Universal-Chef Briegmann: "Lustiger war es in den 90er-Jahren"

Universal-Chef Briegmann: "Lustiger war es in den 90er-Jahren"

FORMAT: Herr Briegmann, als Unterhaltungsprofi wissen Sie sicher, dass man das Publikum mit Sensationen locken muss.

Frank Briegmann: Worauf wollen Sie hinaus?

Ich würde gern schlüpfrige Anekdoten über Ihre Stars hören. Geht das?

Briegmann: (schaut gequält) Wenn sich Ihre Leser dafür interessieren, werde ich sehen, was sich machen lässt.

Bestens, das heben wir uns für später auf. Erklären Sie doch erst mal, wie man als Westfale über 15 Jahre in der Musikbranche überlebt.

Briegmann: (lacht) Meine westfälische Abstammung hat mir in der Branche sicher nicht geschadet. Uns sagt man ja Bodenständigkeit und Sturheit nach. Künstler sind Menschen, die - egal ob sie auf der Bühne stehen oder Brötchen kaufen - extreme emotionale Reaktionen auslösen. Da hilft es, wenn man selbst gut geerdet ist.

Sind Sie denn gar nicht aufgeregt, wenn Sie sich mit Robbie Williams oder Rihanna unterhalten?

Briegmann: Es wäre hinderlich, wenn ich bei Vertragsverhandlungen mit Künstlern weiche Knie und ein verträumtes Grinsen auf dem Gesicht hätte. Eine Ausnahme war mein Treffen mit Paul McCartney vor zwei Jahren - das war schon der Wahnsinn.

Sie sind im Februar zum Europachef von Universal Music ernannt worden. Wenn ein Bankkaufmann der erfolgreichste Musikmanager des Landes ist, wie steht es da um Sex, Drugs und Rock’n’Roll in der Branche?

Briegmann: (lacht) Das mit der Banklehre war der Wunsch meiner Mutter. Sie wollte, dass der Junge was Ordentliches lernt. Nach zwei Jahren bin ich dann aber auch noch an die Uni gegangen und habe BWL studiert. Was den Rock’n’Roll angeht: Wichtig ist, dass der Mythos lebt, das Tagesgeschäft sieht anders aus. Durch die Digitalisierung ist unsere Industrie enorm komplex und deutlich schwieriger geworden. Da schadet es nicht, wenn man nicht nur ein charmanter Vorturner ist, sondern sich auch mit Geschäftsmodellen auskennt. Die Rolle des President Central Europe wurde auch geschaffen, weil Universal Music im vergangenen Jahr den Konkurrenten EMI übernommen hat.

Sprechen wir über EMI. Seit der Finanzinvestor Terra Firma das britische Label 2007 kaufte, sind dem Konzern reihenweise renommierte Künstler wie Rolling Stones, Radiohead oder Robbie Williams weggelaufen. Können Sie diesen Trend stoppen?

Briegmann: Die Reaktionen der Künstler, mit denen ich gesprochen habe, sind enorm positiv. Alle sind froh, jetzt wieder einen verlässlichen Partner zu haben, der dauerhaft engagiert ist und sich mit Musik auskennt. Man darf Künstler nicht wie Schrauben behandeln. Sie sind für uns zwar auch letztlich Produkte, aber sie leben, sprechen und fühlen eben und sind oft sehr sensibel.

Gibt es Momente, in denen Sie lieber Schrauben verkaufen würden - etwas, das nicht widerspricht oder Hotelzimmer zerschlägt?

Briegmann: Nein. Widerspruch kann doch inspirierend sein, und zertrümmerte Zimmer zahlt in der Regel der Künstler selbst.

Der Musikmarkt hat sich in den vergangenen zehn Jahren halbiert. Macht es eigentlich noch Spaß, in der Branche zu arbeiten?

Briegmann: Also lustiger war es in den 90er-Jahren sicherlich. Die Musikbranche wurde von der Digitalisierung als erste Industrie überhaupt zur Jahrtausendwende eiskalt erwischt. Es wurde raubkopiert, was das Zeug hielt, und wir hatten keine Vorbilder, mit der Situation umzugehen. Mittlerweile haben wir das Problem aber im Griff. Wir haben viel Zeit und Geld investiert, um unsere Songs mit so vielen digitalen Partnern wie möglich zu vermarkten. Nur mit einem attraktiven legalen Angebot im Internet bringen wir die Konsumenten dazu, die Songs nicht zu klauen. In vielen Märkten wie in Skandinavien oder Asien wachsen die Umsätze erstmals wieder. Die Talsohle ist erreicht.

Der deutsche Musikmarkt ist 2012 erneut um zwei Prozent geschrumpft.

Briegmann: Das stimmt, aber zum Glück wächst Universal Music gegen diesen Trend. Allerdings hinkt Deutschland allgemein bei der Digitalisierung hinterher, weil erst im vergangenen Jahr endlich auch Musikflatrate-Dienste wie Spotify oder Simfy in Deutschland breit eingeführt wurden. Vorher war das nicht möglich. Erst musste eine Lösung über die Musikrechteentlohnung mit der Verwertungsgesellschaft Gema gefunden werden. In Schweden zum Beispiel wächst der Markt dank des Streamings sehr erfreulich.

Braucht man überhaupt noch Plattenlabel? Dank digitaler Aufnahmetechnik ist die Produktion der Musik spottbillig, vermarkten kann man sich über das Internet selber. Das YouTube-Video "Gangnam Style“ des koreanischen Künstlers Psy brach vergangenes Jahr den Weltrekord als meistgeklicktes Video der Geschichte.

Briegmann: Psy ist in der Tat ein hervorragendes Beispiel. Der hat das Video zwar selbst produziert und ins Internet gestellt, aber finanziell erst mal wenig von seinem Erfolg gehabt. Anschließend nahm Universal Music ihn unter Vertrag. Das hätte Psy wohl kaum gemacht, wenn er sich nichts davon versprochen hätte. Die Musik zu produzieren ist heute günstiger, das stimmt. Aber sie in der komplexen Medienwelt dann zu vermarkten und damit Geld zu verdienen ist sehr viel schwerer als früher.

Das Highlight beim Echo 2012 war ein Zungenkuss der Moderatorinnen Barbara Schöneberger und Ina Müller. Am Donnerstag moderiert Universal-Music-Schlagerstar Helene Fischer den Preis. Wie soll sie das toppen? Vielleicht ein Zungenkuss mit Ihnen?

Briegmann: (lacht) So was Ähnliches hatten wir ja auch schon mal, als sich Ina Müller auf den Schoß ihres Plattenfirmen-Chefs setzte. Stimmt, eigentlich wäre ich jetzt dran.

Dürfen Ihre Kinder eigentlich auf solche Veranstaltungen mit?

Briegmann: Ich nehme sie nur selten mit, weil die beiden sich in ihrem Alter noch nicht die Nächte um die Ohren schlagen sollen. Wenn ein Wunsch besonders groß ist, versuche ich ihn aber zu erfüllen. Sie dürfen mal raten, wen meine Tochter unbedingt kennenlernen wollte.

Justin Bieber?

Briegmann: Sehr gut. Wenn ich nein gesagt hätte, wäre meine Tochter vermutlich richtig sauer gewesen. Mit meinem Sohn hatte ich auch mal eine skurrile Situation. Bei einer TV-Show trafen wir einen internationalen Popstar. Innerhalb von Sekunden war ich abgemeldet, als mein Sohn mit dem Sänger ein Fachgespräch über das aktuelle FIFA-Videospiel anfing.

Und wer war der Star?

Briegmann: Sag ich nicht.

Es ist nicht leicht, Ihnen etwas zu entlocken. Kommen Sie, Herr Briegmann, eine lustige Anekdote noch. Wir bräuchten eine Überschrift wie: "Als Madonna mich in ihr Zimmer zerrte“.

Briegmann: (lacht) O. k., eine kriegen Sie. Ein namhafter männlicher Künstler hat mir mal wild gestikulierend seine Faust ins Gesicht gehauen. War zwar aus Versehen, gab aber trotzdem ein ordentliches Veilchen.

Die Geschichte gefällt mir. Und wer war das?

Briegmann: Sag ich nicht.

Spielverderber.

Briegmann: (lacht) Damit kann ich leben. Übrigens sitze ich vielleicht deshalb noch auf meinem Stuhl: weil ich solche Geschichten für mich behalte. Westfale halt, sorry.

Zur Person: Als Frank Briegmann 2004 zum Chef von Universal Music Deutschland ernannt wurde, staunte man. Ein Westfale mit Banklehre und Diplom-Kaufmann als Plattenboss? Neun Jahre später ist der 45-Jährige längst zum wichtigsten Musikmanager Europas aufgestiegen. 2010 übernahm er zusätzlich die Leitung der Universal-Music-Ländergesellschaften in Österreich und der Schweiz und des Klassiklabels Deutsche Grammophon. 2013 wurde er zum Präsidenten Zentraleuropa ernannt und verantwortet nun auch die Territorien Nord- und Osteuropa.

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