UPS-Cheflogistiger und Obama-Berater Scott Davis im FORMAT-Interview

Scott Davis, Chef des US-Logistikers UPS und Berater von Präsident Barack Obama, über Paketbomben in UPS-Flugzeugen, den Währungskrieg und die mangelhafte Ausbildung der Amerikaner.

FORMAT: Herr Davis, Terroristen in Griechenland oder Jemen schicken Paketbomben per UPS. Sind Sie geschockt?

Scott Davis: Ich bin froh, dass nichts Schlimmes passiert ist. Die Ereignisse zeigen, wie wichtig Sicherheitsvorkehrungen sind. Nach den Paketbomben aus Jemen etwa haben wir sofort alle Pakete aus dem Land gestoppt.

FORMAT: Was ändert sich durch den Terror? Ist Ihre Branche ähnlich stark betroffen wie die Fluggesellschaften nach dem Anschlag 2001?

Davis: Das glaube ich nicht. Sicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe von Wirtschaft und Staat, die wir sehr effizient bewältigen werden.

FORMAT: Obwohl sich die DHL 2008 aus den USA zurückzog, war der Umsatzzuwachs mager: 2008 machten Sie 51 Milliarden Dollar Umsatz, für 2010 rechnen Analysten mit 50 Milliarden …

Davis: Das liegt an der schwachen US-Konjunktur. Unser Geschäft hängt stark von der Entwicklung der industriellen Produktion ab – und die wird nach unseren Erwartungen erst Ende 2012 wieder das Niveau von 2007 erreichen. Die Finanzkrise hat viele unserer Firmenkunden um vier Jahre zurückgeworfen, Unternehmen aus der Auto- oder Baubranche sogar um fünf bis sechs Jahre. Solchen Kräften können auch wir uns nicht entziehen.

FORMAT: Was treibt das Wachstum in Europa?

Davis: Europa macht dieselbe Entwicklung wie die USA durch, nur etwas langsamer. In Amerika machten vor 25 Jahren kleine Pakete nur zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, heute sind es zwölf Prozent. Wir profitierten von dem Just-intime-Trend, mit dem Unternehmen ihre Lagerhaltung so klein wie möglich halten, um Lagerkosten zu sparen. Das erfordert aber viele kleine Lieferungen. Dazu kommen das Internet und der E-Commerce, die die Lieferung von kleinen Paketen anheizen.

FORMAT: Im Geschäft mit privaten Kunden läuft dieser Boom jedoch weitgehend an UPS vorbei, zumindest in Deutschland. Warum lässt sich ein Weltkonzern von Konkurrenten wie der Otto-Tochter Hermes so in die Enge treiben?

Davis: Um stärker ins Geschäft mit Privatkunden einzusteigen, brauchen wir mehr Anlaufstellen vor Ort. Deshalb sprechen wir mit Unternehmen vor Ort über eine mögliche Kooperation.

FORMAT: Mit wem denn?

Davis: Wir stehen seit längerem mit einer Vielzahl von Anbietern in Kontakt.

FORMAT: Wäre es nicht einfacher, das Problem über einen Zukauf zu lösen? Beim niederländischen Postkonzern TNT steht im kommenden Jahr voraussichtlich die Paketsparte zum Verkauf.

Davis: UPS wird immer wieder als Käufer von TNT genannt. In den vergangenen zehn Jahren haben wir 40 Unternehmen übernommen, die alle deutlich kleiner waren. Großeinkäufe sind nichts für uns.

FORMAT: Vielleicht sollten Sie eine Ausnahme machen. TNT ist auch im Wachstumsmarkt China sehr präsent. Dort müssen Sie ebenfalls nachlegen.

Davis: TNT agiert in China vor allem als inländisches Frachtunternehmen, wir sind derzeit mehr am Import-Export-Geschäft interessiert. Eines Tages wird eine große Mittelschicht in China entstehen und den Konsum ankurbeln. Dann wird auch das Inlandsgeschäft spannend. Aber erst dann.

FORMAT: Alle Welt spricht über China, der frühere Wachstumsmarkt Osteuropa ist dabei etwas in Vergessenheit geraten. Wie schätzen Sie den Markt ein?

Davis: Osteuropa besitzt enormes Wachstumspotenzial. In Polen kauften wir 2005 das polnische Lieferunternehmen Stolica und sind Marktführer im Bereich von kleinen Paketen. Das Geschäft blüht, genauso wie in der Türkei, wo wir im vergangenen Jahr unseren Partner aufkauften. Wir spielen im Unternehmen oft mehrere Szenarien für die Weltwirtschaft durch. Eines davon ist eine Rückkehr zu so hohen Energiepreisen wie 2008, als das Barrel Öl mehr als 140 Dollar kostete. Damals haben wir gesehen, wie europäische Unternehmen ihre Produktionsstätten im Fernen Osten dichtmachten und näher am Konzernsitz in Osteuropa aufbauten. Dazu könnte es wieder kommen.

FORMAT: Solch ein steigender Ölpreis setzt eine kräftige Erholung der USA voraus …

Davis: Amerika ist aus dem Schlimmsten heraußen. 2011 werden wir um 2,5 Prozent wachsen. Das ist besser als in diesem Jahr, aber es müsste mehr sein. Um die Arbeitslosigkeit auch nur auf dem gegenwärtigen hohen Niveau von 9,6 Prozent zu halten, brauchen wir eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 2,5 Prozent. Es wird lange dauern, bis wir wieder eine Vollbeschäftigung vorweisen können.

FORMAT: Die Konsumenten sind überschuldet, die Unternehmen warten ab, bevor sie Maschinen kaufen oder ihre Lager füllen. Wo soll da das Wachstum herkommen?

Davis: In der Tat ist es wie mit dem Huhn und dem Ei: Was ist zuerst da? Ohne steigenden Konsum investieren die Unternehmen nicht, ohne die Investitionen gibt es keine Arbeitsplätze, was den Konsum niedrig hält. Ein Ausweg wären Exporte. Viele bilaterale Handelsabkommen liegen auf dem Tisch von Präsident Obama, und er hat versprochen, sich dem Thema nach den Kongresswahlen stärker zu widmen.

FORMAT: Sie sitzen mit 19 anderen Experten im President’s Export Council. Was halten Sie vom Versprechen des Präsidenten, die US-Exporte bis 2015 auf 3.000 Mrd. Dollar zu verdoppeln?

Davis: Das ist machbar. Weniger als ein Prozent der 30 Millionen Firmen in den USA exportieren heute. Und die Mehrzahl derjenigen, die mit dem Ausland Geschäfte machen, tun dies nur mit einem anderen Land – zumeist Kanada. In Europa liefern 20 Prozent aller Unternehmen in andere Länder. Da ist für die US-Wirtschaft also noch viel Luft nach oben.

FORMAT: Vorausgesetzt, amerikanische Unternehmen sind auf den Weltmärkten wettbewerbsfähiger.

Davis: Die Wurzel allen Übels liegt in der mangelhaften Ausbildung. In Gesprächen mit dem Präsidenten habe ich mehrfach darauf hingewiesen, dass qualifizierende Maßnahmen dringend notwendig sind. Leider hat die Regierung in den vergangenen zwei Jahren auf dem Bildungssektor zu wenig unternommen. Dabei steht die Zukunft unseres Landes auf dem Spiel.

FORMAT: Deutsche Exportfirmen wittern unlauteren Wettbewerb. Die US-Regierung würde den Dollar absichtlich abwerten, um die Exporte zu steigern.

Davis: Das ist nicht der Fall. Finanzminister Timothy Geithner hat sich wiederholt für einen starken Dollar eingesetzt.

FORMAT: Was trauen Sie Ihrem Land trotz der politischen Polarisierung – Stichwort Tea Party – im kommenden Jahr zu? Das Frachtgeschäft gilt ja als Frühindikator für die Konjunktur, und Sie haben doch bestimmt schon recht klare Signale.

Davis: Falls sich etwas ändert, werden wir es als Erste wissen: Jeden Tag bewegen wir mit unseren Lastwagen und Flugzeugen sechs Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts und zwei Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Ich bin vorsichtig optimistisch. Nach einem fröhlichen Aufbruch sieht es derzeit nicht aus. 2,5 Prozent Wachstumsrate ist kein Grund zum Feiern.

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