Warum die Reichen immer reicher werden

Warum die Reichen immer reicher werden

Nur - wie geht das? Wie können einige wenige enorm schnell enorm reich werden, während der Rest aufgrund stagnierender Reallöhne auf der Stelle tritt? Und warum zählen die wenigen an der Spitze der Gesellschaft selbst dann noch zu den Gewinnern, wenn der Rest zu verlieren beginnt?

Jeff Bezos hat es geschafft. Er gehört dazu. Er kommt zum Dinner ins Weiße Haus, er jettet zum Weltwirtschaftsforum nach Davos, er wird von den wichtigsten Unis der Welt als Gastredner eingeladen. Mal schnell in eine Atomuhr oder in die Erforschung des Weltraums zu investieren, ist kein Problem. Mit 2,5 Millionen Dollar unterstützt er die Initiative für gleichgeschlechtliche Ehen und für 250 Millionen Dollar kauft er das US-Traditionsblatt "Washington Post” - und zahlt in bar. Jeff Bezos ist reich. Manche nennen ihn mächtig. Im Ranking der wohlhabendsten Menschen der Welt liegt der Gründer und CEO des Online-Händlers Amazon auf Platz 19. Sein Vermögen wird auf 25 Milliarden Dollar geschätzt. Dabei ist er noch keine 50 Jahre alt.

Bezos ist einer der sogenannten "neuen Superreichen“. Er zählt zu einer Gruppe von Menschen, die in relativ kurzer Zeit und aus unterschiedlichen Gründen zu gigantischem Wohlstand gekommen sind. "Der Unterschied zwischen den Reichsten und Ärmsten war weltweit noch nie so ausgeprägt wie jetzt“, sagt die kanadische Journalistin Chrystia Freeland , die eine globale Wirtschaftselite jahrelang begleitete und analysierte. Ein Bild, das die jüngste Studie der Uni Linz im Auftrag der Arbeiterkammer übrigens auch für die Vermögensverteilung in Österreich bestätigt.

"Wir erleben eine machtvolle, wirtschaftliche Veränderung, die weltweit soziale und politische Folgen hat“, ist Freeland überzeugt. Denn der Riss, der Gesellschaften in Superreiche auf der einen und den großen Rest auf der anderen Seite teilt, ist groß: Die Reichen werden immer reicher – und der Rest holt nicht mehr auf. Selbst Alan Greenspan, der marktliberale ehemalige Chef der amerikanischen Notenbank, spricht heute von zwei unterschiedlichen Arten von Wirtschaft: Von jener der Supererfolgreichen und jener, mit der die Mehrheit der Menschen zu kämpfen hat. Denn die Globalisierung hat die Spielregeln verändert.

Machtkonzentration

An der Oberfläche sieht alles gar nicht so dramatisch aus: Die vergangenen Jahrzehnte waren in den Industriestaaten von Wirtschaftswachstum gezeichnet. Die Schwellenländer holten auf, große Teile ihrer Bevölkerung konnten der Armut entkommen. Gleichzeitig fing zumindest im Westen die starre Kruste der alten Elite zu bröckeln an - und Platz zu schaffen für Aufsteiger. Dazu gehört etwa der heutige Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein, Kind eines Postangestellten in der New Yorker Bronx, der an der Wall Street Karriere machte. Der in großer Armut aufgewachsene Zara-Gründer Amancio Ortega hat es in nur einem halben Leben zum reichsten Mann Europas gebracht. Und noch schneller ist es eine Generation später Jeff Bezos gelungen, in die Elite aufzusteigen. Von den herkömmlichen Vorstellungen von Wohlstand fehlte bei dem Kind einer Teenager-Mutter, die einen kubanischen Einwanderer heiratete, jede Spur.

Die Gesichter des Reichtums haben sich geändert: Zwei Drittel der weltweiten Milliardäre gelten laut dem Wealth Databook der Citigroup heute als "Selfmade-Milliardäre“ (siehe Grafik ). Nur rund ein Drittel war quasi schon von Geburt an reich und verwaltet das Erbe.

Nur - wie geht das? Wie können einige wenige enorm schnell enorm reich werden, während der Rest aufgrund stagnierender Reallöhne auf der Stelle tritt? Und warum zählen die wenigen an der Spitze der Gesellschaft selbst dann noch zu den Gewinnern, wenn der Rest zu verlieren beginnt?

Das Phänomen wird "The Winner takes it all“ genannt - der Gewinner bekommt alles. Es zeigt sich daran, dass die Konzentration des Reichtums stetig zunimmt: Laut dem Weltvermögensreport der Boston Consulting Group besitzt ein Prozent der Weltbevölkerung mittlerweile 39 Prozent des weltweiten Vermögens - und dieses wächst deutlich schneller als jenes der Gesamtbevölkerung. Das ist simple Arithmetik: Zinserträge, Wertsteigerungen und Dividenden kommen schließlich umso mehr zu tragen, je mehr Mittel dafür eingesetzt werden. Laut einer Capgemini-Studie nahmen die Vermögen der 111.000 reichsten Menschen der Welt allein von 2011 auf 2012 um elf Prozent zu. In einer Zeit, in der sich die Weltwirtschaft erheblich abkühlte, in der die USA mit Wachstumsschwäche und Europa sogar mit der Rezession zu kämpfen hatte. Der deutsche Soziologe Hans-Jürgen Krysmanski hat die zunehmende Konzentration des Reichtums über Jahre beobachtet und befürchtet: "Geld wird zum ultimativen Macht- und Herrschaftsmittel in den Händen von Privatleuten, die letztlich niemandem und zu nichts verpflichtet sind.“ Denn trotz allen humanitären Einsatzes, trotz aller Stiftungen und Think Tanks: Geld bedeutet immer noch vor allem Macht. Und diese Macht sammelt sich und entscheidet über nationalstaatliche Grenzen hinweg.

Die Supersieger

Vermögensanalysen gelten aufgrund der schwachen Datenlage als strittig. Relativ einig sind sich die Experten mittlerweile aber über die Tendenz zur Vermögenskonzentration und die Umstände, die sie bestimmen.

Für den amerikanischen Ökonomen Alan Krueger, bis vor wenigen Wochen führender Wirtschaftsberater von Präsident Barack Obama, lässt sich das Aufgehen der Schere an vier Entwicklungen festmachen: Der Globalisierung, dem technologischen Wandel, der Schwächung der politischen Institutionen und dem Rückgang gesellschaftlicher Werte wie Gleichheit, worunter vor allem die amerikanische Mittelschicht zu leiden hat.

Die globale Vernetzung, der Aufstieg der Mittelklasse in den Schwellenländern und die neuen Technologien haben zwei Dinge ermöglicht: Erstens agieren Konzerne global und suchen nach den günstigsten Bedingungen. Und zweitens haben sie es möglich gemacht, dass sich Erfolgsmodelle schneller ausbreiten als jemals zuvor: Wird Rihannas neue Platte ein Hit, wird sie das sofort weltweit. Dann verselbständigt sich der Rest: Sie kann höhere Ticketpreise für ihre Konzerte verlangen und die Tour auf alle Kontinente ausdehnen. Setzt sich die neue Kollektion von Prada durch, strömen die Einnahmen aus China, Indien, den USA und Russland gleichzeitig herein. Dasselbe gilt für das iPhone oder für Red Bull, der Weltmarke aus Österreich: Entweder etwas wird weltweit ein Bestseller oder ein Flop. Und von den Bestsellern profitieren nur wenige.

Angetrieben von der Finanzwirtschaft sind in diesem hochkompetitiven, auf wenige Konzerne konzentrierten Umfeld auch die Gehälter in exorbitante Höhen geschossen. Ein weiterer Faktor, der die Ungleichheit verschärfte. Hinzu kamen Neulinge wie Google, Amazon und Facebook: Durch ihre Innovationen haben sie es geschafft, fast monopolartige Stellungen zu erlangen. Noch keine 30 Jahre alt, haben ihre Gründer es nicht selten in den Klub der Superreichen geschafft. Auch wenn man das Leuten wie Bezos, der bevorzugt Khaki-Jeans und blaue T-Shirts trägt, gar nicht so ansehen mag.

In Europa spielt die Tech-Branche für die neuen Reichen noch keine so große Rolle wie in den USA, doch auch hier gilt: Schiere Größe bewährt sich. Die greise französische L‘Oreal-Erbin Liliane Bettencourt liegt mit einem geschätzten Vermögen von 30 Milliarden Dollar auf Platz neun des Forbes-Ranking und gilt als reichste Frau der Welt. Die dominante Gruppe unter Europas Superreichen hat ihr Vermögen aber durch die Bank verteilt auf ein, zwei Generationen, aufgebaut und vermehrt: Im Einzelhandelsbereich sind Namen wie Karl und Theo Albrecht (Aldi), deren gemeinsames Vermögen auf etwa 43,5 Milliarden Dollar geschätzt wird, ein Begriff. Der schwedische Ikea-Gründer Ingvar Kamprad spielt ebenso in der Oberliga mit wie der französische Investor Francois Pinault (Gucci, Yves Laint Laurent), der über ein Vermögen von 15 Milliarden Dollar verfügt - und von der globalen Elite, die sich seinen Luxus leistet, profitiert.

Sich selbst am nächsten

Entstanden ist auf diese Weise eine weltweite Gemeinschaft, die sich kennt und wo sich die Konzentration auf eine schmale Spitze fortsetzt: Russische Oligarchen mögen sich zwar eher für britische Fußballvereine und Model-Freundinnen interessieren als amerikanische Tech-Milliardäre, dennoch haben sich ihre Lebensstile einander angeglichen. Sie treffen sich in denselben Hotels und Restaurants, sie haben denselben Zahnarzt, Anwalt und Schönheitschirurgen, deren Honorare wiederum die Ungleichheit in ihrer Branche verstärken.

An einer gewissen Abschottung hat auch nichts geändert, dass viele von ihnen ursprünglich aus der Mittelschicht stammen. "Es ist eine Herausforderung, den raschen Reichtum auch psychologisch zu verkraften“, beobachtet Tarek el Sehity, der zum Thema Geldpsychologie forscht, "denn die wenigsten sind darauf vorbereitet, dass Reichtum Veränderungen mit sich bringt.“ Auch weil sie befürchten, auf Neid oder Missgunst zu stoßen, würden Vermögende unter sich bleiben. Chrystia Freeland wiederum beobachtet, dass viele der jungen Milliardäre überzeugt sind, dass sie ihren Reichtum verdienen, weil sie ihn sich erarbeitet haben. Oder dass sie, etwa wenn es um Oligarchen oder chinesische Aufsteiger geht, eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und die großen neuen Chancen vor den anderen erkannt haben.

Das Auseinanderdriften der Gesellschaft ist evident. Vor allem für Staaten wie China und Indien, aber auch für die USA, kann es zu einem sozialen Problem werden, wenn ein Teil der Bevölkerung nicht mehr mitkommt. Gegenrezepte gibt es noch keine. Aber fest steht: Nationale Steuern alleine sind nicht die Lösung. Dafür ist das Problem zu komplex.

---
Hier geht's zur kompletten trend-Liste der 100 reichsten Österreicher: www.trendtop500.at/die-reichsten-oesterreicher/
---

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff