Urlaubs-Horror: Einbruch

Urlaubs-Horror: Einbruch

24 Einbrüche pro Tag allein in Wien. Immer dreistere Tricks. Erbärmliche Aufklärungsquoten.

Auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt-Wohnung schwelgte die Familie des Unternehmers Thomas F. noch in Urlaubserinnerungen. Die Ernüchterung kam im Stiegenhaus beim Anblick der aufgebrochenen Eingangstüre. Und im Inneren der Wohnung herrschte Chaos: Durchwühlte Kleiderschränke, aufgebrochene Schreibtischschubladen, zerschlagenes Geschirr und aufgeschnittene Pölster und Matratzen versetzten den 38-Jährigen zunächst in Wut und kurz darauf in Ohnmacht. Der Schaden war beträchtlich. Schmuck und Antiquitäten im Wert von rund 45.000 Euro waren zur Diebsbeute geworden. Thomas F. war erschüttert - seine Familie lebt noch Wochen nach der rücksichtslosen Tat mit ständigen Angstzuständen.

Bitterer Nachgeschmack: Die Hoffnung auf Aufklärung des Einbruchs und Ausspüren der Täter ist gering. In Wien beträgt die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüchen magere 8,77 Prozent, vor drei Jahren waren es gar nur vier Prozent.

Die Polizei schätzt die Lage dramatisch ein. Auch wenn es im Vorjahr einen leichten Kriminalitätsrückgang gab, steht Österreich als Tatort von organisierten Banden hoch im Kurs. Landesweit wurden im Vorjahr 15.616 Einbrüche registriert, im ersten Halbjahr 2012 waren es bereits 8.260. Allein in Wien, vorwiegend in tradionellen Arbeiterbezirken, wo die Haushalte kaum über Sicherheitseinrichtungen wie Alarmanlagen oder Security-Türen verfügen, kommt es täglich zu 24 Einbrüchen in Wohnungen oder Einfamilienhäuser. Wer in Graz, Linz oder Innsbruck wohnt, ist ähnlich gefährdet.

Den Bären machen

Die Tätergruppen stammen vorrangig aus Serbien, der Slowakei, Ungarn, Tschechien, Polen und Rumänien und ziehen sich nach den Raubzügen sofort in ihre Heimatländer zurück. Wird eine Bande doch geschnappt, wie etwa 2009 ein georgischer Einbrecherring, der bis zu seiner Zerschlagung laut Polizei für 30 Prozent der Wohnungseinbrüche verantwortlich gewesen sein soll, übernehmen andere Gangster-Clans blitzartig ihr Revier.

Der österreichische Einbrecher mit Häfenromantik, Ehrenkodex und Dietrich in der Hosentasche, der als Highlight seiner Gaunerkarriere "einen Bären gemacht“ hat (Szene-Jargon für einen Tresorknack), ist demnach eine aussterbende Spezies. Vielmehr wird arbeitsteilig mit einem in Spezialisten aufgeteilten Komplizensystem aus Spähern, Einbruchsprofis und Fluchthelfern gearbeitet.

Auch die potenziellen Beutestücke sind nicht mehr vorwiegend Fernseher, Stereoanlagen oder Fotokameras, sondern vor allem alles, was leicht und schnell wegzuschaffen ist - Autoschlüssel, Bargeld, Pelze, Schmuck und Juwelen oder Kreditkarten. Kunstwerke und Antiquitäten stehen weniger hoch im Kurs, es sei denn, die Täter gehen gezielt und mit Auftrag vor. Vor wenigen Jahren waren selbst Unmengen von Brillenfassungen die Objekte der Begierde von Serienräubern. Gemeinsames Merkmal all dieser Beutezüge: die zunehmende Skrupellosigkeit.

Raubritter schlagen zu

Laut einer vom deutschen Konsumenten-Onlineportal "geld.de“ im Vorjahr erstellten 93-Städte-Studie über "Wohnungseinbrüche in Deutschland, Österreich und der Schweiz“ fallen die "hochprofessionellen Gangster-Organisationen, die nur zum Stehlen in diese Länder reisen, wie Raubritter über ganze Stadtteile her“ und gehen dabei mit zunehmender Rücksichtslosigkeit vor. Studienautor Konstantin Korosides, drastisch: "Sie schlagen gerne in der Dämmerung zwischen 17 und 21 Uhr zu, hebeln Terrassentüren aus, zertrümmern Fenster mit Vorschlaghämmern oder schieben kleine Kinder durch gekippte Kellerfenster.“ Auch sei so ein Bruch längst keine Männerdomäne mehr, denn bereits mehr als ein Fünftel der Täter sind laut Polizeistatistiken inzwischen Frauen.

Trauriger Triumph: Als Einbrecher-Hochburg im deutschsprachigen Raum führt Wien das Ranking der Städte-Studie an. Jeder achtzigste bewohnte Haushalt in der Bundeshauptstadt wurde bereits einmal von einem Einbrecher geknackt. Zum Vergleich: In Hamburg ist jede 119. Wohnung betroffen, in New York lediglich jedes 164. Appartement und in Los Angeles jede 171. Wohnung.

Einbruchs-Paradies

Tatsächlich machen es die Österreicher den Tätern noch immer ziemlich leicht. Volle Postkästen, gekippte Fenster und Billigtüren aus dem Baumarkt sind geradezu eine Einladung an finstere Gestalten. Die Einbrecher wählen meist den Weg des geringsten Widerstandes und geben sich auch mit kleiner Beute in wenig glamourösen Bezirken zufrieden. Ein Blick auf die Kriminalitätsstatistik der Bundeshauptstadt beweist: Die meisten Einbruchsdelikte werden in Arbeiterbezirken wie Floridsdorf oder Favoriten verübt - in klassischen Nobelbezirken wie Hietzing oder Döbling sind die Objekte mittlerweile besser geschützt. Im ländlichen Raum sind Bezirke mit guter Autobahnanbindung bei Einbrechern beliebt, weil dann die Beute rasch ins Ausland gebracht werden kann. Entlegene Regionen wie der Lungau oder Osttirol sind daher deutlich sicherer. Erstaunlich: Im gesamten Burgenland gibt es weniger Kriminalität als im Bezirk Mödling.

Die Polizei ist jedenfalls alarmiert und setzt alles daran, Prävention und Deliktsaufklärung zu optimieren. Gerhard Lang, stellvertretender Chef des Bundeskriminalamts (BKA): "Schutz vor Einbrechern funktioniert nur mit grenzüberschreitenden Kooperationen und Einbindung der Bürger. Außerdem setzen wir mittlerweile auch auf psychologische Nahbetreuung der Einbruchsopfer - auch um die Zusammenarbeit der Bürger mit der Polizei zu verbessern.“ Christian Kunstmann, Generalsekretär des Kuratoriums Sicheres Österreich, ergänzt: "Einbrecher können wirksam durch verstärkte Aufmerksamkeit der Bürger, Nachbarschaftshilfe und sofortiges Melden Verdächtiger bei der Polizei abgeschreckt werden.“

Alarmanlagen wirken

Genaueres dazu ist in der "Krainz-Studie“ aus den Neunzigerjahren nachzulesen. Damals wurden im Auftrag des Innenministeriums 300 schwere Jungs, die wegen Einbruchsdiebstahls in der Strafanstalt Karlau einsaßen, eindringlich befragt, welche Sicherheitsmaßnahmen sie am ehesten vor einem Bruch abschrecken würden. Das vor allem für die Exekutive wenig rühmliche Ergebnis dieser "Experten“-Befragung: Den größten Respekt haben die meisten Einbrecher vor Alarmanlagen und Sicherheitstüren - zu mühsam, zu langwierig. Wachsame Nachbarn und Hunde wären ebenfalls ein Hindernis. Am wenigsten aber hält sie die Angst vor einem überraschenden Polizeieinsatz von der bösen Tat ab.

Knausrige Österreicher

"Trotzdem geben die Leute immer noch viel zu wenig für Sicherheitseinrichtungen aus“, sagt Karl-Heinz Bradavka, Berufsgruppenobmann der 1.800 Alarmanlagenhersteller Österreichs. "Genaue Umsatzzahlen sind uns leider nicht bekannt. Aber wir schätzen, dass hierzulande im Moment etwas über 15.000 neue Alarmanlagen pro Jahr installiert werden.“ Dieses Geschäft sei allerdings im ersten Halbjahr 2012 um 30 Prozent rückläufig gewesen, im Vorjahr lag das Minus bereits bei 15 Prozent.

Weniger Förderungen

Der Grund für dieses maue Security-Business laut Bradavka: "Zum einen ist in den Jahren 2009/10 viel an Sicherheitsnachholbedarf, vielleicht auch aus Angst vor Krisen-Nebenerscheinungen, gedeckt worden. Zum anderen sind heuer wegen Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand etliche Förderungen für Sicherheitstüren und Alarmanlagen, etwa in Niederösterreich, gestrichen worden. Seither investieren die Leute spürbar weniger.“

Gitter vor den Fenstern, Fünffach-Sicherheitsschlösser und Bewegungsmelder rund um das Haus - radikale Skeptiker wie Studienautor Korosides halten das zwar für sinnvoll, aber nicht für weitreichend genug. Für ihn liegt das Hauptproblem in der fehlenden Abschreckung: "Während Täter in den USA damit rechnen müssen, von Hausbesitzern rechtlich legitimiert erschossen zu werden, geschieht in Ländern wie Deutschland, Österreich und Schweiz in aller Regel wenig. Und finden sich in Amerika signalfarbene Schilder wie ‚Armed Response‘ (bewaffnete Antwort), sind es hierzulande allenfalls humorvoll gemeinte Warnungen wie ‚Vorsicht: bissiger Hausherr‘.“

Auch der Hamburger Psychologe Bernd Kielmann sieht eine zunehmende Radikalisierung der Szene: "Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs haben selbst Ganoven gewisse Tabugrenzen nicht überschritten. Das hat sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend geändert.“

Versicherer profitieren

Immerhin: Auch wenn die Polizei oft überfordert ist und die Sicherheitsbranche über sinkende Umsätze klagt, es gibt auch Gewinner. Die Versicherungen etwa können sich kaum beschweren. Sie profitieren eindeutig von der zunehmenden Angst vor Einbrüchen. So hat sich laut Versicherungsverband die Summe der verrechneten Prämien für Haushaltsversicherungen, die die meisten Einbruchsdiebstahlsfälle abdecken, in Österreich von 481 Millionen Euro im Jahr 2004 auf zuletzt 609 Millionen Euro erhöht. Im gleichen Zeitraum sind jedoch die von den Assekuranzen ausgezahlten Schadensersatzleistungen von 282 Millionen Euro (2004) auf 290 Millionen Euro (2011) nur minimal gestiegen.

Anders ausgedrückt: Für die Versicherer ist dieser Bereich ein gutes Geschäft. Die sogenannte Schadensquote - je geringer diese Kennziffer, desto höher die Profitabilität dieser Versicherungskategorie - ist von 58,7 auf 47,9 Prozent gefallen. "Die Grenze liegt ungefähr bei einer Schadensquote von 70 Prozent“, erläutert der für Haushaltsversicherungen zuständige UNIQA-Vorstand Robert Wasner, "über dieser Quote ist kaum mehr etwas zu verdienen.“ Detail am Rande: Zusätzlich zu Haushaltsversicherungen wurden im Vorjahr Gesamtprämien in der Höhe von 76 Millionen Euro für spezielle, vielfach auch gewerbliche Einbruchsdiebstahlsversicherungen einbezahlt, allerdings bloß 42 Millionen Euro an Schadenersatzleistungen an den Versicherungsverband gemeldet. Dieser Spezialbereich, der noch 2004 mit einer Schadensquote von 128 Prozent tief in der Verlustzone grundelte, hat sich erst in den letzten Jahren zu einem absolut lukrativen Geschäft für die Versicherungen entwickelt.

Hilfe für die Opfer

Dank dieser positiven Geschäftsentwicklung können es sich die meisten Versicherungen inzwischen leisten, Einbruchsopfern ein kaum zu unterschätzendes Service anzubieten - die Organisation und Kostenübernahme einer professionellen psychologischen Nachbetreuung. Denn wie mehrere Studien belegen, können das Schockerlebnis und der Verlust des Sicherheitsgefühls durch das Eindringen Krimineller in die Intimsphäre der eigenen vier Wände schlimmere seelische Folgen haben als der materielle Verlust selbst.

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