Wall Street II: Der neue Gordon Gekko und der Wunsch nach einer besseren Finanzwelt

Die Wandlung des Gordon Gekko in „Wall Street 2“ symbolisiert den Wunsch nach einer besseren Finanzwelt – die gibt es aber vorerst nur im Film.

Das seidene Taschentuch. Die Rolex. Der Siegelring, golden und massiv wie ein Türknauf. Gleich in der Einstiegsszene von „Wall Street 2“ sind sie wieder da, diese Insignien des guten, weil teuren Geschmacks, die selbst Überfliegern ein bisschen Erdung geben. Und wenn dann auch noch eine Geldklammer zum Vorschein kommt, ist klar, dass er wieder da ist. Er, der Mann, an den wir uns alle nur zu gut erinnern. Er: Gordon Gekko.

23 Jahre sind vergangen, seit Michael Douglas den glitschigsten aller Investmenthaie verkörpert hat – eine Rolle, die Douglas einen Oscar und der Welt eine Chiffre ins kollektive Gehirn gebracht hat. Gekko war der Mann ohne Skrupel, der Mann, der Firmen kaufte und ohne Rücksicht zerschlug, der trickste und türkte, für den „Insiderhandel“ nur ein kürzeres Wort war für „Geschäft ohne Risiko“. Der Mann, für den nur ein einziger Luxus außer Reichweite war: Moral. In einer Schlüsselszene stand Gekko vor versammelten Aktionären und brüllte in den Raum: „Gier ist gut. Gier ist der Motor. Gier klärt die Verhältnisse. Gier ist das Wesen der Evolution.“

1987, bei der Premiere von „Wall Street“, mag das überzogen geklungen haben – aber heute? Nach dem Platzen der Immobilienblase? Nach Madoff und Lehman Brothers? Nach Buwog, Bawag, Hypo Alpe Adria? Wall Street war ein fast prophetischer Film, sagt sein Regisseur Oliver Stone zwei Börsencrashs und Dutzende Wirtschaftsaffären später.

Und was sagt Stone heute? „Die Banker sollten im Gefängnis sitzen. Viele von ihnen“ ( siehe Interview ). Der Hollywoodstar spricht aus, was auch hierzulande viele denken, die sich ein neues Wirtschaftssystem wünschen – nicht nur, aber vor allem in der Finanzwelt.

Der neue Gordon Gekko

Nun ist Gordon Gekko also zurück. „Wall Street – Money Never Sleeps“ heißt der Film, diese Woche war in den USA Premiere, Ende Oktober läuft er auch in Österreich an. Wieder gibt Michael Douglas den Gordon Gekko, wieder hat er guten Stil durch großes Geld ersetzt, auch wenn er nun nicht mehr mit Derivaten handelt, sondern mit den Destillaten seines Lebens: Gekko, der am Ende von Teil 1 wegen Insiderhandels verknackt worden war, ist in der Haft geläutert und hat ein Buch geschrieben, warum Gier doch nicht so super ist. Mit diesem Buch tourt er am Höhepunkt der Immobilienblase durch New York. Getradet wird vom Schwiegersohn in spe. Und diesem hilft Gekko nun, sich mit den Mitteln des Marktes an einem bösen Investor zu rächen.

Irgendwie klingt das alles ganz und gar nicht nach dem Gordon Gekko der späten Achtzigerjahre, vor allem wenn er in einer Sequenz den Schwiegersohn anbrüllt: „Geld ist nicht das Wichtigste im Leben!“ Die „Süddeutsche Zeitung“ beschwerte sich nach Vorab-Ansicht des Films darüber, dass Stone in Teil 2 eine romantische und „wertkonservative“ Schmonzette gedreht habe, und das amerikanische Fachblatt „Variety“ lästerte gar: „Wurde Gordon ein Softie?“

Tatsächlich will Oliver Stone dieses Mal aber wohl vor allem verhindern, dass ihm Film und Handlungsträger außer Kontrolle geraten – denn genau das ist mit dem ersten Teil passiert. Eigentlich sollte „Wall Street“ schon 1987 als Kapitalismuskritik, als Parabel verstanden werden – doch das ging ziemlich in die Hose. „Irgendwann saßen wir mal in einem Diner in Dallas, Texas, neben Wirtschaftsstudenten, die darüber fachsimpelten, wie sie selbst zu Gordon Gekkos werden könnten. Wir fragten uns, was wir da angerichtet hatten“, erinnerte sich kürzlich Stones Produzent Ed Pressman.

Gordon Gekko wurde zu einem Role-Model ganzer Generationen von Börsianern, die ihn mal lauter, mal leiser kopierten. Inhaltlich, aber auch in seinem Style: Die goldenen Manschettenknöpfe genauso wie die Hosenträger, die breit geknüpften Windsor-Knoten und die Dreiteiler wurden Markenzeichen. Wer in den späten Achtzigerjahren an der Börse Geld verdienen wollte, der wollte genau so aussehen – nicht nur an der Wall Street, mit einiger Verspätung auch in Österreich. Und auch wenn das niemand laut sagen würde: Manchen in der Finanzwelt ist Gordon Gekko auch heute noch ein Vorbild.

Comeback der 80er

Tatsächlich ist die Ausgangslage ja nicht ganz unähnlich: Als „Wall Street“ 1987 in die Kinos kam, hatten die USA gerade eine Wirtschaftskrise ausgestanden, die US-Börse musste einen „schwarzen Montag“ verdauen, an dem der Dow Jones 22 Prozent eingebüßt hatte.

Die Krise ist heute weitgreifender, und nach dem großen Crash gibt es nur noch wenige, die einen ungehemmten Markt fordern, sondern es wird über Regulative nachgedacht. Aber mittlerweile arbeiten in New York schon fast wieder genauso viele Menschen im Finanzsektor wie vor dem Crash. Die Aktienumsätze liegen im Schnitt bei 2,5 Milliarden Aktien am Tag, und im April hat der Dow Jones zum ersten Mal seit 18 Monaten auch wieder die 11.000-Punkte-Marke durchstoßen. Der S&P-500 stieg im Vergleich zu 1987 um 385,2 Prozent. Oder in Sachen Lifestyle: Männer tragen wieder Dreiteiler und laut Modemagazinen Nadelstreif. Kein Zufall, dass „Vanity Fair“ rund um den Start von „Wall Street 2“ eine große Modestrecke zum Thema „Gekko-Style“ ins Blatt hebt und das gar nicht ironisch meint. Und ob die neue Weltordnung ganz und gar ohne Egoismus auskommt, ist doch eher zweifelhaft.

Offensichtlich dürfte Oliver Stone, der ja eigentlich zu den linken Filmemachern der US-Szene gehört, eine leise Vorahnung haben, wie es nach dem Crash wirtschaftlich weitergeht. „Wall Street 2“ soll und wird wohl keine neue Projektionsfläche für Börsenjunkies werden. Und wenn, dann auf der für Stone richtigen, der guten Seite: So versucht Gekkos Schwiegersohn, eine Firma für alternative Brennstoffe zu kapitalisieren, Gekkos Freundin gibt Non-Profit-News im Internet heraus. Überhaupt die Freundin: Nicht nur, dass der smarte Banker dieses Mal eine Langzeitbeziehung hat, die Frau hat auch noch kurze rote Haare. „Hollywoods Übersetzung für unsexy, aber schlau“, so „Vanity Fair“.

Und das sagt einiges darüber aus, wie Oliver Stone die Bankenwelt gerne hätte.

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