"Wachstum per Gesetz? Niedlich"

"Wachstum per Gesetz? Niedlich"

FORMAT: Sie haben das Wort Wachstum einmal als magisch bezeichnet. Was macht seine Magie denn aus?

Harald Welzer: Wie allen Allheilmitteln haftet ihm etwas Magisches an. Es ist die Allheilantwort auf alle Krisenerscheinungen. Völlig egal, ob es um die Überschuldungskrise, die Finanzkrise oder die Arbeitslosigkeit geht, spricht man das Wort Wachstum aus und hofft, dass sich dadurch irgend etwas löst. In Deutschland gibt es sogar ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Es ist fast niedlich, dass man das per Gesetz herbeiführen will.

Wir werfen den Politikern aber gerade vor, sich zu wenig um das Wachstum und zu viel ums Sparen zu kümmern. Das Argument dafür ist auch, dass es Wachstum braucht, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Welzer: Diese Behauptung ist falsch. In Deutschland etwa hat man seit den 1970er-Jahren trotz Wachstums eine ziemlich konstant hohe Sockelarbeitslosigkeit. Da kann man schon sehen, dass das Wachstum nicht alles löst. Dasselbe gilt für die Armut. Man muss erkennen, dass es sich um multifaktorielle Prozesse handelt. Der Rückgang von Armut kann mit Wachstum, aber auch mit besserer Bildung, der Emanzipation von Frauen oder Verstädterung zusammenhängen.

Wie entstehen dann auch mit nur wenig Wirtschaftswachstum Arbeitsplätze?

Welzer: Wir haben ein riesiges Defizit über die Vorstellung von Volkswirtschaften nach dem Wachstum. Das ist bedauerlich, denn in den 1950er-Jahren haben führende Wissenschafter darauf hingewiesen, dass Wachstum kein Konzept für die Ewigkeit ist. Um neue Strategien hat sich jedoch niemand gekümmert und heute stehen wir wie der Ochs vorm Berg.

Wo setzen Sie an?

Welzer: In der Stiftung "Futurzwei“ berichten wir zum Beispiel über Unternehmen, für die Wachstum nicht das oberste Ziel ist. Wir schauen, wie sie zurande kommen, ob und wie es auch anders geht. Allerdings lassen sich solche Beispiele nicht einfach hochskalieren. Da bleibt einstweilen noch vieles offen.

Was lässt sich aus den Beispielen ableiten?

Welzer: Wenn man das Gemeinwohl als Unternehmensziel setzt und nicht den Gewinn, leiten sich daraus ganz andere Entscheidungen ab. Ich mache nicht besonders günstige Verträge mit Zwischenhändlern, sondern faire mit den Produzenten. Es gibt ein Beispiel in der Textilindustrie, wo man einfach den Zwischenhändler weggelassen hat und stattdessen den Stoffproduzenten mehr zahlt. Es werden weniger Menschen geknechtet und vor Ort bringt man mehr Familien in eigenständige Existenzen. Das Unternehmen funktioniert dennoch.

Nicht, wenn es wie Siemens eine Umsatzrendite von zehn bis zwölf Prozent will.

Welzer: Ich glaube, dass diese enormen Gewinnziele ein Produkt des Finanzmarkthypes waren. Das Finanzmarktdesaster zeigt auch, dass es immer jemanden gibt, der für solche Zahlen bezahlt. Wenn ein T-Shirt nur 2,50 Euro kostet, dann ist jemand dafür betrogen worden, dass es so billig ist. Unter Einrechnung aller Kosten kann es einfach nicht so billig sein.

Das weiß man, und man kennt auch die Bilder von Toten in desolaten Textilfabriken in Bangladesch. Warum lockt der niedrige Preis dennoch?

Welzer: Erstens, weil es immer um Maximierung geht. Kaufen wir statt dem billigen ein fair produziertes, teureres T-Shirt werden wir gefragt: "Bist du bescheuert?“ Spielt man nicht mit, muss man das erklären. Und die Erklärung, einfach keinen Bock zu haben, schon wieder Preisvergleiche anzustellen, Betriebsanleitungen zu lesen und Systeme zu konfigurieren, zählt leider noch zu wenig. Hinzu kommt, dass die Geschichte der Produkte, die wir kaufen, unsichtbar ist. Dem iPhone sieht man ja nicht an, wie viele chinesische Wanderarbeiter sich bei Foxconn verletzt haben. Die Massentierhaltung bekommen wir nur mit, wenn es wieder einen Fleischskandal gibt. Dann regt man sich zwei Wochen auf und macht weiter wie bisher.

Was muss passieren, dass sich das ändert?

Welzer: Ein guter Ansatz ist: Selbst denken! Ein Bio-Apfel aus Neuseeland, den ich in drei Minuten esse - man muss nicht studiert haben, um zu verstehen, dass das nicht nachhaltig ist. Die Konsequenz ist dann, nur saisonale Produkte zu essen. Schilder mit dem Öko-Fußabdruck helfen viel weniger, sie lenken vom Kernproblem ab. Man muss sich selbst einfach wieder ernst nehmen. Man macht sich ja blöd, wenn man meint, ein neues Handy zu brauchen, nur weil es das gratis zum neuen Vertrag gibt. Wir müssen wieder lernen, autonom zu entscheiden.

In der Krise wird Konsum fast zu einer Verantwortungsfrage: Ohne ihn keine Wirtschaft. Was passiert, wenn wir wirklich nur noch kaufen, was wir brauchen?

Welzer: Für die reichen Länder wird das einen materiellen Wohlstandsverlust bedeuten, was aber nichts Dramatisches ist. Es ist aber nicht so, dass bei einem Systemwechsel, bei einer anderen, auch ökologischeren Produktion weniger Arbeit notwendig würde. Es wird nicht weniger, sondern andere Arbeit geben. Wenn sich zehn Nachbarn einen Rasenmäher teilen, werden sich die Rasenmäherproduzenten etwas einfallen müssen. Sie können die Vermietung koordinieren, die Wartung. Sie werden zum Dienstleister.

Wenn der Einzelne wieder denken muss, was muss dann die Politik tun?

Welzer: Die Politik hat mehr Macht, um die richtigen Anreize zu setzen, als sie zugibt. Allerdings muss eine Gesellschaft überlegen, ob sie weiter alte Industrien und Energieformen oder Kerosin subventionieren will, oder neue Ideen. Denn neue Ideen setzen weitere neue Ideen frei.

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Zur Person
Harald Welzer, 55, ist Soziologe und Sozialpsychologe. An der Universität Flensburg unterrichtet er Transformationsdesign. Er forschte zu Gruppengewalt im Nationalsozialismus und dazu, wie die Gesellschaft den Klimawandel verarbeitet. Die gemeinnützige Stiftung Futurzwei, die er gründete und leitet, stellt Beispiele für altnernative Lebens- und Wirtschaftsformen vor. Er gilt als einer der wichtigsten Denker Deutschlands.

Harald Welzer ist einer der Gastredner bei der diesjährigen GLOBArt Academy zum Thema Aufbruch. Sie findet vom 19. bis 22. September im Kloster Und in Krems statt.

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