"Unsicherheit ist für Wachstum wie Gift"

"Unsicherheit ist für Wachstum wie Gift"

FORMAT: Der spanische Wirtschaftsminister Luis De Guindos hat kürzlich vom "Anfang vom Ende der Krise“ gesprochen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Finn Kydland: Die sogenannten Problemländer wie Spanien und Griechenland haben tiefgreifende Schwierigkeiten, die nicht unbedingt mit dem Euro zu tun haben. Die Probleme liegen im Produktivitätsrückgang, der schon weit vor der Finanzkrise begann. Wenn die Produktivität nicht steigt, wird es kein nachhaltiges Wachstum geben.

Einige Länder melden gute Zahlen und die Wirtschaft wächst. Sehen Sie keine Verbesserung der Situation?

Kydland: Nein, und das macht mir Sorgen. Die Produktivitätskurve ist seit Jahren sehr flach. Ganz deutlich erkennt man das etwa in Italien. Um Wachstum in der Produktivität zu generieren, braucht es mehr unternehmerische Aktivitäten. Auch die Verfügbarkeit von Krediten um Ideen umzusetzen ist wichtig. Das bedeutet, Politiker müssen den Banksektor gesund halten, sodass Kredite für produktive Zwecke fließen können.

Hat die Politik angemessen auf die Wirtschaftskrise reagiert?

Kydland: Die Politiker haben leider nicht sehr viel dazu beigetragen, Unsicherheiten zu beseitigen, sie haben nicht klar agiert. Wie auf die Griechenland-Krise reagiert wurde, war lächerlich. Zuerst probierten sie etwas, was nicht funktionierte. Dann probierten sie etwas anderes, was auch nicht funktionierte. Am Ende weiß keiner, was die Politiker vorhaben. Wenn man einmal Glaubwürdigkeit verloren hat, ist es schwer, diese wieder herzustellen. Aber genau das müssten Politiker tun: Sie müssen für Entscheidungsträger vertrauenwürdig und glaubwürdig sein. Unsicherheit ist für langfristiges Wachstum wie Gift.

Für diese Erkenntnis haben Sie den Nobelpreis gewonnen. Auch Ihre Forschungen über Konjunkturzyklen fand weltweit Beachtung. Sagen Sie uns bitte, wie lange könnte eine Erholung dauern?

Kydland: Das kann kein seriöser Ökonom beantworten. Es gibt kein zuverlässliches Modell dafür. Kurz gesagt: Was im kommenden Jahr passiert, ist abhängig davon, was die Privatwirtschaft über langfristige Politik denkt. Innovations- und Investitionsentscheidungen werden in Abhängigkeit vom erwarteten steuerlichen und rechtlichen Umfeld gefällt. Das macht Makroökonomie schwer, aber auch faszinierend.

Würden strengere Regulierungen helfen, diese Unsicherheiten zu reduzieren?

Kydland: Ich bin nicht sicher, ob Regulierungen helfen würden, dass sich die Wirtschaft schneller erholt. Klar ist aber, dass vieles was 2008 beziehungsweise früher passiert ist, mit schlechter Regulierung zu tun hat.

Sehen Sie Produktivitäts-Schwächen auch in ihrer Wahlheimat USA?

Kydland: Nicht in dem Maße wie in Europa. Als 2008 die Rezession einsetzte, ging zunächst die Produktivität nicht großartig zurück. Das ist für eine Rezession sehr ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist außerdem, dass die Erholung so langsam geht. In der Vergangenheit war es immer so: Sobald die Wirtschaft ihren Tiefpunkt erreicht hatte, kam sie schnell wieder auf die Sprünge. Irgendetwas hält die Geschäftswelt derzeit davon ab, wirtschaftsfördernde Entscheidungen zu treffen und zu investieren. Alle Indikatoren deuten darauf hin, dass sich die Wirtschaftslenker Sorgen bezüglich Steuererhöhungen machen.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Federal Reserve im Kampf gegen die Krise?

Kydland: Zu Beginn der Finanzkrise machten sie gute Dinge. Aber die derzeitige ultra-lockere Geldpolitik ist nicht sehr klug. Ich glaube, dass es kaum Effekte auf die Realwirtschaft hat. Und nun sind alle verunsichert, was passieren wird, wenn diese Politik endet. Außerdem wissen wir aus der Forschung über Geschäftszyklen, dass der Zinssatz nicht der größte Faktor für Wachstum ist. Die Wirtschaft läuft auch dann gut, wenn der Zinssatz hoch ist. Der Hauptfaktor ist die Wahrnehmung der Geschäftswelt bezüglich künftiger Produktivität und Steuerbelastung.

Die designierte Fed-Chefin Janet Yellen hat versprochen, besser zu kommunizieren. Würde das helfen?

Kydland: Wenn sie es glaubwürdig macht, ist das sicher eine gute Sache. Aber glauben Sie immer alles, was die Leute sagen?

Nein. Leider bin ich vor allem bei Ihrem Fach, den Wirtschaftswissenschaften, zunehmend skeptisch. Ein Beispiel sind die beiden diesjährigen Nobelpreisträger: Robert Shiller behauptet, die Krise wurde von einer Blase am Immobilienmarkt verursacht. Eugen Fama sagt, es gibt keine Blasen, Märkte seien effizient. Das ist doch absurd?

Kydland: Ich glaube nicht, dass alle Märkte zu jeder Zeit effizient sind. Aber gleichzeitig ist es für ökonomische Modellbildungen üblicherweise sicherer, diese Annahme zugunsten einer Annäherung zu treffen. Wenn man das nicht tut, wird es schwierig, weil es soviele Alternativen gibt.

Würden Sie sagen, Ihre akademische Arbeit hat die Realwirtschaft beeinflusst?

Kydland: Ich glaube schon, dass sich durch meine Arbeit die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Notenbanken unabhängig zum Wohle der Gesellschaft agieren müssen und es eine Verpflichtung zu guter Politik geben muss. In der Fiskalpolitik sehe ich diese Verpflichtung leider nicht. Wenn ein Ökonom das schafft, wird er vielleicht der nächste Nobelpreisträger.

Zur Person: Zwei Monate jobbte Finn Kydland in seiner Studienzeit bei Semperit in Wien. Diese Woche war er erneut zu Besuch: Auf Einladung der WKO hielt er im Rahmen der "Meet the Laureates“ eine Rede. Der gebürtige Norweger (geboren 1943) promovierte 1973. Mit Edward C. Prescott erhielt er 2004 den Wirtschaftsnobelpreis. Schwerpunkt seiner Forschungen sind Konjunkturzyklen, technischer Fortschritt, sowie Geld- und Wirtschaftspolitik.

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