Verzockte Milliardenbeträge, fehlende Verantwortung: Die Welt der Spekulanten

Ungeschminkte Innensicht der Welt der Finanzjongleure: Ein Soziologenteam erforschte am Höhepunkt der Krise, was die "Masters of the Universe" antreibt.

Jahreswechsel 2009 – Höhepunkt der weltweiten Krise. Lehman ist kurz zuvor in den Bankrott geschlittert, die Kernschmelze des Finanzsystems gerade noch verhindert worden. Tag für Tag zeigen die Kurstafeln rot, die ersten Banker haben sich das Leben genommen, weitere sollen in den nächsten Wochen folgen.

In jenen Tagen schwärmt ein Team von Soziologen aus, an den Handelsplätzen Frankfurt, Zürich, Wien und London suchen sie Kontakte in die Bankenszene, um „mitten hineinzustechen, als die Finanz ­gerade ihr Waterloo erlebt“, wie Sighard Neckel es nennt. Neckel ist Soziologe und erforscht an der Universität Wien, wie Menschen sich im Wirtschaftsleben verhalten, wie sie fühlen und woran sie glauben.

Forschungsobjekt Spekulant

Wie seine Zeitgenossen ticken ist für den Mittfünfziger nicht nur Profession, sondern Passion; er liebt die Feldforschung. Und nutzt seine Chance. Denn die außergewöhnlichsten Erkenntnisse lassen sich „im Feld“ gewinnen, wenn Schockzustände herrschen, wenn Menschen in ihrem Selbstverständnis erschüttert sind wie am Höhepunkt der Krise die Banker. Damit ist Neckel und seinem Team etwas gelungen, woran viele Berichterstatter bislang gescheitert sind: eine ungeschminkte Innensicht jener Branche schweigsamer Finanzmagier, die in den Augen vieler die Hauptverantwortung für die Finanzkrise tragen.

Sie haben den Bankern und Spekulanten buchstäblich in die Köpfe geschaut, lange Gespräche mit mehr als dreißig von ihnen geführt und legen das Ergebnis ihrer Untersuchungen nun in Buchform vor. Es heißt „Strukturierte Verantwortungslosigkeit“ und offenbart damit schon im Titel, wie man in der Branche mit den Schuldzuweisungen der Öffentlichkeit umgeht.

Ein Volk von Zockern?

„Zum Teil waren wir wirklich schwer erschüttert“, erzählt Neckel, „in den vergangenen Jahren ist ein Wirtschaftszweig entstanden, im dem zwar mit unglaublichen Geldbeträgen operiert wird, aber niemand Verantwortung übernehmen muss – oder sich im Notfall leicht davonstehlen kann.“ Der Devisenhändler, der in Milli­sekunden Milliardenwerte verschiebt; der Produktentwickler, der an lautlos tickenden Finanzbomben bastelt; der Riskmanager, der sein Institut durch gefährliche Fahrwasser zwischen Wagnis und Verlust steuert; der Vorstand, dessen Job die Sicht aufs Ganze ist – sie alle sollen unschuldig sein? „So zumindest fühlen sich die meisten“, meint der ­Soziologe, „haben aber eine ganze Reihe von Mechanismen parat, die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.“

Verschiebebahnhof der Varantwortung In Neckels Profession spricht man deshalb inzwischen vom „Verschiebebahnhof der Verantwortung“. Schuld wird „externalisiert“, äußeren Faktoren und Beteiligten zugeschoben. Oder sie wird „internalisiert“ und damit als eine Eigenschaft beschrieben, die jedem Menschen innewohnt. Bes­tes Beispiel für Letzteres ist die viel gescholtene Gier, angeblich wichtigster Trieb des Wirtschaftens, der – gleichsam naturgegeben – immer wieder zu Krisen wie der aktuellen führen muss.

Franz Sobolek (Name geändert), der als Ressortleiter Treasury Sales bei einem österreichischen Institut arbeitet, sieht das Bankwesen deshalb als System, aus dem es kein Entrinnen gibt. Alles wird von der Naturgewalt Gier angetrieben, „der Profit wird immer im Vordergrund stehen“, gibt Sobolek zu Protokoll. Banken bliebe gar nichts anderes übrig, als sich diesem Druck, der auch von den Kunden komme, zu fügen. „Die Österreicher sind ein Volk von Zockern“, so Sobolek wütend, „sie nehmen jede Gelegenheit wahr und kriegen den Hals nicht voll.“ Sobolek internalisiert damit nicht nur, sondern betreibt auch das genaue Gegenteil: Er schiebt die Schuld den Kunden zu, einer Kraft außerhalb seiner Wirkungsstätte, der man sich als Banker habe beugen müssen. „Zweierlei blenden Befragte wie Sobolek völlig aus“, sagt Neckel. „Erstens: Dass Gier alleinige Triebfeder des Menschen ist, denken nur noch Hobbyanthropologen. Ebenso wichtig – und völlig konträr wirkend – ist das Bedürfnis nach Sicherheit.“ Zweitens, so der Sozial­wissenschaftler: „Die Kunden mögen Druck gemacht haben. Allerdings ­haben die Banken an den entsprechenden Produkten auch enorm viel verdient.“

Falsche Schuldzuweisungen

Doch nicht nur an Kunden und deren Triebe wird die Verantwortung delegiert, auch Konkurrenzunternehmen, allen voran die Großbanken aus dem angelsächsischen Raum, bieten ein ideales Abstellgleis auf besagtem Bahnhof der Verantwortung. Schnell haben die Interviewten hier „die Amerikaner oder Briten“ bei der Hand, welche die Märkte mit finanzmathematischen Treibminen geflutet hätten. „Ein Erklärungsschema, auf das wir vor allem in Österreich immer wieder gestoßen sind“, sagt Neckel. Doch auch wenn die Banker sehen, dass es im Finanzsystem
durchaus problematische Produkte gibt, heikle Fremdwährungskredite, die sie selbst im Osten lanciert haben, bleiben unerwähnt.

Kampfsportzone Investmentbanking

Als besonders schockierend empfindet der Wiener Professor dabei Aussagen, die vom „Klima des Kleinmuts und der Einschüchterung“ zeugen, das gerade geherrscht habe, wenn Investmentspezialisten und Finanzmathematiker neue Finanzprodukte präsentierten. Niemand habe sich getraut nachzufragen. Niemand habe unmodern erscheinen wollen oder – bezeichnend im Zeitalter des Turbokapitalismus – als zu wenig aggressiv.

Eine Atmosphäre der Aggressivität, des Kampfs, kommt in den Interviews immer wieder zur Sprache. Von „Söldnerheeren“ ist da die Rede, die Banken eingekauft hätten, von „Front“, „Korpsgeist“ und „Kommandozentralen“. Wie Soldaten seien sie in den Krieg geschickt und auf dem Schlachtfeld geopfert worden, beschreibt ein jun-ger Investmentbanker seine Welt. „Dieses Milieu, das wir ‚Rennbahn‘ getauft haben, hat uns besondere Sorgen bereitet“, sagt Neckel. „Junge Männer, oft gerade erst der Pubertät entwachsen, schieben unter extremem Konkurrenzdruck riesige Geldbeträge hin und her – oft völlig überfordert mit der Verantwortung. Es ist ein echtes ­Armutszeugnis für ein Wirtschaftssystem, bedeutende finanzielle Ressourcen gerade einem solchen Umfeld zu überlassen.“

Spielwiese der Quants

Modell oder Wirklichkeit? Die Soziologen haben allerdings nicht nur Kampfumgebungen in der Finanzwelt ausgemacht. „Spielwiese“ heißt der Lebensbereich, wo mathematische Genies – im Branchenjargon „Quants“ genannt – jene verzwickten Modelle entwickeln, die allen komplexen Anlageprodukten zugrunde liegen. Wie Ivan Herm, ein promovierter Physiker, der als Product Engineer in einer weltweit tätigen Investmentfirma arbeitet. Er vergleicht sich mit einem Ingenieur, der den Motor eines Autos baut und somit der Einzige ist, „der das Auto wirklich versteht“. Herm betont jedoch, dass die Quants trotz ihres immensen Wissensvorsprungs nicht als Mitverursacher der Krise anzusehen seien. Genauso wenig, wie die Waffen schuld waren am Zweiten Weltkrieg, sei eine Formel schuld an der Finanzkrise, so der Produktentwickler trocken.

„Auf ein Modell hundertprozentig vertrauen? Dann wäre es ja kein Modell, sondern die Wirklichkeit“, sagt Stephan Köring, der nach dem Doktorat der Physik als Riskmanager einer Bank anheuerte. Genau diesen Unterschied zwischen Konstrukt und Realität habe im Vorfeld der Finanzkrise niemand mehr sehen wollen. „Gerade in der Executive-Ebene haben die das nicht mehr komplett verstanden“, so Köring. Kaum hatten die Modelle ein Wertpapier als risikolos eingestuft, sei es sofort erworben worden.

Anstand: Die Banker alter Schule

Noch weiter geht Eddi Moss, der Geschäftsführer einer deutschen Bank. Ihn ordnen die Sozialwissenschaftler ins Feld der „Anstandsbühne“ ein, dem einzigen Milieu, dessen Befragte zumindest leise moralische Bedenken am Tun ihrer Zunft anmelden. Oft Banker alter Schule, wissen sie mit dem Investmentbanking von heute nichts mehr anzufangen. „Ich habe manchmal den Eindruck, wir haben eine neue Kirche, eine Art Finanzreligion erfunden“, gibt Moss den Forschern gegenüber zu Protokoll. Totale Rationalität sei offenbar Hand in Hand gegangen mit nacktem Glauben, so Soziologe Neckel erstaunt.

Und sein Fazit? Den Respekt der Öffentlichkeit für ihren Berufsstand können die Banker nur wiedergewinnen, wenn es gelingt, jene Geschäftsmodelle umzubauen, die die Krise ausgelöst und den Ruf der Branche beschädigt haben. Was durch schiere Größe ein gesellschaftliches Risiko darstellt, muss verkleinert, hochriskante Geschäftsmodelle müssen rigoros verboten werden – eine Frage politischer Vorgaben. „Vor allem die Politik ist ihrer Verantwortung bisher nicht gerecht geworden“, konstatiert Neckel nüchtern. Und, mit leisem ­Fatalismus: „Das passiert erst, wenn die Bevölkerung genug Druck ausübt.“

Arndt Müller

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