Walter Rothensteiner, RZB-General und Optimist: „Das Jammern hilft uns nicht“

RZB-General Walter Rothensteiner über den Hoffnungsmarkt Osteuropa, den drohenden Jobabbau und die Kredit-Klemme.

FORMAT: Herr Rothensteiner, Sie sind der oberste Bankenvertreter Österreichs. Genieren Sie sich in Zeiten wie diesen, die Branche zu repräsentieren?
Rothensteiner: Nein, überhaupt nicht. Das ist ja keine in Österreich erfundene Finanzkrise. Natürlich ist es nicht imagefördernd, dass ausländische Banker in Zeiten wie diesen Millionenboni nachhause mitnehmen. Und wenn solide Banken wegen Gerüchten plötzlich als pleitegefährdet gelten, dann schadet das nicht nur dem Kundenvertrauen, sondern der ganzen Branche. Der meiste Unfug kommt aus den USA. Dass wir trotzdem eine auf den Deckel bekommen, damit muss ich leben. In Öster­reich arbeiten alle Banken gemeinsam daran, die Situation zu entspannen. Ärgerlich ist das aber schon.

"Jammern hilft nicht"
FORMAT: Was ärgert Sie besonders?
Rothensteiner: Wenn ich bei Abendveranstaltungen auftauche und wie üblich gut gelaunt bin, passiert es immer häufiger, dass mich Leute anreden und sagen: „Solange du lachst, kann’s nicht so schlimm sein.“ Oder: Ich war vor einigen Wochen auf Urlaub in Venedig, und irgendwer hat mich dort gesehen. Ruft mich am nächsten Tag ein Freund an und sagt: „Wenn du es dir noch leis­ten kannst, nach Venedig zu fahren, dann kann’s mit der Bankenkrise nicht so arg sein.“ Das wundert mich. Die Situation ist sicher nicht angenehm, aber kein Weltuntergang.
FORMAT: Weltweit werden im Banking mehr als 200.000 Jobs abgebaut werden. Citigroup, Credit Suisse und Co machen Milliardenverluste. Klingt nach Endzeitstimmung im Geldgewerbe.
Rothensteiner: Negativmeldungen sind nicht hilfreich. Wir sehen auch die Chancen der Krise. Mit Pessimismus kommen wir aus der aktuellen Situation jedenfalls nicht heraus, denn Jammern hilft uns nicht.

"Kein massiver Jobabbau"
FORMAT: Es wird aber auch in Österreich Kündigungen geben, oder?
Rothensteiner: Wenn, dann nicht in der Dramatik, wie es international zu beobachten ist. Wir haben nicht die riesigen Investmentbanking-Fabriken, die jetzt verkleinert werden müssen. Massiver Jobabbau ist daher kein Thema.
FORMAT: Im Fondsmanagement oder im Private Banking wird aber wohl gespart werden müssen.
Rothensteiner: Wenn sich das verwaltete Kundenvermögen mehr als halbiert, dann ist ein Personalabbau von zehn Prozent nicht dramatisch – so unangenehm das für jeden Einzelnen ist.
FORMAT: Könnte es schlimmer werden?
Rothensteiner: Glaube ich nicht. Österreichs Banken operieren schon jetzt sehr kosteneffizient. Personalabbau ist teuer und wird nie angestrebt. Das macht keiner, wenn er nicht muss. Außerdem gibt es eine Zeit nach der Krise. Dann brauchen wir die Fachleute.

"Dynamik verloren, aber nicht Trend"
FORMAT: Osteuropa war jahrelang die Cashcow für die Raiffeisen-Gruppe. Hat sich das geändert?
Rothensteiner: Die Wachstumsraten von 20 bis 30 Prozent wird’s zwar nicht mehr geben. Doch Osteuropa wird auch dann weiterwachsen, wenn der Westen nicht mehr wächst. Wir halten an unserem Geschäftsmodell CEE fest, das sich auf Retailbusiness und KMUs konzentriert. Die Dynamik ist verloren gegangen, aber nicht der Trend.
FORMAT: Keine schlaflosen Nächte, dass Russland oder die Ukraine zahlungsunfähig werden und Ihre dort stark engagierte Ostholding Raiffeisen International in Probleme schlittert?
Rothensteiner: Die müsste mein Kollege Herbert Stepic haben. Nachdem er hervorragend schläft, gibt’s auch keine Probleme. Beide Länder machen derzeit eine schwierige Zeit durch, aber da sind sie nicht alleine. Österreich hat auch bessere Zeiten erlebt.

"Keine Kreditklemme für KMUs"
FORMAT: Sie sind ein hoffnungsloser Optimist. Sagen Sie mir, wie lange wird die Krise noch dauern?
Rothensteiner: Ich habe gelernt, keine Prognosen mehr abzugeben. Denn seit zwei Jahren sage ich, dass die Krise in einem Jahr vorbei ist. In die Zukunft schauen kann keiner. Trotzdem glaube ich, dass es gelingen müsste, die Kapitalmärkte in einem Jahr wieder in Schwung zu bringen. Das heißt nicht, dass wir auf dem Level von vor drei Jahren sein werden, aber es wird besser.
FORMAT: Derzeit sind die Banken bei der Kreditvergabe sehr restriktiv. Wann werden Finanzierungen wieder zu vernünftigen Konditionen möglich sein?
Rothensteiner: Das Thema ist, so blöd das jetzt klingt, komplex. Es ist ja nicht so, dass die Banken keine Kredite mehr vergeben wollen. Immerhin leben wir ja davon. Das Problem ist, dass es seit Lehman (Anm.: die im September kollabierte US-Investmentbank) so gut wie keinen Kapitalmarkt mehr gibt. Langfristiges Geld ist für uns schwer bis kaum verfügbar. Daher gilt in der Folge: Wer ein 300-Millionen-Euro-Projekt hat und über 15 Jahre finanzieren will, der hat’s derzeit schwer. Wir können dem Kunden nicht so ein Volumen finanzieren, wenn wir selber kein Geld geborgt bekommen. In gewisser Weise erleben auch wir Banken eine Kredit-Klemme. Im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) gibt’s die aber sowieso nicht. Ich kenne keine Raiffeisenbank oder Sparkasse, die dem Tischlermeister, der eine neue Werkbank braucht, kein Geld mehr gibt. Voraus­gesetzt, die Bonität passt.

"Zinsen werden sinken"
FORMAT: Wie werden sich die Konditionen im nächsten Jahr entwickeln?
Rothensteiner: Nach der scharfen Zinssenkung im Dezember, als die Europäische Zentralbank den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte gesenkt hat, ist das von den Banken sofort weitergegeben worden. Der Ölpreis ist so niedrig wie schon lange nicht. Das wirtschaftliche Umfeld ist nicht inflatorisch. Die Zinsen werden sinken.
FORMAT: Sparbücher werden also weniger Zinsen bringen?
Rothensteiner: Ja, dafür werden auch Kredite billiger.
FORMAT: Hat Sie die Renaissance des Sparbuchs überrascht?
Rothensteiner: Nein. Das Sparbuch war schon immer ein Renner. Dort lag und liegt mehr Geld als in Aktien- oder Anleihenfonds. In unsicheren Zeiten zieht es die Menschen zu sicheren Anlageformen.

Konzentration aufs Kerngeschäft
FORMAT: Raus aus riskanten Aktien, hin zu Sparbuch und Goldbarren?
Rothensteiner: Sozusagen.
FORMAT: Erleben wir derzeit eine Trendwende weg von der Börse?
Rothensteiner: Als Trendwende würde ich das nicht bezeichnen. Portfolios werden umgeschichtet. Der Trend geht in Richtung risikoarme Veranlagung.
FORMAT: Welche Konsequenzen ziehen die Banken aus der Finanzkrise?
Rothensteiner: Wir werden uns noch stärker aufs Kerngeschäft konzentrieren. Außerdem ist uns klar, wenn wir künftig weniger verdienen, müssen wir auch unsere Kosten senken. Dann sind wir auch für die Zukunft gut gerüstet.

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