Warum in der Krise immer mehr Bosse an Übersinnliches glauben

Für die einen ist es der Weg zum Erfolg, für die anderen esoterischer Humbug: Der Glaube an Numerologie, Astrologie und Kraftfelder erlebt in der Krise regen Zulauf. Wie Manager ihre Haltung zum Irrationalen begründen.

Christiane Wenckheim ist es egal, wenn hinter ihrem Rücken getuschelt wird. Das war schon damals so, als sie als junge Frau auf einer argentinischen Ochsenfarm anheuerte, und auch später, als sie Chefin mehrerer Würstelstände wurde. „Alles, was ich tue, tue ich aus Überzeugung“, sagt Wenckheim, die ihren Vater 2010 an der Spitze der Wiener Ottakringer Brauerei ablöste. Die zweifache Mutter ist ihren Grundsätzen treu geblieben – selbst wenn diese in der Gesellschaft mitunter belächelt werden. Christiane Wenckheim gilt als „spirituell“, als „eine, die an etwas komische Dinge glaubt“.

Doch damit hat die 46-jährige Unternehmerin kein Problem. „Ja, es stimmt, ich bin eine Verfechterin von Dingen, die man nicht sieht beziehungsweise nur mit dem dritten Auge. Ein offener Geist führt beruflich und privat zu Erfolg“, sagt sie.

Auch im Unternehmen spiegelt sich Wenckheims Haltung wider: Ottakringer-Mitarbeiter können bei Bedarf mit einer Psychokinesiologin über ihre Probleme sprechen, wodurch es häufig zur Lösung psychischer und physischer Blockaden kommt und in der Folge zur Steigerung der Arbeitsleistung. Wenckheim ist der Überzeugung, dass jeder Mensch von externen Kräften beeinflusst wird, die, so richtig ausgelegt, nützlich sind, wie zum Beispiel das Pendel. Pendeln könne in vielen Fragen des Lebens eine Entscheidungshilfe bieten, meint Wenckheim. Sie selbst hat es schon einmal bei einer Bierflasche ausprobiert. So ziert ein „erpendelter“ Stern eine gelbe Spezialausgabe des Ottakringer-Biers. Im Prinzip kommen positive Kraftsymbole wie der gelbe Stern immer dann zustande, wenn das Pendel im Uhrzeigersinn schwingt.

Glaubenssache

Nur wenige Unternehmer sprechen so offen über ihren Glauben an übersinnliche Mächte wie Wenckheim. Zum einen aus Angst, belächelt zu werden. Zum anderen fürchten viele Nachahmer, wie Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz. Er werkt mit seinen Mitarbeitern in einem pyramidenartigen Gebäude. Innen gleicht das abgelegene Haus im Salzburger Fuschl einem Labyrinth, das seinen Insassen das höchstmögliche Maß an Energie spenden soll (siehe Substory ).

Doch selbst wenn viele Unternehmer ihre umstrittenen Erfolgsgeheimnisse lieber verschweigen: Ihr Glaube manifestiert sich in ihren Managemententscheidungen, wie allein der Blick auf Firmenlogos zeigt. Der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs, die Luxuslabels Chanel und Dolce & Gabbana oder Mastercard sind nur einige von Hunderten prominenten Beispielen, wo im Logo die Form „Vesica piscis“ (Fischblase) erkennbar ist. Sie ist ein Symbol für Fruchtbarkeit und soll, so die Hoffnung, zu Wohlstand führen (siehe Substory ).

Ein ähnliches Symbol, die Blume des Lebens, findet sich an den Pforten des neuen P&C-Geschäfts in der Wiener Kärntner Straße. Die Blume des Lebens, die aus Kreisen besteht, die Fischblasen bilden, gilt seit Tausenden Jahren als Symbol für Energie und Ordnung. Im Klartext: Der Kunde soll sich bei P&C wohl fühlen und beim Shoppen viel Geld ausgeben.

Neben Energiesymbolen bedienen sich viele Unternehmer der Numerologie, darunter der mächtige Bund der Freimaurer. Auch die positive Kraft, die energetisiertes Wasser spendet, sowie die Konstellation von Sternen, die das Geschehen an Börsen wie durch Zauberhand beeinflusst, sollen nicht zuletzt in Krisenzeiten eine wichtige Rolle spielen. Jetzt, wo ganze Staaten dem großen Crash entgegenzittern, wächst die Bedeutung dieser Symbole.

Zwar ist die Skepsis darüber in der Gesellschaft nach wie vor beträchtlich, doch auch Größen aus Wissenschaft und Forschung, wie der deutsche Biophysiker Dieter Broers, schenken diesen Phänomenen Beachtung. Für Broers ist vieles davon längst kein esoterischer Humbug, sondern wissenschaftlich überprüft (siehe Interview ).

Naturformen

Während Broers der Astrologie skeptisch gegenübersteht, ist für ihn völlig klar, dass nach dem Goldenen Schnitt konzipierte Formen positiv auf den Menschen wirken. „Der Goldene Schnitt gibt die Bauart der Natur wieder und bezeichnet das Verhältnis von Längen, das überall in der Natur zu finden ist. So wird nachweislich Ordnung geschaffen. Für den Menschen kann das nur gut sein“, sagt der Naturwissenschaftler nüchtern.

Das glaubt auch Roman G. Lechner. Der Waldviertler, der für die Produktentwicklung beim Luxusyachten-Ausstatter List zuständig war und sich danach selbständig machte, bietet Möbel und Häuser im Goldenen Schnitt an. „Der Goldene Schnitt steht für Längen, die im Verhältnis 1:1,618 stehen. Die Mona Lisa von Leonardo da Vinci oder seine Zeichnung des vitruvianischen Menschen bis zu Bauwerken wie die Kathedrale Notre-Dame reflektieren diese natürlichen Proportionen“, sagt Lechner.

So steht zum Beispiel der menschliche Oberkörper zum Unterkörper in ebendiesem Verhältnis, dasselbe gilt für die Anatomie von Tieren, auch Pflanzen sind so konzipiert. Viele Sonnenblumen haben im äußeren Bereich 34 Spiralen linksdrehend und 55 Spiralen rechtsdrehend. Dividiert man 55 durch 34, zeigt sich, dass die Anordnung der Spiralen auf dem Goldenen Schnitt basiert. „Wenn Möbel nach diesem Prinzip gebaut sind, führt das zu Wohlbefinden und auch zur Steigerung der Arbeitsleistung“, meint Lechner.

Hinzu kommt, dass Sonnenblumen, ähnlich wie das Red-Bull-Logo, nach dem Fibonacci-Prinzip aufgebaut sind (siehe Substory ). Nicht umsonst gilt die Sonnenblume als Symbol des Sommers und der Freude.

Der Fleischhändler Harald Weichselbaum ist schon lange davon überzeugt, dass der Goldene Schnitt Ordnung schafft und die Performance verbessert. Für ihn hat Lechner unter anderem die Einrichtung für die Zentrale seiner Großhandelsfirma Interdel konzipiert. „Die Form des Besprechungstisches ist die Fischblase, und auch die Rückenlehnen der Sitze zeigen die Fischblase. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die Gespräche sehr positiv beeinflusst. Kunden und Partner haben mich schon oft verwundert gefragt, woher die gute Stimmung im Raum kommt“, sagt Weichselbaum, der mit seiner Firma europaweit tätig ist und gerade seine Präsenz in Russland und Amerika ausbaut. Ganz billig sind die aus massivem Holz hergestellten Möbel allerdings nicht: Bei Roman Lechner kostet ein Zirbenholz-Bett im Goldenen Schnitt von 3.000 Euro aufwärts und ein Tisch für zehn Personen zwischen 2.500 und 7.000 Euro.

Zahlenspiele

Der Wiener Werber Alois Schober, Chef der Agentur Young & Rubicam, glaubt ebenfalls an Kraftfelder, die zu Erfolg führen – und vor allem an die Macht der Zahlen. Mithilfe von Numerologie und Tarotkarten organisiert er sein Leben erfolgreich. „Schon ein altes chinesisches Sprichwort besagt: Traue keinem, der die Zahlen nicht kennt“, meint der 65-Jährige. Für Schober gibt es keine Zufälle. „Das Problem ist, dass die Menschen den Plan dahinter nicht durchschauen“, sagt der charismatische Werber.

Karten und Zahlen haben Schober noch nie enttäuscht. „Ich bin eine Fünf, diese Zahl begleitet mich mein ganzes Leben. Die Bedeutung von Zahlen fällt aber nur Menschen auf, die das aufmerksam verfolgen.“ Bei heiklen Deals ist es Schober wichtig, dass die Zahlen stimmen – am besten, wenn die Geschäfte an Tagen abgeschlossen werden, die seine Lieblingszahl fünf enthalten (als Quersumme des jeweiligen Datums). „Die Fünf ist auch die Quersumme meines Geburtsdatums, der 31. August 1946“, erklärt Schober.

In den Tarotkarten ist Schober der Hierophant, also die fünfte Karte und somit der Hohepriester, der das Leben auch mit dem dritten Auge sieht und offen ist für schwer fassbare Phänomene. Eine besondere Rolle spielt für Schober daher die Astrologie. „Als ich den Wahlkampf für Präsident Heinz Fischer verantwortete, habe ich mich danach orientiert. Schon 14 Tage vor der Wahl haben die Sterne seinen Sieg angekündigt. Ich verlasse mich aber nicht auf die Astrologie, sondern wende auch komplexe Mathematik an, um auf Nummer sicher zu gehen.“

Himmelszeichen

Dass die Sterne die Wahrheit deuten, davon ist auch Börsenastrologe Manfred Zimmel überzeugt. Der WU-Absolvent hat Finanzkrisen in den vergangenen Jahren immer wieder richtig vorausgesagt. „Wissen Sie, die Börsenastrologie ist empirisch sehr gut belegbar“, sagt Zimmel, der auf seiner Website amanita.at zahlreiche Beispiele aus der Historie anführt. So hat zum Beispiel der verstorbene Amerikaner William Gann mit seiner Sternendeutung ein Vermögen gescheffelt: Im Oktober 1909 verzehnfachte Gann sein eingesetztes Kapital in nur 25 Tagen. Ähnlich erfolgreich ist heute Börsenastrologe Bill Meridian, der trotz Krise sogar mit seinen Fonds beachtliche Erfolge feiert.

Dabei bedienen sich die Herren, wie Zimmel sagt, einfacher Rezepte: Demnach können anhand der Bewegungen von Planeten unseres Sonnensystems, darunter Pluto, Mars und Jupiter, hohe Rendite abgelesen oder Risiken entdeckt werden. Ein Beispiel: Wechselt Uranus ins Zeichen der Fische, kommt Bewegung in erstarrte Strukturen, und unkonventionelle Lösungen fallen auf fruchtbaren Boden, wodurch Schwung ins Unternehmen kommt. In diesem Fall sind Investitionen ratsam.

Gefahr droht der Menschheit derzeit durch den als Schuldenplaneten bekannten Pluto, sagt Zimmel, „den Planeten der kollektiven Macht“. „Pluto wechselte 2008 vom Schützen in den Steinbock. Das deutet auf Unruhen auf vielen Ebenen hin, wie uns die Wirtschaftskrise und die derzeitigen Revolten zeigen“, erklärt der 37-jährige Heidenreichsteiner. Eine Eskalation der Lage drohe laut Zimmel ab August 2013 bis Anfang 2015. „Das kann ein Flächenbrand sein, zum Beispiel wenn mehrere Staaten bankrottgehen, aber auch eine Hyperinflation ist wahrscheinlich.“

Einen Blick in die Zukunft werfen regelmäßig auch die Investoren Michael Tojner und Manfred Bodner. „Manfred glaubt noch mehr an die Wirkung der Sterne als ich“, meint Tojner, Chef der Wiener Investmentfirma GEP (Global Equity Partners). Der Tiroler Bodner und der Oberösterreicher Tojner sind schon seit vielen Jahren eng miteinander befreundet. Zwischen den beiden sind in den letzten Jahren aber auch schon einmal ordentlich die Fetzen geflogen. „Jeder streitet eben, das gehört dazu, aber jetzt passt wieder alles“, sagt Tojner.

Wie eng die Verbindung der beiden ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass bwin.party-Manager Manfred Bodner eine Astrologin mit der Prüfung ihrer Freundschaft beauftragte. Sie sollte nachsehen, wie stabil die Beziehung ist und welchen Gefahren sie ausgesetzt ist.

Das Ergebnis spiegelt sich auch beruflich wider: Bodner und Tojner halten gemeinsame Beteiligungen an Gastronomiebetrieben. Stadtbekannt ist ihr Wiener Nachtlokal Bar Italia, aber auch das Glacis Beisl genießt ob seiner gediegenen Hausmannskost einen guten Ruf. „Bei der Eröffnung vom Glacis Beisl hat uns eine Astrologin geholfen“, erzählt Tojner, den das Resultat der Beratung überzeugt hat. „Das Glacis Beisl geht schon seit Jahren sehr gut. Das liegt auch daran, dass der durch unsere Astrologin determinierte Zeitpunkt für die Eröffnung perfekt gewählt war“, sagt Tojner, der beim Opening auf die richtigen Mondphasen vertraute.

Wasserkraft

Nicht nur Himmelskörper, Formen aus der Natur wie der Goldene Schnitt oder Zahlen sollen unser Leben beeinflussen. Ein wesentlicher Faktor, der sich wie ein roter Faden durch das Leben zieht, ist das Element Wasser. Der menschliche Körper besteht im Schnitt zu gut siebzig Prozent aus Wasser.

Während es nachweislich Menschen gibt, die kaum Nahrung brauchen und dennoch sehr alt werden, ist es für jeden Menschen unmöglich, ohne Wasser auszukommen. Wasser steht in allen Kulturen der Welt für Kraft und Leben. Umso wichtiger ist es, dass Wasser sauber ist und die Fähigkeit besitzt, den Menschen auch von innen zu reinigen.

Wie das am besten möglich ist, beschäftigt den japanischen Wissenschaftler Masaru Emoto. Der 68-jährige preisgekrönte Forscher kam zur Erkenntnis, dass Wasser die Einflüsse von Gedanken und Gefühlen aufnimmt – und speichert. Er behauptet zum Beispiel, dass Musik Ordnung in die Strukturen von Wasser bringe und dem Menschen zu Wohlbefinden verhelfe. Laut Emoto bildet „gesundes Wasser“ im Gegensatz zu „krankem Wasser“ sechseckige Kristallstrukturen. Gesund ist im Prinzip reines Quellwasser sowie Wasser, das mindestens einige Minuten wohltuenden Klängen ausgesetzt war.

Wie die meisten Wasserenergetiker meinen, reiche es auch, wenn das Wasser in eine Karaffe gegossen wird, die im Goldenen Schnitt konzipiert ist und deren Unterseite zusätzlich die Blume des Lebens ziert. So wollen sie festgestellt haben, dass Ordnung in Wasserkristalle kommt und sogar Krankheiten geheilt werden. In der Wissenschaft sind diese Ansätze allerdings äußerst umstritten.

Doch auch österreichische Unternehmer, darunter der Holzindustrielle Gerald Schweighofer, glauben an die Kraft des Wassers. Wenn der 53-Jährige Zeit hat, spürt er Wasseradern und Energiepunkte auf. Anfangs bediente er sich dabei der üblichen Drähte, später nahm er nur noch seine Metallbrille zu Hilfe, und mittlerweile kommt er ganz ohne Werkzeug aus.

Für Hokuspokus hält das niemand mehr. Einen „sechsten Sinn“ habe Schweighofer, sagt sein Freund Ali Rahimi begeistert. Bekannte, deren Kinder keinen Schlaf finden, konsultieren Schweighofer gerne – und in der Regel kann der Holzbaron aufgrund der bloßen Schlafzimmerskizze Rat geben, was man verändern könnte.

Stephan Kugel kann sich das gut vorstellen. Der Gelsenkirchner baut in Haushalten Geräte ein, die Wasser reinigen. Der Chef der Firma Lebenswerkstatt bedient sich dabei einer Umkehrosmoseanlage, die bei der Wasserleitung angebracht wird. Im Prinzip läuft der Prozess so ab, dass Druck erzeugt wird, der nur reines Wasser durch eine Membran lässt. Schadstoffe bleiben an der Membran hängen und werden in den Abfluss gespült. „99 Prozent der Schadstoffe, darunter bis zu 600 Giftstoffe wie Kalk und Nitrate, werden gefiltert“, erklärt Kugel, der die PC-artigen Geräte für rund 1.700 Euro einbaut.

Doch dem 51-Jährigen geht es um mehr als „nur“ um Gesundheit. Er bedient sich, wie er sagt, „alchemistischer Methoden“, um das Wasser nach der Reinigung zu energetisieren. „Gereinigtes Wasser ist wichtig, aber nur energetisiertes spendet Kraft und Ruhe.“ Kugel setzt dabei auf Aromaöle, wie es Alchemisten tun. Er platziert diese nahe dem Gerät und erzeugt dadurch eine Art Magnetwirkung. Das führt dazu, dass das Wassercluster (Zusammenschluss von Molekülen) beziehungsweise die Fremdenergie zerstört wird. „Dadurch hat Wasser die perfekte Reinheit und Energie“, sagt der Tischlermeister.

Dass viele an seiner Theorie zweifeln, stört den gut zwei Meter großen Mann wenig. Es sei eben alles eine Frage des Glaubens, sagt Kugel.

- Silvia Jelincic

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