Überlebenskampf: Der Kranich schluckt die AUA - ohne Fremdhilfe ist Airline verloren

Der AUA-Deal ist perfekt. Jetzt prüft die EU. Die Konkurrenz schießt scharf. Die AUA sagt: Ohne die Lufthansa keine Chance.

Normalerweise spielt das Schweizer Fernsehen dienstagabends einen Krimi. Nur am 22. März 2005 gab es um 20 Uhr ein Sonderprogramm: Gezeigt wurde Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber, wie er mit seiner Unterschrift unter den „Integrationsvertrag“ die Eingliederung der Swiss in die Lufthansa besiegelte. Am 5. Dezember wird Wolfgang Mayrhuber erneut zur Füllfeder greifen: um den Erwerb der AUA zu fixieren. Der Freitags-Krimi im ORF-Hauptabendprogramm bleibt davon zwar unberührt. Aber nun beginnt auch in Österreich ein neues Kapitel in der Luftfahrt, das dramatische Änderungen für die AUA mit sich bringen wird.

Auf dem Papier schaut alles gut aus
Der Österreicher Wolfgang Mayrhuber hat alles getan, um die Emotionen in seiner alten Heimat zu beruhigen. Die Pläne der Lufthansa wirken so, als könnten die Österreicher gut damit leben. Die AUA bleibt auch als Lufthansa-Tochter ein selbständiges Unternehmen mit eigener Crew, ­eigener Zentrale und eigener Marke. ­Zwischen 2009 und 2011 wird die Flotte (knapp hundert Flugzeuge) der AUA ­konstant bleiben, zwischen 2011 und 2013 soll sie leicht wachsen. Etwa sechs Prozent der AUA-Verbindungen werden wegen des krisenbedingten Passagierrückganges und wegen Überschneidungen mit der Lufthansa nun gestrichen.

Kostenblöcke um 50 Millionen Euro senken
Die Lufthansa gründet eine Stiftung, die 25 Prozent an der AUA halten und mit fünf Personen (drei davon Österreicher) besetzt sein wird. Diese Stiftung soll dar­auf achten, dass österreichische Interessen weiterhin gewahrt bleiben. Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Lufthansa sehr rasch der massiven AUA-Verluste annehmen wird – mit harten Maßnahmen. Das werden bald auch andere Unternehmen spüren. Mit Rückendeckung der Kranich-Airline soll die AUA einige Kostenblöcke um 50 Millionen Euro senken: Um etwa zehn Millionen Euro soll der Flughafen Wien weniger kriegen. Bei der Flugsicherung Austro Control und der OMV sollen rund 40 Millionen Euro geholt werden.

Lufthansa verkauft weltweit AUA-Tickets
Die AUA kann ihre Tickets künftig über das weltweite Lufthansa-Netz vertreiben. Deren Mitarbeiter sind angehalten, die neue Tochter zu forcieren. Derzeit beschäftigt der österreichische Carrier im Ausland 600 Leute, von denen einige wohl um ihren Job zittern müssen. Den Ober-Kapitän der rot-weiß-roten Heckflosse dürfte es hingegen vorderhand nicht treffen. Bislang gingen fast alle Beobachter davon aus, dass AUA-Chef Alfred Ötsch nach der Einigung mit der Lufthansa schnell abtreten werde. Auch an Rücktrittsaufforderungen aus der Politik mangelte es nicht. Doch wie FORMAT aus Lufthansa-Kreisen erfuhr, soll Ötsch seinen Job vorerst behalten: in jedem Fall, bis die EU-Entscheidung zum AUA-Deal vorliegt, die frühestens in drei Monaten vorliegen wird.

Mega-Verlust ist keine Überraschung
Der nun offiziell zugegebene Jahresverlust von 475 Millionen Euro wird Ötsch bei der Lufthansa kein Problem bereiten. Die Zahlen sind dort längst bekannt. Die 300 Millionen für Flugzeugabwertungen und die 60 Millionen Verlust bei Wertpapieren summieren sich zusammen mit den 125 Millionen operativem Verlust sowie den Bankschulden (knapp eine Milliarde) in einem Lufthansa-Papier auf 1,5 Milliarden Euro „Altlasten“. Ein Drittel davon muss der österreichische Staat tragen, wurde in den Verhandlungen mit der ÖIAG vereinbart. Offen ist noch, in welcher Form die 500 Millionen der AUA zufließen. Die Kommunikationsstrategie der AUA löste auch in diesem Punkt wieder einmal heftige Empörung aus. Bei der Gewinnwarnung der AUA am 16. Oktober (also noch vor Ablauf der Privatisierungsfrist) stand der Abschreibungsbedarf von 360 Millionen schon in einer fertigen Adhoc-Meldung, wurde im letzten Moment aber durch die Formulierung „125 Millionen negatives Betriebsergebnis vor Sonder­effekten“ ersetzt.

Mega-Verlust ist keiner
Die Konkurrenz schießt sich aus ganz anderen Gründen auf die Zahlen ein. Niki Lauda, Eigentümer der Billig-Airline NIKI, schäumt: „Die haben alles reingerechnet, weil sie unbedingt ein negatives Eigenkapital darstellen wollen. Weil nur dann würden die 500 Millionen Zuschuss bei der EU vielleicht als Restrukturierungshilfe durchgehen. Aber das Eigenkapital ist trotzdem nicht negativ.“ Lauda will die Geldspritze verhindern oder wenigstens hohe Auflagen durch die EU erreichen: „Ich kann mich locker zurücklehnen, weil sich sowieso schon viele Airlines aufmuni­tioniert haben“ (siehe Interview ).

Lufthansa fackelt nicht lange
Entspannt zurücklehnen können sich AUA und Lufthansa keinesfalls. Die Entscheidung der EU über die Staatshilfe und über die kartellrechtliche Genehmigung wird bis Frühsommer 2009 dauern. Dass die Kommission den Deal kippt, ist sehr unwahrscheinlich. Aber Auflagen wird es geben – wie gravierend, ist noch nicht absehbar. Erst danach kann die Lufthansa frei agieren und etwa den Aufsichtsrat neu besetzen. Alfred Ötsch und die 8.000 AUA-Mitarbeiter hoffen, dass das Geschäft bis dahin nicht weiter einbricht. Denn Lufthansa-Boss Mayrhuber hat deutlich gemacht, dass er wie bei der Swiss Erfolge von der AUA erwartet. Gelingen die nicht, ist es mit dem Schmusekurs vorbei, und eine harte Sanierung wird beginnen.

Deutsch-österreichische Kooperation
Die Lufthansa hat zugesagt, die Strukturnachteile der AUA, die sich aus deren Kleinheit ergeben, auszugleichen. Wolfgang Mayrhuber gilt in der Branche als besonders erfolgreich. Seit er 2003 an die Spitze der deutschen Fluggesellschaft kam, setzt er auf Größe und nachhaltige Kostendisziplin, auch wenn sein Kurs gelegentlich auf Widerstand bei den gut organisierten Lufthansa-Mitarbeitern stößt. Im Konzern herrscht harter Wett­bewerb unter den Beteiligungen. Mit der AUA schafft es Mayrhuber, zur bisher größten europäischen Fluglinie, dem ­ewigen Rivalen Air France/KLM, aufzurücken – was Passagierzahlen und Umsatz betrifft. Der größte Coup Mayrhubers war bislang die Akquisition der Swiss, die ­heute wieder satte Gewinne einfliegt. Für die AUA ist der neue Eigentümer eine Chance, aber keine Garantie.

Übernahmeangebot der Lufthansa
Nicht sehr zufrieden sind viele AUA-Kleinak­tionäre: Sie haben zumindest zu Beginn der Privatisierung mit deutlich mehr gerechnet als den 4,44 Euro, welche die Lufthansa ihnen nun bietet. Ex-Werber Schmid, der mit Partnern knapp zehn Prozent an der AUA besitzt, hält das Offert für gesetzeskonform. Er will nun abwarten, ob es Einsprüche gegen die Privatisierung gibt. Dass es keine Alternative zur Lufthansa gibt, erkennt auch er an. Wehren will Schmid sich, wenn er das Gefühl hat, über den Tisch gezogen worden zu sein: „Wir werden uns gut überlegen, was wir jetzt tun.“

Verkauf auch für ÖIAG Verlustgeschäft
Die Staatsholding hat die AUA mit 7,15 Euro je Aktie in den Büchern stehen. Nun bekommt sie einen Cent (insgesamt rund 360.000 Euro). In drei Jahren darf sie – sofern sich die AUA wirtschaftlich gut entwickelt und die Lufthansa-Aktie im Branchenvergleich gut abschneidet – auf 4,43 Euro zusätzlich je Aktie hoffen. In den Führungsetagen der AUA wird der ÖIAG nicht nachgetrauert. Mit dem Einzug von Lufthansa-Experten in den Aufsichtsrat werde eine ganz andere Diskussionsqualität herrschen, so ist zu hören. Der Österreicher Mayrhuber wird sicher selbst im Aufsichtsrat Platz nehmen.

Von Miriam Koch und Andreas Lampl

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