Ukraine - Land der Widersprüche

Normalerweise ist eine Fußball-Europameisterschaft eine ideale Gelegenheit, um als Gastgeberland Imagepunkte zu sammeln. Aber bei der Ukraine, die gemeinsam mit Polen die Spiele im Juni austragen wird, ist irgendwie alles anders.

Und so wurde aus dem aufgelegten Elfmeter ein unüberschaubares Spiel mit vielen Fouls - das das flächenmäßig zweitgrößte Land Europas jetzt ins Abseits gedrängt hat: Die gesamte EU-Kommission, viele westeuropäische Politiker und Prominente haben schon angekündigt, die Fußballspiele boykottieren zu wollen.

Als Grund für die Drohung werden "Verstöße gegen Menschenrechte“ genannt. Doch die Debatte um die inhaftierte ehemalige Regierungschefin Julija Timoschenko ist bei genauerer Betrachtung vor allem eines: widerspruchsreich. Daher können österreichische Wirtschaftstreibende, die in der Ukraine aktiv sind, die Boykottankündigungen nicht ganz nachvollziehen. Zumal es längst nicht mehr um eine kranke Expolitikerin geht, sondern darum, ob sich die Ukraine künftig eher nach Westen oder nach Osten orientieren wird oder in der Zwickmühle bleibt.

"Die Ukraine hätte viele Chancen, aber sie werden nicht genutzt“, urteilt Birgit Niessner, Osteuropa-Chefanalystin der Erste Group. "Es gibt ein großes Potenzial, aber das liegt brach.“

Gute Zahlen, gemischte Gefühle

Beim ersten Blick auf die Zahlen offenbart sich das Drama noch nicht: Die Wirtschaft wuchs im Vorjahr um 5,2 Prozent, Inflationsrate, Budgetdefizit und Verschuldung sind gering. Die Lebensqualität in Kiew ist gestiegen, sodass sich immer mehr Russen dort niederlassen, hat Meinl-Bank-Chef Peter Weinzierl beobachtet. "In der Ukraine, vor allem im Osten des Landes, gibt es einige sehr gute Betriebe. Aber grundsätzlich ist die Situation sehr angespannt.“

Denn für heuer wird nur noch ein Wirtschaftswachstum zwischen ein und drei Prozent erwartet. "Das ist für ein Land mit so viel Nachholbedarf zu wenig“, sagt Niessner. Die Wirtschaft ist abhängig vom Export von Rohstoffen - und diese Preise werden nicht von der Ukraine diktiert.

Seit Viktor Janukowitsch 2010 die Wahlen gegen Timoschenko gewann, passierte wenig, um das Land auf Vordermann zu bringen. Die Korruption in der Ukraine blüht, Transparency International reiht das Land an 152. Stelle von 182 Ländern. Politische Kontakte helfen, damit die Behörden einem das Leben nicht schwer machen, erzählen Insider. Laut Reporter ohne Grenzen steht das Land in Sachen Pressefreiheit auf einer Stufe mit Simbabwe, Algerien und Venezuela. Das alles klingt weit entfernt. Dabei ist man in sechs Stunden mit dem Auto von Wien aus in der Ukraine - nach Bregenz dauert es länger.

"Die Rechtssicherheit ist nicht vergleichbar mit Mitteleuropa“, sagt Anwalt Johannes Trenkwalder, der in Kiew das Büro CMS Reich-Rohrwig Hainz leitet. "Aber mit anderen osteuropäischen Staaten ist sie sehr wohl vergleichbar.“

Es braucht Zeit

Die Ukraine habe in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht, meint Wolfgang Kindl, CEO der Uniqa International. "Natürlich wird das Land sich noch weiterentwickeln - wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch. Aber dafür braucht es Zeit“, sagt er. Aus der Sicht des Westens gehe es darum, diesen Transformationsprozess zu unterstützen. "Ein Boykott der Europameisterschaft ist hier der falsche Weg.“

Österreich ist der fünftgrößte Investor in der Ukraine

250 rot-weiß-rote Unternehmen sind im Land zwischen Dnjepr und Schwarzem Meer aktiv. "Für uns war der Kauf der Bank Aval 2005 die größte Akquisition unserer Unternehmensgeschichte. Mit 3,4 Millionen Kunden betreut Raiffeisen in der Ukraine so viele Kunden wie in keinem anderen Land, sogar weit mehr als in Österreich“, sagt Herbert Stepic, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Bank International.

Die Investoren-Rangliste verdient eine genauere Betrachtung: Nummer eins ist Zypern, der östliche Nachbar Russland liegt nur auf Platz vier. Vermutet wird, dass viele Rubel über die Mittelmeerinsel investiert wurden. Auch ein Investment mit Österreich-Bezug wurde über eine zypriotische Gesellschaft abgewickelt: Im Vorjahr kaufte der Wiener Finanzinvestor Epic 92,79 Prozent am ukrainischen Telekombetreiber UkrTelekom. Bezahlt wurden für die Anteile umgerechnet rund 950 Millionen Euro. Die Restrukturierung des 75.000-Mitarbeiter-Unternehmens sei im Plan. "Es ist erstaunlich, wie wenig Widerstand von der Politik und den 60.000 Kleinaktionären gekommen ist“, sagt Epic-Chef Peter Goldscheider zufrieden. Er kennt die Ukraine seit zwanzig Jahren, daher überrascht ihn nichts - viele der aktuellen Reaktionen hält er für voreilig und überstürzt.

Auch in der Vergangenheit bot die Ukraine ein Wechselbad der Gefühle. Die "goldenen Zeiten“, als sieben Jahre lang über sieben Prozent Wirtschaftswachstum verzeichnet wurden, endeten 2009 jäh: Es kam zu einem Einbruch von rund 15 Prozent. Von dieser Rezessionsohrfeige, der politischen Neuausrichtung und der massiven Währungsabwertung hat sich das Land noch immer nicht erholt. Und es hat vor allem die Banken vorsichtig gemacht.

"Früher wurden eher leichtfertig Kredite vergeben“, sagt Gregor Postl, der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Kiew. Jetzt gelten rund ein Drittel der Kredite offiziell als notleidend. Laut Experten könnte es aber noch mehr sein. Geld leihen kann sich im Moment eigentlich nur, wer keines braucht. Und auch die bekommen nur Einjahresdarlehen und müssen mit rund 20 Prozent Zinsen rechnen.

Staat braucht Geld

Auch der Staat ist klamm. "Es ist ein Bangen von Monat zu Monat, vor allem gegen Ende des Jahres kommt die Ukraine oft extrem in Bedrängnis“, so Niessner. Hilfskredite des Währungsfonds werden nicht ausgezahlt, weil die Ukraine auf billiges Gas aus Russland hofft und sich weigert, die Gaspreise in Richtung wirtschaftlich gerechtfertigtes Niveau anzuheben. Im heurigen Jahr müsste die Ukraine eigentlich rund ein Drittel der Staatsschulden bedienen - wie das finanziert wird, ist offen.

Trotz der Ebbe in den Staatskassen wurden über elf Milliarden Euro in Vorbereitung für die Fußball-EM in dringend notwendige Infrastruktur investiert. Das hat 2011 das Wachstum angekurbelt. Von dem Boom hat etwa auch Henkel profitiert. "Dadurch haben sich Bauchemikalien besser verkauft“, sagt Günter Thumser, Chef von Henkel in Österreich und Osteuropa. Im vergangenen Jahr war die Ukraine das Land für Henkel CEE mit den größten Zuwächsen in lokaler Währung. "Natürlich muss man feststellen, dass sich einige Entwicklungen in der Ukraine verzögern. Aber grundsätzlich sind wir unverändert optimistisch“, sagt Thumser.

Bei Billa rechnet man ebenfalls mit steigenden Umsätzen. "Die Ukraine bietet enormes Entwicklungspotenzial“, sagt Janusz Kulik, Vorstand Rewe International. "Einerseits ist der organisierte Einzelhandel mit rund 30 Prozent im Lebensmittelbereich noch wenig ausgereift. Andererseits ist die Profitabilität im Vergleich zu anderen europäischen Märkten signifikant höher - diese Tatsache zeigt sich sehr schön in der positiven Geschäftsentwicklung.“ Freuen können sich auch Anbieter von Solaranlagen. Denn der hohe Einspeistarif für erneuerbare Energien zieht laut Trenkwalder viel Interesse nach sich. "Hier gibt es mehrere große Projekte“, sagt er.

Unternehmen in den Startlöchern

Zwei, drei österreichische Firmen überlegen derzeit neue Investitionen in der Ukraine. "Das sind Unternehmen, die sich das Land schon mehrere Jahre ansehen und die Risiken und die Chancen kennen“, sagt Wirtschaftsdelegierter Postl. Die niedrigen Kosten für Mieten und die geringen Löhne sprechen für die Ukraine. Doch nachdem der klare Kurs des Landes fehlt, warten viele ab. Zumindest auf die Parlamentswahl im Oktober, deren Ausgang ungewiss ist. Präsident Janukowitsch wird aber zugetraut, das Ergebnis zu manipulieren.

Die Situation könnte sich entspannen, nachdem Timoschenko ihren Hungerstreik beendet hat und von einem deutschen Arzt behandelt wird. Und nachdem manchen westlichen Politikern klar wird, dass ihr berühmter Haarkranz zwar wie ein Heiligenschein wirkt - aber an der Unschuld der früheren "Gasprinzessin“ gezweifelt werden darf. Die Situation könnte sich auch zuspitzen, einen Mitteleuropagipfel auf der Krim hat die Ukraine abgesagt. Ein Freihandelsabkommen mit der EU ist ausverhandelt, liegt aber auf Eis.

Noch wird die Boykottdebatte in der Ukraine weniger heiß gegessen als im Westen. "Die Bevölkerung hat andere Probleme, ob Frau Merkel jetzt zu den Spielen kommt oder nicht“, sagt Postl. Er jedenfalls wird die EM nicht boykottieren. "Ich habe mir schon Karten für Kiew gekauft“, erzählt er. "Aber sie wurden mir noch nicht geschickt.“

- Miriam Koch

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