US-Star-Ökonom Roubini im FORMAT-Interview über Irland und die Eurokrise

US-Star-Ökonom Nouriel Roubini über Irland, den EU-Rettungsschirm und neue Crash-Szenarien.

FORMAT: Im Frühjahr kam aufgrund der maroden Staatsfinanzen Griechenlands der Euro unter Druck. Jetzt flackern die alten Ängste wegen Irland wieder auf. Droht in Europa eine neue Schuldenkrise?

Roubini: Bei Irland und Portugal steht die generelle Zahlungsfähigkeit nicht zur Debatte, sie haben nur eine Liquiditätskrise. Bei Griechenland ist das anders. Die Iren und Portugiesen haben eine verantwortungsvolle Haushaltspolitik betrieben, sind aber durch die Immobilienblase und deren Platzen in Schwierigkeiten geraten. Griechenland dagegen hat schon in guten Zeiten ein mächtiges Defizit in Höhe von 15 Prozent des Bruttosozialprodukts hochgefahren. Mit der Finanzkrise fiel das Land in eine tiefe Rezession. Die Verschuldung beträgt jetzt 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist so hoch, dass um die Restrukturierung der Schulden kein Weg mehr herumführt.

FORMAT: Wann soll Griechenland damit beginnen?

Roubini: Jederzeit. Die Restrukturierung kann sogar vor einem Zahlungsausfall stattfinden. Griechenland fehlt es an Disziplin. Eine langfristige Lösung ist nicht einfach: Man muss den Gürtel fiskalisch straffer ziehen, um die Finanzkrise aufzuhalten. Zugleich muss man das Wirtschaftswachstum fördern, damit die Erholung einsetzen kann. Wer das Defizit und die Verschuldung zügelt, riskiert, dass die Rezession weitere drei bis vier Jahre anhält. Das ist politisch schwierig und führt zu mehr Streiks und Ausschreitungen.

FORMAT: Lauern noch Gefahren in Osteuropa, und könnten diese, wie Ihr Kollege Paul Krugman vor zwei Jahren mutmaßte, auch für Österreich noch zum Problem werden?

Roubini: Das Schuldenproblem weitet sich aus. Viele Länder im Osten sind sehr fragil. Das Baltikum, Ungarn, Rumänien und die Ukraine – sie alle haben Schwierigkeiten. Das jüngste Durcheinander um Irland und Portugal ist da nicht sehr hilfreich. Viele Banken sind in Osteuropa engagiert, allen voran die österreichischen, aber auch deutsche, italienische und angelsächsische Institute. Das kann sehr wohl zu Kollateralschäden in Österreich führen. Eine zweite Rezession ist in Osteuropa aufgrund von fehlenden Krediten und schwachem Wirtschaftswachstum in Rest-Europa sehr wohl möglich.

FORMAT: Wie kann die Krise gelöst werden?

Roubini: Griechenland könnte die Kreditzahlungen einstellen. Selbst das würde aber nicht verhindern, dass es drei bis vier Jahre unter einer Wirtschaftskrise leiden wird. Argentinien ist diesen Weg gegangen, hat aber nach drei Jahren aufgegeben. Die andere Lösung wäre nach deutschen Vorbild: Reformen ankurbeln und die Produktivität schneller als die Löhne steigern. In Deutschland dauerte es ganze 15 Jahre, bis nach der Wiedervereinigung die volkswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit wieder erreicht wurde. Für Griechenland wäre das viel zu lange. Der einzige realistische Ausweg wäre, den Euro fallen zu lassen und eine neue Drachme einzuführen. Das ist aber nicht so einfach. Man kann nicht aus der Währungsunion austreten, ohne zugleich auch aus der EU auszutreten. Und bis jetzt kann man nicht rausgeworfen werden.

FORMAT: Wie wahrscheinlich ist der Austritt der Griechen aus der Währungsunion?

Roubini: Wir sehen die Wahrscheinlich derzeit bei 35 Prozent. Doch über die kommenden fünf Jahre wird sie steigen.

FORMAT: Tritt auch Irland aus?

Roubini: In Irland ist der Fall anders gelagert. Dort sind Industrien angesiedelt, Werke von internationalen Firmen im Hightechbereich. Das ist eine viel bessere Basis für Wachstum als in Griechenland, das nur von Schifffahrt und Tourismus lebt. Allerdings wird auch Irland um die Restrukturierung der Staatsanleihen nicht herumkommen.

FORMAT: Welche Vorteile brächte der Austritt aus der Währungsunion für die Schuldner mit sich?

Roubini: Ein Haushaltsdefizit von 40 auf 10 Prozent des Bruttosozialprodukts zu drosseln ist drakonisch. Selbst wenn ein Land wie Griechenland die Staatsverschuldung in den Griff bekommt, bleibt die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit neben China, Indien oder der Türkei. Mit den dortigen Lohnstückkosten können sie nicht mithalten. Zudem bleiben die Verbindlichkeiten des privaten Sektors bestehen. Sogar ein Kreditausfall Griechenlands würde seine Probleme nur zur Hälfte lösen. Der Euro müsste zur Parität mit dem US-Dollar zurückfallen, um Griechenland aus der Klemme zu helfen. Außerhalb des Währungsverbundes könnte das Land rasch seine Schulden abbauen und durch eine billige Währung konkurrenzfähig werden.

FORMAT: Wie weit reichen der Rettungsschirm der EU und die Gelder des Internationalen Währungsfonds?

Roubini: Als im Frühjahr die griechische Krise ausbrach, gab es noch keinen Stabilitätsfonds der EU. Insofern sind wir heute einen großen Schritt weiter und müssen nicht wie beim letzten Mal sechs Monate warten, bis wir handeln können. Die 750 Milliarden Euro im Stabilitätsfonds können Griechenland, Irland und auch Portugal helfen. Wenn möglicherweise auch Spanien in Schwierigkeiten gerät, reicht der Topf nicht. Wir können hoffen, dass die aktuellen Maßnahmen wirken und Spanien Luft verschaffen, bis sich die Situation verbessert. Die Rettungsmaßnahmen sind aber auch Teil des Problems.

FORMAT: Inwiefern?

Roubini: Griechenland muss die Steuern erhöhen und die Ausgaben senken. Das wird die Rezession noch vertiefen. Auch von der Europäischen Zentralbank kommt keine Hilfe. Die Geldpolitik der EZB mit einem Leitzins von 1 Prozent ist zu restriktiv, während der US-Zinssatz fast bei null liegt. Zudem kauft die US-Notenbank eigene Staatsanleihen auf und lockert so die Geldpolitik. Die EZB hingegen weigert sich, die Geldpresse anzuwerfen. Dementsprechend ist der Euro im Vergleich zum Dollar seit vergangenem Juni bereits von 1,19 auf 1,35 gestiegen. Deutschland kann das mit seiner starken Exportkraft und hohen Produktivität kompensieren, nicht aber die Peripherieländer. Sie brauchen einen Wechselkurs, der näher an der Parität liegt, um zu wachsen.

FORMAT: Welche Rolle wird Deutschland in Zukunft spielen?

Roubini: Das momentane Wachstum ist nicht sehr überzeugend. Es gab ein einziges gutes Quartal, das dritte Quartal war schon wieder schwächer. Für das vierte Quartal erwarten wir nochmals schwächere Zahlen. Der starke Euro trifft die Exportnation. Deutschland sollte die Wirtschaft weiter stimulieren, statt die Ausgaben zu drosseln. Die EZB und Deutschland verschlimmern eine Situation, die schon schwierig genug ist.

FORMAT: Wie schätzen Sie die aktuelle Verfassung der US-Wirtschaft ein?

Roubini: Nicht sehr gut. Zum einen sind die Kommunen hoch verschuldet. Zum anderen haben auch Bundesstaaten wie Kalifornien, Nevada, Illinois, Virginia und New York ernste fiskalische Sorgen. Kalifornien zum Beispiel macht ein Siebtel des Bruttosozialprodukts der Vereinigten Staaten aus. Hier lauert also schon die nächste Krise.

FORMAT: Sie haben schon 2006 vor der aufziehenden Finanzkrise gewarnt. Was haben Sie persönlich mit Ihren Ersparnissen gemacht?

Roubini: Einzelne Aktien, Anleihen oder Währungen habe ich noch nie besessen – das sollten nur Profis tun, die Zeit haben, sich ständig damit zu befassen. Ich spare ganz langfristig im Hinblick auf meine Altersversorgung. Da habe ich einen Horizont von 30 Jahren. Dementsprechend breit diversifiziert habe ich mein Geld angelegt. Nichts davon rühre ich an, nicht einmal die Briefumschläge mit den aktuellen Kontoständen. Mit einem Anlagehorizont von 30 Jahren ist selbst eine so schlimme Krise wie die aktuelle nur ein kleiner Einschnitt. Ich habe aber aufgehört, Ersparnisse in Fonds zu stecken. 90 Prozent meiner Ersparnisse aus den vergangenen drei Jahren habe ich in cash, also in bar. Keine Verzinsung ist zwar nicht toll, aber immer noch besser, als das Geld zu verlieren.

Interview: T. Jahn, N. Husmann (New York)

ZUR PERSON: Nouriel Roubini, 54, ist Nationalökonom und Professor an der New York University. Als einer der wenigen Volkswirte sah er das Platzen der US-Immobilienblase voraus, was ihm in der Fachwelt den Beinamen „Dr. Doom“ (Dr. Untergang) einbrachte. Roubini war Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton. Zurzeit nimmt er eine Auszeit von seiner Lehrtätigkeit und widmet sich seinem Beratungsunternehmen Roubini Global Economics.

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