub bitter nötig. Seit 2001 ging rund um den Millstätter See jeder 20. Arbeitsplatz verloren, was den letzten Platz im Seen-Job-Ranking bedeutet (siehe Slideshow oben). Größter Schlag war die Schließung der Gabor-Schuhfabrik, wo zu Spitzenzeiten Ende der Neunzigerjahre noch 1.300 Mitarbeiter beschäftigt waren.

Wenn jetzt die aktuellen Nächtigungszahlen für Österreichs Tourismusorte vorgelegt werden, geht es vor allem um die Frage „Sonne oder nicht Sonne?“. Die Bilanz-Erstellung könnte also den Meteorologen überlassen werden: Bei Sommerwetter sind die Betten voll, bei vielen Regentagen leer – so betrachtet ist der Tourismus ein recht simples Geschäftsmodell. Dass dem nicht so ist, illustrieren die beiden oben geschilderten Beispiele. Und dass Österreichs Seen ihr Potenzial bei weitem nicht ausschöpfen, belegt eine aktuelle Studie der Strategieberatung Hoeffinger Solutions über den „Wirtschaftsfaktor See“. Deren zentrale These: Die Seen und die Regionen drum herum sind ein weitgehend ungenutztes Reservoir, eine Quelle ohne Kraft.

Wettbewerbsvorteil See

„Neben der Betrachtung als Tourismus-Destination kann der Faktor ‚Wasser‘ auch als Wettbewerbsvorteil für die Ansiedlung von Unternehmen und für die Entwicklung der gesamten Region genutzt werden“, sagt Studienleiter Stefan Höffinger. Eine attraktive Verbindung von Arbeit und Freizeit, ein ideales Umfeld für die Familien von Top-Mitarbeitern, kurze Arbeitswege ohne Stau – all das können See-Regionen bieten. „Doch dafür bedarf es eines integrierten Standort-Managements, das Tourismus, Infrastrukturentwicklung und Wirtschaftsansiedlung unter einen Hut bringt“, sagt Höffinger. Oder eines eigenwilligen Unternehmers wie Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz. Der hat den emotionalen Faktor „See“ und den hohen Freizeitwert früh erkannt und seine Zentrale bewusst am Fuschlsee errichtet.

Die ersten Aufgaben für ein gezieltes Standort-Management: die verschiedenen Angebote der Region zu vernetzen, widerstrebende Interessen von Gemeinden, Hoteliers, Industriebetrieben und Zweitwohnungsbesitzern unter einen Hut zu bringen und gleichzeitig nach Ergänzungen für den Tourismus zu suchen. Denn auch wenn die späte August-Sonne diesen Sommer noch retten mag, langfristig weisen die Nächtigungszahlen in vielen See-Regionen nach unten: Seit 2005 ist die Zahl der Gäste-Nächte am Attersee um drei Prozent gesunken, Fuschl- und Traunsee haben jeweils zwei Prozent verloren. Oberösterreich als Bundesland insgesamt konnte im selben Zeitraum ein Plus von vier Prozent erzielen.

Auch der Wörthersee hat seit 2005 gegen den Kärnten-Trend zwei Prozent Nächtigungen verloren. Und das, obwohl nirgends anders so viel publikumsträchtige Events stattfinden wie am Wörthersee, vom Beachvolleyball über das ATP-Tennisturnier bis zum GTI-Treffen. Jetzt droht Kärntens Promi-Gewässer sogar größeres Ungemach: Aufgrund ausgeprägter Ufer-Bebauung und einer Flut von Motorboot-Lizenzen erwarten Experten für 2013 eine Herabstufung der offiziellen Wasserqualität von „Gut“ auf „Befriedigend“.

Christian Schirlbauer, Tourismus-Direktor des Attersees, begründet die schwache Bilanz mit dem sinkenden Betten-Angebot: „Immer mehr Tourismusbetriebe sperren zu, weil die junge Generation nicht weitermachen will. Zudem fehlen uns große Leitbetriebe.“ Doch die Ansiedlung neuer Hotels geht über die Technologie- und Marketinggesellschaft TMG in Linz. „Wir wissen vor Ort nicht, wo Grundstücke zu haben sind und zu welchen Preisen“, kritisiert Schirlbauer.

Vorbild Tegernsee

Am Tegernsee im benachbarten Bayern hat man das Problem erkannt. Dort betreibt der See-Manager Oliver Reitz aktives Standort-Management. „Dabei geht es nicht nur um Betriebsansiedlung, sondern wir verstehen uns auch als neutraler Moderator zwischen Unternehmen, kommunalen Behörden und politischen Gremien“, so Reitz. Finanziert wird die Standortmarketing-Gesellschaft (SMG) hauptsächlich von der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee mit jährlich 224.000 Euro – auch für deutsche Verhältnisse eine Besonderheit.

Als die Tegernseer Brauerei ihr Gelände in bester Seelage erweitern wollte, besorgte Reitz dem Unternehmen ein passendes Grundstück in größerer Entfernung, um den kostbaren Seegrund für touristische Nutzung zu erhalten. Der Diskonter Lidl bekam einen Baugrund nur mit der Auflage, auf einem benachbarten Grundstück leistbare Wohnungen zu schaffen, damit die Einheimischen nicht komplett von wohlhabenden Münchnern verdrängt werden.

„Der Tegernsee ist im Bereich des Seen-Managements ein Vorbild“, lobt auch Experte Stefan Höffinger, „Vergleichbares gibt es in Österreich nur in Ansätzen.“

- Arne Johannsen

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff