Weichenstellung: Volksbanken AG und Bawag planen inoffiziell bereits die Fusion

"Volksbank für Arbeit und Wirtschaft": Inoffiziell ist die Fusion der beiden Großbanken Volksbanken AG und Bawag paktiert. Die Due Diligence läuft seit Wochenbeginn.

Am Otto-Wagner-Platz 5 in Wien versammelten sich am Montag Vertreter von Finanzmarktaufsicht (FMA), Nationalbank (OeNB) und der Österreichischen Volksbanken AG (ÖVAG) zu einem Gipfeltreffen mit weitreichenden Folgen. In der neuen FMA-Zentrale berichtete Michael Mendel über seinen Osterbesuch in New York. Als ÖVAG-Vizegeneral hatte er sich mit Topmanagern des amerikanischen Private-Equity-Fonds Cerberus getroffen, um die Möglichkeit einer Partnerschaft auszuloten. „Und?“, fragte OeNB-Direktor Andreas Ittner aufgeregt. „Es schaut gut aus“, antwortete Mendel knapp.

Geheimtreffen stellte die Weichen
Erst nach hartnäckiger Nachfrage durch die FMA-Vorstände Helmut Ettl und Kurt Pribil ließ der gebürtige Deutsche die Katze aus dem Sack: Beim Geheimtreffen in den USA wurden die Weichen für eine Fusion der ÖVAG mit der in Cerberus-Besitz befindlichen Bawag gestellt. Der dort paktierte Merger soll noch im ersten Halbjahr endgültig entschieden werden.
Zwar ist der Fusionsplan noch druckfrisch. Doch es besteht kein Zweifel, dass es Bawag und ÖVAG ernst meinen. Immerhin tüfteln laut exklusiven FORMAT- Informationen mehr als 70 Experten auf beiden Seiten an dem Projekt. Seit Wochenbeginn arbeiten Dutzende Investmentbanker, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer daran, aus den defizitären Geldhäusern eine gesunde „Volksbank für Arbeit und Wirtschaft“ zu formen.
Offiziell wollen weder Bawag noch ÖVAG zu den Fusionsplänen Stellung nehmen. Fakt ist aber laut Recherchen bei Insidern: Die Datenräume sind seit Wochenbeginn für beide Seiten geöffnet und die Aufträge an die jeweiligen Beratungsgesellschaften verteilt.

KPMG und Deloitte sind an Bord
Die Wirtschaftsprüfungskanzlei KPMG soll beispielsweise für die Volksbanken die Bawag-Bücher unter die Lupe nehmen. Umgekehrt wird Deloitte für Cerberus prüfen. Vor allem das riesige Portfolio an strukturierten Produkten, das der Bawag über die Jahre mehr als eine halbe Milliarde Euro Verlust brachte, soll abgeklopft werden. Böse Überraschungen werden dort am ehesten vermutet. In der ÖVAG ist die auf Unternehmensfinanzierungen spezialisierte Investkredit das Sorgenkind. Die Krise brachte zahlreiche Firmenkunden in Zahlungsschwierigkeiten. Das machte hohe Risikovorsorgen notwendig, die die Bilanz erheblich belasten. Mehr als 300 Millionen Euro waren es im Vorjahr. Im Vergleich dazu bereiten der ÖVAG die Beteiligungen an der Immobilientochter Europolis und an der Ostholding Volksbank International wenig Troubles. Für beide soll es ausländische Kauf­interessenten geben.

Buchprüfung voraussichtlich bis Juni
Die Due Diligence, also die genaue Prüfung der Bankbücher, soll bis Juni abgeschlossen sein. So sieht es der ambitionierte Plan vor. Danach wird nicht nur der „Stand alone“-Wert der Banken feststehen, sondern auch ob es „Dealbreaker“ gibt, also Leichen im Keller, die eine Fusion scheitern lassen würden. Momentan wird die ÖVAG laut internen Berechnungen mit zirka 700 Millionen Euro taxiert. Die Bawag soll rund 750 Millionen Euro auf die Waage bringen, also nur „ein bisserl wertvoller“ sein, wie ein in den Prozess involvierter Banker weiß, der anonym bleiben will: „Es wird ein Merger unter ‚Gleichen‘.“ Wer nach dieser Fusion auf Augenhöhe das Ruder in der Hand haben wird, steht noch in den Sternen. Denn von einer „besseren Verhandlungsposition“ könne keiner der beiden Fusionspartner reden, meint der Banker.

Bawag verfehlt den Businessplan
Die ÖVAG hat das Geschäftsjahr 2009 mit fast einer Milliarde Euro Verlust abgeschlossen. Das ist das größte Minus in der Unternehmensgeschichte. Und für 2010 dürfte sich nur mit Müh und Not ein Gewinn ausgehen. Auch die Bawag schreibt Verluste und kommt zudem ertragsmäßig nicht vom Fleck. Die Finanzkrise hat den ambitionierten Businessplan der Cerberus-Manager aus dem Jahr 2007, als die Bawag um 3,2 Milliarden Euro vom Gewerkschaftsbund übernommen wurde, komplett über den Haufen geschmissen. Das damals festgelegte Ziel, einen Gewinn von einer halben Milliarde Euro im Jahr 2012 zu erreichen, ist in weite Ferne gerückt.

Lazard Brothers gegen Goldman Sachs und Morgan Stanley
Das Verhandlungs­geschick der Investmentbanker wird unter diesen Voraussetzungen jedenfalls gefragt sein. Wer die unternehmerische Führung in der fusionierten Bank erhält, wird auch davon abhängen, wer die besseren Argumente zu bieten hat. Auf Volksbanken-Seite verhandelt das britische Investmenthaus Lazard Brothers, und für Cerberus beziehungsweise Bawag gehen die auf Mergers & Acquisitions spezialisierten Berater von Goldman Sachs und Morgan Stanley ins Rennen.
Die Investmentbanken müssen eine Konstruktion erfinden, die auch von den EU-Wettbewerbshütern akzeptiert wird. Als Empfänger von Geldern aus dem staatlichen Bankenhilfspaket unterliegen Bawag und ÖVAG strengen Auflagen. So verbieten die Brüsseler Verträge der Bawag grundsätzlich den Einstieg bei einer anderen Bank. Hingegen ist die Fusion mit einer gesunden Bank („sound bank“) erlaubt. Zur Erinnerung: Trotz der Vor­jahresverluste attestierte die OeNB der Bawag und der ÖVAG „Gesundheit“ im Sinne der EU.

Fusionsvariante sollte EU-Prüfung standhalten
Die Rechtsberater auf beiden Seiten – die Volksbanken werden durch die Kanzlei Schönherr, die Bawag durch Wolf ­Theiss vertreten – gehen jedenfalls davon aus, dass die Fusionsvariante jeder EU-Prüfung standhalten wird. Auch mit kartellrechtlichen Einwänden wird nicht gerechnet. Eine Konsolidierung am österreichischen Bankenmarkt hat Hannes Androsch, Vizepräsident der Banken-ÖIAG FIMBAG und Bawag-Mitaktionär, bereits mehrfach gefordert. Der Zusammenschluss der ehemaligen Gewerkschaftsbank mit der ÖVAG wäre ein wichtiger Schritt in die­se Richtung. Gemeinsam kommen sie auf eine Bilanzsumme von rund 95 Milliarden Euro und etwa 14.000 Mitarbeiter im In- und Ausland. Neben Bank Austria, Erste Group und Raiffeisen würde eine vierte Gruppe entstehen, die am hart umkämpften Heimmarkt überlebensfähig wäre. Das hoffen zumindest die Strategen in Wien und New York.

Merger betriebswirtschaftlich sinnvoll
Geografisch gibt es wenig Überschneidungen. Filialschließungen im gro­ßen Stil wären nicht zu erwarten. Im ­Gegenteil: Die Stärken und Schwächen ­ergänzen sich gut. So kann die ÖVAG die freie Liquidität der Bawag – mehr als acht Milliarden Euro – gut gebrauchen. Vor allem das teure Problem der Refinanzierung von Firmenkundenkrediten würde so elegant gelöst werden. Und für die Bawag wäre das Volksbanken-Vertriebsnetz eine gute Absicherung für den Fall, dass die im Jahr 2015 ablaufende Partnerschaft mit der Post AG nicht verlängert wird. In den Vorstandsetagen von Bawag und ÖVAG besteht zudem die Hoffnung, dass Synergien aus der Fusion die zu erwarten­den Zusatzkosten aus den neuen Eigen­kapitalrichtlinien („Basel 3“) oder der geplanten Bankensteuer kompensieren.

Die Fusion wird Opfer fordern
Im ­Vergleich zur Fusion der Raiffeisen Zentralbank mit der Ostholding Raiffeisen International dürfte der Bawag-ÖVAG-Zusammenschluss viel weiter reichende Folgen haben: Versicherungskooperationen müssten neu überdacht, Fondsgesellschaften zusammengelegt und Doppelgleisigkeiten im Verwaltungsapparat eliminiert werden. Dass die Bawag Versicherung mittelfristig zur Gänze an Partner Generali gehen soll, kann als Schritt in die­se Richtung interpretiert werden. „Es gibt keine Tabus“, stellte Mendel beim FMA-Meeting fest. „Das gilt für beide Seiten.“ Auch Cerberus-Vertretern sei klar, dass die Fusion ihre Opfer fordern wird.

Ende der Markenvielfalt
„The best of both worlds“, wie es ein Investmentbanker auf den Punkt bringt, solle am Ende übrig bleiben. Am wenigsten müssten sich Filialmitarbeiter sorgen, heißt es. Beim Treasury, im Zahlungsverkehr oder im Back-Office-Bereich sieht es freilich anders aus. Das Gleiche gilt für Marketing, Produktentwicklung und Stabsfunktionen, wo Zusammenlegungen naheliegen. Ohne massiven Personalabbau wird es nicht gehen. Auch mit dem Luxus der Markenvielfalt dürfte es bald vorbei sein. Die ÖVAG bringt die Brands „Volksbank“ und „In­vestkredit“ ins neue Haus ein. Im Cerberus-Markenportfolio befinden sich neben der Bawag etwa auch PSK und easybank. Frühestens nach dem für Juni geplanten „Signing“ der Verträge wird feststehen, wovon Insider ausgehen: Außer für Volksbank und Bawag wird kein Platz mehr sein.

Zustimmung von der Konkurrenz
Im Finanzministerium dürften die Fusionspläne positiv aufgenommen werden. Finanzminister Josef Pröll ist jede Option recht, die den Staat nichts kostet. Die ÖVAG holte sich bereits eine Milliarde Euro aus dem Bankenhilfspaket, die Bawag 550 Millionen Euro Partizipationskapital. Außerdem würde Pröll nach Kommunalkredit (2008) und Hypo Group (2009) auf eine dritte Bankenrettung gerne verzichten. Im Notfall würde der Minister dem Vernehmen nach sogar Raiffeisen und Ers­te Group zur ÖVAG-Rettung verpflichten (siehe Kasten). Eine Fusion mit der Bawag würde das hinfällig machen. Darum wird auch die Konkurrenz den Merger nicht torpedieren – ausnahmsweise.

Ashwien Sankholkar

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