US-Finanzkrise: Vom amerikanischen Traum zum 700-Milliarden-Trauma

Das „Finanz-Pearl-Harbor“ stürzt die USA in eine tiefe Rezession. Mit noch nicht absehbaren Folgen für den Rest der Welt: Europa wankt, und ganz Asien zittert.

Seit der Pleite der größten Sparkasse der USA, Washington Mutual, hat die Vertrauenskrise die Endverbraucher erreicht: Kunden stehen vor den Banken Schlange, um an ihr Geld zu kommen. Besonders besorgt sind alle mit Ersparnissen von mehr als 100.000 Dollar – das Maximum, das von der staatlich unterstützten Versicherung gedeckt wird. „Verschiedene Bankinstitute haben uns in Panik angerufen, weil vor ihren Filialen Fernsehteams standen und Kunden dabei filmten, wie sie ihr ganzes Geld in Cash holten“, sagt William Ruberry, Sprecher des US-„Office of Thrift Supervision“, das die Sparkassen überwacht.

Verbraucherkredite gestrichen
Unternehmen waren schon in den letzten Wochen von der Vertrauenskrise betroffen: „Es gibt nicht einmal mehr für solide, gut geführte Unternehmen Kredite“, sagt Ökonom Brian Wesbury vom wirtschaftsliberalen Think-Tank Club for Growth. „Die Wirtschaft ist durch diese sich ausbreitende Panik ernsthaft bedroht.“ Nun trifft es aber auch Verbraucher – und damit den Konsum. Die rasselnden Börsenkurse schlagen wegen des rein privaten Pensionssystems direkt auf die Einkommen von Pensionisten und auf die Pensionsvorsorge der Bevölkerung durch, die nun das große Sparen entdeckt.

Konsumflaute sicherer Weg in Rezession
Kreditkartenunternehmen haben bereits damit begonnen, die Kreditrahmen ihrer Kunden zu senken oder gar zu streichen – in einem Land, in dem ausschließlich per Karte gezahlt wird, für viele eine Katastrophe. Verbraucherkredite werden ebenfalls stark eingeschränkt: Besonders betroffen davon ist die Autoindustrie, deren Verkäufe bereits einbrechen, weil keine Ratenzahlungen mehr möglich sind. Da in den USA mittlerweile 70 Prozent der Wirtschaft vom Konsum abhängen, ist die einsetzende Konsumflaute ein sicherer Weg in die Rezession. Doch noch werden keine Zahlen veröffentlicht: „Der Effekt der jüngsten Krise auf die Verbraucher ist noch nicht berechnet, und Einzelmeldungen dienen nur dazu, mehr Panik auszulösen“, erklärt der Sprecher der American Bankers Association.

Weltwirtschaftskrise nicht ausgeschlossen
Die Auswirkungen der Krise bleiben nicht auf die USA beschränkt. „Europa ist nicht immun“, warnte kürzlich IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Am vergangenen Wochenende erreichte die Krise endgültig Europa und gipfelte in mehreren Verstaatlichungen. Die europäische Konjunktur, die bereits angeschlagen ist – vier Länder sind bereits in Rezession –, leidet nun weiter unter der Kreditklemme. Selbst die regelmäßigen Dutzend-Milliarden-Tender der Europäischen Zentralbank – sie schoss allein am Dienstag 30, am Mittwoch 50 Milliarden Euro in den Markt – heitern die Stimmung kaum auf.

EU-Notfonds für Banken
Damit rückt EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ins Zentrum des Interesses: Er solle seine konservative Zinspolitik aufgeben und die Konjunktur mit niedrigeren Zinsen beleben, fordern mittlerweile mehrere Staats- und Regierungschefs, darunter Jean-Claude Juncker, der spanische Ministerpräsident José Luis Zapatero und der französische Präsident Nicolas Sarkozy. Letzterer will es nun der US-Regierung gleichtun und einen EU-Notfonds für angeschlagene Banken gründen. Die Idee wird er am Samstag mit Deutschland, Italien und Großbritannien, der EU-Kommission, dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe Jean-Claude Juncker und der EZB auf einem Krisengipfel besprechen.

China steht bereit
Asien könnte – langfristig gesehen – noch wesentlich stärker unter der US-Krise leiden als Europa. Für China und damit ganz Süd-Ost-Asien sind die USA der wichtigste Absatzmarkt. Das amerikanische Außenhandelsbilanzdefizit betrug 2007 bereits über 700 Millionen Dollar. Um den Dollar stabil und ihre Produkte billig zu halten, horten die Chinesen über 1.800 Milliarden Dollar an Devisenreserven – und kaufen täglich nach. Doch angesichts der Schulden, die sich in den USA mit der Krise nun aufhäufen, ist ein Verfall des Dollars auf lange Sicht nicht zu vermeiden: Dem Staat wird nichts übrig bleiben, als den Schuldenberg durch Geldentwertung abzubauen – und damit bringen die USA das labile Gleichgewicht zwischen Amerika und Asien ins Wanken. Eine Rezession in Asien wäre die Folge. Doch anders als die USA und Europa hat China vorgesorgt und Geld gebunkert. Damit könnte die Finanzkrise nicht nur das Ende des amerikanischen Traumes, sondern auch das der globalen wirtschaftlichen Vorherrschaft der USA sein: China und die Öl produzierenden Staaten stehen bereit.

Von Corinna Milborn und Chris Bagley

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