Unser Essen wird teurer: Rohstoffe sind beliebtes Spekulationspblekt

Dürre und die Feuer in Russland treiben den Preis für Weizen in die Höhe. Gezockt wird aber auch mit Gerste, Kaffee und Kakao. Die Verlierer dieser Rally sind die Lebensmittelindustrie und die Konsumenten. Die Gewinner? Die Spekulanten.

Moskaus Straßen sind wie leer gefegt. Smog und Rauch vernebeln die Sicht und machen das Atmen fast unmöglich. Wer unbedingt das Haus verlassen muss, wagt sich nur mit Mundschutz oder Gasmaske auf die Straße. Wer kann, flüchtet gleich außer Landes. Während die Rettungskräfte verzweifelt versuchen, die Wald- und Torfbrände in Moskaus Umland unter Kontrolle zu bringen, wird anderswo gefeiert. Von der verbrannten Erde profitieren Spekulanten, die auf steigende Weizenpreise gesetzt haben, und Agrarkonzerne mit langfristigen Lieferverträgen.

Russland: Ausfuhrverbot von Weizen

Das von Präsident Putin verhängte Ausfuhrverbot hat die Nachfrage nach Weizen noch einmal verschärft – immerhin ist Russland einer der größten Getreideexporteure. In den vergangenen sechs Wochen ist der Börsenpreis für Weizen um 50 Prozent auf über acht Dollar pro Scheffel (US-Raummaß; etwa 35 Liter) gestiegen, ehe es vergangenen Montag zu einer Korrektur auf 6,80 Dollar kam. Der langfristige Trend zeigt jedoch klar nach oben.

Preiskapriolen wie bei Weizen sind auf dem Markt für Agrarrohstoffe längst keine Ausnahme. Ob Kaffee, Kakao, Orangensaft, Soja, Gerste oder Rind- und Schweinefleisch: Fast alle Bestandteile eines großzügigen Sonntagsfrühstücks – mit Ausnahmen des Zuckers – sind in den vergangenen Monaten deutlich teurer geworden. Und es wird nicht lange dauern, bis die Preissprünge aus der virtuellen Welt der Terminbörsen den höchst realen Alltag des Konsumenten erreicht haben.

Österreichische Lebensmittelproduzenten wie die Großbäckerei Felber oder der Süßwarenhersteller Manner lassen keinen Zweifel daran, dass sie die höheren Kosten an die Endkonsumenten weitergeben werden. „Kakao, Haselnüsse und Mehl sind unsere wichtigsten und nicht ersetzbaren Rohstoffe“, sagt beispielsweise Hans Peter Andres, bei Manner für den Einkauf zuständig, „die enormen Preissteigerungen können wir nicht mehr alleine tragen.“ In welchem Ausmaß Schnitten nun teurer werden, hänge von der weiteren Preisentwicklung ab. Zurzeit warte man noch ab.

Während die angekündigten Preiserhöhungen in westlichen Ländern die Angst vor Inflation schüren, könnten die Auswirkungen für den ärmsten Teil der Weltbevölkerung ungleich dramatischer ausfallen. Erinnerungen an 2008 werden geweckt, als im Zuge einer Lebensmittelkrise der Weizenpreis ein Rekordhoch von 13,50 Dollar erreichte und Weizen für mehr als eine Milliarde Menschen unerschwinglich wurde. Steigt der Preis weiter, drohen Hungeraufstände wie vor zwei Jahren in Haiti, warnt die Weltbank. Damals hagelte es Kritik an der Spekulation mit Lebensmitteln – und die wird auch jetzt wieder laut.

Die Stunde der Spekulanten

Die Rekordhitzewelle in Russland und den benachbarten Getreideanbauländern hat das Angebot verknappt und die Preise nach oben getrieben. Statt neun erwartet die Moskauer Regierung heuer bloß sechs Millionen Tonnen bei der Weizenernte. „Auf diesen Zug sind dann Anleger und Spekulanten aufgesprungen“, analysiert Egon Weinberg, Rohstoff-Spezialist der Commerzbank, „das zeigen die Gewinnmitnahmen von Anfang der Woche deutlich.“ Wie viel Spekulation im Weizenpreis steckt, lässt sich laut Weinberg nicht beziffern, doch die aktuelle, weltweit gute Verfügbarkeit von Weizen rechtfertige einen Anstieg in dieser Größenordnung nicht. Andere Experten sprechen von einem Spekulationsanteil am Weizenpreis von bis zu 70 Prozent. Aufgrund voller Lager und guter Ernteprognosen für Australien geht Weinberg für 2011 aber von einem Preisrückgang um 10 bis 15 Prozent aus. Michael Blass vom Fachverband der Lebensmittelindustrie: „Die Abkühlung ist aber noch nicht in Sicht.“

Fundamentaldaten wie Witterungsverhältnisse oder befürchtete Unruhen in Anbaugebieten dienen nur noch als Basis für den Markt. Dann beginnt das große Wetten der Spekulanten. Nach Weizen ist nun auch Gerste betroffen. Mit 210 Euro kostet eine Tonne momentan mehr als doppelt so viel wie vor sechs Wochen. Ebenfalls zum Spielball von Spekulationen wurde Kaffee, noch kräftiger zog Kakao an, der Anfang Juni ein 33-Jahres-Hoch erreichte. Fast schon legendär ist der jüngste Coup des englischen Spekulanten und Kakao-Händlers Antony Ward. Über zwei Monate hinweg hat sich sein Hedgefonds Armajaro gleich sieben Prozent der Jahresernte von Kakao gesichert – um ihn bei steigenden Preisen teurer zu verkaufen.

Sichern und Handeln

Wards Taktik haben auch die großen Investmentbanken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley oder JP Morgan zunehmend für sich entdeckt: Sie verdienen nicht mehr nur an den Termingeschäften, über die sich Produzenten gegen Preisfluktuationen absichern. Sie sind auch im großen Stil in den Handel und die Lagerhaltung von Rohstoffen eingestiegen. Allein bei JP Morgan sprangen die Rohstoffbestände von 3,6 Milliarden Dollar im Jahr 2008 auf kolportierte zehn Milliarden in 2009. Das System ist einfach und auch den Bauern und Händlern selbst nicht unbekannt: einkaufen, horten und warten, bis die Preise aufgrund des verknappten Angebots gestiegen sind. Durch diese Preisschwankungen werden gleichzeitig aber auch die Absicherungsgeschäfte teurer – und die Banken profitieren ein zweites Mal.

Neben den Investmentbanken sind es zunehmend auch Pensions- und Investmentfonds sowie private Anleger, die sich auf Agrarrohstoffe stürzen. Die Forderung nach stärkerer Handelsregulierung an den Börsen wurde deshalb nicht zuletzt wegen des Kakao-Deals wieder deutlich. „In einem gewissen Maß wäre die Beschränkung einzelner Spieler zu begrüßen“, meint Rohstoff-Spezialist Weinberg, „wir glauben, dass spekulative Anleger den Markt zu stark beeinflussen.“ Eine Einschätzung, die von den österreichischen Lebensmittelproduzenten wohl geteilt wird.

Zukunftsmarkt Rohstoffe

Was die Märkte von Getreide, Kaffee und Fleisch so anziehend macht, ist die globale Demografie. Seit dem Jahr 2000 übersteige die Nachfrage nach Nahrungsmitteln das Angebot, sagt der deutsche Agrarökonom Harald von Witzke, und eine Änderung sei aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung nicht in Sicht. In den ärmsten Weltregionen werde sich die Nahrungsmittellücke zwischen 2000 und 2030 verfünffachen. „Aber die Anbauflächen werden knapp, die besten Böden werden bereits für die Landwirtschaft genützt“, so von Witzke. Schon heute sind die Auswirkungen des steigenden Wohlstands mancher Schwellenländer in Form geänderter Lebens- und Ernährungsgewohnheiten zu bemerken: Wenn Chinesen oder Inder das Kaffeetrinken für sich entdecken, dann steigen auch für Julius Meinl und das Café Central die Rohstoffpreise. Die Getreidepreise reagieren, so von Witzke, auch massiv auf die Nachfrage nach Bio-Kraftstoffen. Immer mehr Getreide werde zu Ethanol statt Brot verarbeitet. Langfristig werden die Lebensmittelpreise daher nach oben tendieren, auch wenn sich die Lage in den kommenden Wochen entspannen sollte. Wie schnell sich der Rohstoff-Boom auf den Einzelnen auswirkt, sieht man in Moskau: Innert weniger Tage hat sich der Brotpreis von 15 auf 18 Rubel erhöht. Ein Plus von 20 Prozent, an dem weder Bauern noch Bäcker verdienen – sondern Spekulanten.

– Martina Bachler
Mitarbeit: Angelika Kramer, Miriam Koch

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