Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber im FORMAT-Interview

Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber über die politischen Querelen rund um die Kapitalerhöhung und was er mit einer Milliarde Euro jetzt anfangen will.

FORMAT: Die Regierung hat nach langen Diskussionen der von Ihnen gewünschten Kapitalerhöhung beim Verbund zugestimmt. Wie erleichtert sind Sie jetzt?

Anzengruber: Ich bin sehr froh, weil damit eine entbehrliche Diskussion beendet und eine vernünftige Entscheidung getroffen worden ist.

FORMAT: Hat das lange politische Hin und Her dem Unternehmen geschadet?

Anzengruber: Sicher, am Kapitalmarkt macht das keinen schlanken Fuß. Positiv ist aber, dass sich die Republik hier erstmals bereit erklärt hat, eine Beteiligung aktiv zu managen und in die Zukunft zu investieren.

FORMAT: Und wie sehr hat Sie persönlich der Politstreit genervt?

Anzengruber: Ich habe ja vorher gewusst, dass ich die öffentliche Hand als Eigentümer habe. Und als gelernter Österreicher weiß man, dass es in einer Koalitionsregierung einen Diskussionsprozess braucht. Ob man das in den Medien austragen muss, ist etwas anderes.

FORMAT: Wie sieht der weitere Fahrplan der Kapitalerhöhung aus?

Anzengruber: Es wird am 24. September eine außerordentliche Hauptversammlung geben, auf der wir diesen Punkt zur Abstimmung bringen. Im Oktober werden dann die notwendigen Unterlagen erstellt, deren Prüfung Ende Oktober abgeschlossen sein sollte. Im November wird dann die Platzierung erfolgen, abhängig vom Börsenumfeld.

FORMAT: Nach dem Ja der Regierung zur Kapitalerhöhung ist die Verbund-Aktie um sechs Prozent gefallen …

Anzengruber: Das ist ja die logische Konsequenz. Rein rechnerisch kommt es durch die Kapitalerhöhung zu einer Verwässerung der Aktien um 13 Prozent. Insofern würde es mich gar nicht wundern, wenn der Kurs im Umfeld der Hauptversammlung ein wenig nachgeben würde.

FORMAT: Was haben Sie mit der Milliarde konkret vor?

Anzengruber: Absolutes Ziel ist es, das Wachstum des Verbunds zu unterstützen. An oberster Stelle stehen eine Reihe von Wasserkraft-Projekten in Österreich. Und um es gleich zu sagen: Es handelt sich dabei ausschließlich um bereits projektierte, teilweise schon genehmigte Vorhaben, keine Aufreger. Das Pumpspeicherwerk Reißeck II sowie ein großes Laufkraftwerk an der Grenze zwischen Tirol und der Schweiz sind zwei dieser Projekte. In die Kraftwerke investieren wir nach jetzigem Plan insgesamt rund 1,4 Milliarden Euro. Priorität Nummer 2 haben Verbesserungen des Übertragungsnetzes, denn ohne gute Leitungen ist der Ausbau von Kraftwerken ein sinnloses Unterfangen. Hier betragen die Investitionen nochmals eine Milliarde Euro. Insgesamt sind das also rund 2,4 Milliarden Euro.

FORMAT: Bedeutet das im Umkehrschluss, dass Wachstum im Ausland für den Verbund keine Priorität mehr hat?

Anzengruber: Nein. Der Markt in Österreich ist begrenzt, weshalb der Verbund bereits vor Jahren im Ausland investiert hat. Wir haben dieses Engagement auf die drei Länder Italien, Frankreich und die Türkei fokussiert. In Italien ist das Unternehmen vor elf Jahren mit einem Joint Venture gestartet, dort sind jetzt die Ziele des Business-Plans erreicht, es bedarf also keines weiteren Kapitals mehr.

FORMAT: Die Beteiligung an der französischen Poweo bringt aber Verluste …

Anzengruber: Ja, dort verlieren wir Geld, weil wir zu sehr auf die schnelle Öffnung des französischen Marktes vertraut haben. Aber Frankreich ist nach Deutschland der zweitgrößte Elektrizitätsmarkt Europas, es ist richtig, dort präsent zu sein. Es gibt in Frankreich Restrukturierungsbedarf, aber es muss kein zusätzliches Eigenkapital investiert werden. Sehr erfreulich ist dagegen die Entwicklung in der Türkei, wo wir seit 2007 ein Joint Venture mit der Sabanci-Gruppe haben. Die Türkei ist ein Emerging Country, praktisch vor unserer Haustür, mit einem sehr starken Wachstum und uns auch kulturell nicht unnahe. Für unsere Auslandsaktivitäten gehe ich aus heutiger Sicht für die kommenden fünf bis sechs Jahre von einem Eigenkapitalbedarf von vielleicht 300 bis 400 Millionen Euro aus.

FORMAT: Schränkt die hohe Verschuldung des Verbunds den Spielraum ein?

Anzengruber: Lassen Sie mich das klarstellen: Wir haben einen aktuellen Verschuldungsgrad von 150 Prozent, es waren schon mal 500. Natürlich ist die Verschuldung ein Thema, wir sind ja im vergangenen Jahr von den Ratingagenturen auch herabgestuft worden. Bei Infrastrukturunternehmen wie dem Verbund, die in sehr langen Zeiträumen denken, ist eine temporäre Verschuldung nicht wirklich das Problem.

FORMAT: Trotz eines Gewinnrückgangs hat es für 2009 für die Aktionäre eine Sonderdividende gegeben, jetzt kommt eine Kapitalerhöhung. Passt das zusammen?

Anzengruber: Die Optik ist vielleicht erklärungsbedürftig. Der Verbund hatte stets eine Ausschüttungsquote von 45 Prozent, was deutlich unter dem Branchenschnitt von 65 bis 70 Prozent liegt. Nach zwei sehr guten Jahren, 2008 und 2009, haben wir diese Quote auf 60 Prozent erhöht. Wenn ich schon mit dem Kursverlauf der Aktie nicht begeistern kann, dann will ich den Aktionären wenigstens mit einer höheren Rendite eine vernünftige Verzinsung des Kapitals bieten. Außerdem ist eine Kapitalerhöhung ja kein Zuschuss. Im Gegenteil: Mit seinen 500 Millionen Euro initiiert der Bund Infrastrukturinvestitionen von insgesamt 2,4 Milliarden Euro, das ist ja ein interessanter Hebel.

FORMAT: Fürchten Sie nicht, dass das Loch in der Staatskasse Begehrlichkeiten nach einer höheren Dividende auslöst?

Anzengruber: Nein, das sehe ich nicht. Es wäre ja auch komisch, jetzt in eine Kapitalerhöhung zu investieren und dann eine höhere Ausschüttung zu fordern.

FORMAT: Sie verkaufen Ihre Stromkontrakte Monate im Voraus, sind also ein guter Konjunkturindikator. Wie schätzen Sie auf Basis der langfristigen Stromnachfrage die Konjunkturentwicklung ein?

Anzengruber: Bis Ende April dieses Jahres waren die sogenannten Forwards sehr niedrig, etwa 46 Euro pro Megawattstunde. Ab Mai hat es dann eine deutliche Steigerung auf 53 Euro gegeben. Jetzt spüren wir wieder ein leichtes Nachlassen der Nachfrage.

FORMAT: Was bedeutet das?

Anzengruber: Es wird keine neue Krise kommen, dann würde der Preis stärker fallen. Aber es gibt auch keinen überbordenden Konjunktur-Optimismus.

Interview: A. Johannsen, A. Müller

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