"Unschuld vom Lande": Handelsketten warnen vor dem Bauernsterben durch mehr Importe

Die Handelsketten wollen nicht länger den Kopf für die hohen Lebensmittelpreise hinhalten. Sie warnen vor Bauernsterben und Qualitätsverlust durch Preissenkungen. Arbeiterkammer und Wettbewerbshüter sehen den Handel jedoch nicht als Unschuld vom Lande.

Ein aktueller Preisvergleich der Arbeiterkammer (AK) lässt die Österreicher aufschreien: Demnach ist in Wien für idente Produkte des täglichen Bedarfs ein Fünftel mehr zu bezahlen als im bayrischen Passau. Das vom Sozialministerium veröffentlichte Preismonitoring kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Sozialminister Erwin Buchinger fordert das Wirtschaftsministerium nun auf, Betriebsprüfungen bei den Lebensmittelketten durchzuführen.

Gegenoffensive der Händler
Die großen Händler wie Billa oder Hofer gehen jetzt in die Gegenoffensive und bringen das Problem sogar auf eine gesellschaftspolitische Ebene. Zwischen fünf und zehn Prozent seien die Preise hierzulande höher als in Deutschland, räumen sie ein. Das lasse sich ändern – wenn mehr Lebensmittel aus dem Ausland importiert werden. Die Drohung: Viele Bergbauern, die wichtige Dienste für die Landschaftspflege ­leisten, würden dann aufgeben müssen.

Bergbauern-Aufschlag
„Die Preisunterschiede ergeben sich aus der kleinteiligeren Struktur der österreichischen Landwirtschaft, den besseren Qualitätsstandards und den höheren Lohnkosten“, demonstrieren Rewe-Österreich-Boss Frank Hensel, Spar-Chef Gerhard Drexel und Hofer-Vorstand Armin Burger ungewohnte Einigkeit. Hensel meint: „Wir können die gleichen Preise machen wie in Deutschland. Aber darunter würde die österreichische Landwirtschaft sehr leiden. Mit niedrigeren Löhnen hätte die AK auch keine Freude. Die Gesellschaft muss entscheiden, was sie will. Wir als Händler können das nur umsetzen.“

Statistik widerspricht Handel
Doch allen Argumenten zum Trotz ist die AK überzeugt, dass die Ketten den Inflationsdruck auch dazu nutzen, ihre eigene Ertragslage zu verbessern. Auch die Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat sprechen nicht unbedingt für den Handel. In den vergangenen Jahren lagen die Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe nämlich europaweit auf ähnlichem Niveau (siehe Tabelle vorige Seite). Demnach kassiert ein österreichischer Bauer für seine Produkte nicht mehr als seine Kollegen in Deutschland. Mit den Eurostat-Ergebnissen konfrontiert, meint Hofer-Chef Burger: „Das stimmt so nicht. Wir zahlen in Österreich definitiv höhere Einkaufspreise.“ Und er betont: Die Renditen von Hofer liegen im Unterschied zu früheren Jahren hier nicht mehr höher als im großen Nachbarland.

Ladendichte als Ursache
Der Handel sieht in den Personalkosten einen Preistreiber. Die sind in Österreich nämlich höher als in Deutschland, was aber nicht an den Lohnkosten selbst liegt. Vielmehr ist Österreichs Ladendichte die Ursache. „In keinem Land Europas ist die Standortdichte, gemessen an der Einwohnerzahl, so hoch wie in Österreich“, sagt Nah&Frisch-Großhändler Georg Pfeiffer. So teilen sich in Österreich gut 2.500 Kunden einen Supermarkt, der europäische Schnitt ist doppelt so hoch. Das geht auch mit höheren Kosten für die Lieferlogistik einher, schließlich müssen doppelt so viele Märkte pro Region angesteuert werden wie im Rest Europas.

Billiger heißt deutsch
Hofer-Boss Burger, der in den vergangenen Wochen viel Zeit in Meetings mit Politikern verbrachte, ist sein leichter Verdruss anzumerken: „Wir waren immer fair und haben Preissteigerungen nur dann weitergegeben, wenn es unbedingt nötig war. Natürlich können wir auf deutsche Preise umstellen, aber dann müssen wir auch mehr deutsche Ware verkaufen.“ Das brächte nicht nur Gefahr für das wirtschaftliche Überleben heimischer Bauern, meint der Handel. Auch die Konsumenten hätten keine Freude: Deutsche Lebensmittel sind in Österreich noch nie gut angekommen.

Von Arndt Müller und Silvia Jelincic

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