Türkei im Wirtschaftsboom: Vor den Wahlen herrscht Sorge, ob das so bleibt

Die Türkei steht ökonomisch besser da denn je. Am Wochenende wird Premier Erdogan seinen dritten Wahlsieg landen. Kritiker befürchten eine Islamisierung, aber die größere Gefahr für Wirtschaft und Auslandsinvestoren ist die Überhitzung.

Gigantische Shoppingmalls, luxuriöse Apartmenthochhäuser und moderne Office-Towers – das Istanbuler Finanzviertel Levent zeugt von dem unglaublichen Aufschwung, den die Türkei durchlebt. Die Mieten sind hier so hoch wie in anderen europäischen Metropolen, und an der Hauptstraße von Levent, der Büyükdere Caddesi, protzen Vorzeigekonzerne wie Sabanci und Kiler mit ihren Wolkenkratzern. 1960 waren Wien und Istanbul gleich groß. Heute ist die Stadt am Bosporus zehnmal größer. „Die Türkei ist das China vor unserer Haustüre“, sagte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl vergangene Woche anlässlich einer Wirtschaftsmission, zu der Oberösterreichs Raiffeisen-Boss Ludwig Scharinger geladen hatte.

Am Pfingstwochenende blickt ganz Europa auf das muslimische Wirtschaftswunderland, von dem auch österreichische Unternehmen in den vergangenen Jahren kräftig profitierten. Die 73,7 Millionen Türken wählen ein neues Parlament. Nicht der Ausgang erzeugt Spannung, denn es bestehen keine Zweifel, dass der amtierende Premierminister Recep Tayyip Erdogan gewinnt.

Sorge bereitet vielen Türken und ausländischen Investoren, welchen wirtschaftspolitischen Kurs der 56-jährige Chef der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) künftig einschlägt. Kritiker wollen eine zunehmende Islamisierung der Türkei beobachtet haben, gepaart mit autokratischen Tendenzen der Führungselite und von Erdogan selbst. Sie fürchten, dass die liberale Ausrichtung der türkischen Wirtschaft, die mit der schweren Krise 2001 eingeleitet wurde, unter dem Druck der religiösen Kräfte ein jähes Ende finden könnte. Andere Experten hingegen sehen keine Gefahr. „Die AKP ist im Kern eine neoliberale, marktfreundliche Partei. Sie kam mithilfe des Industriesektors an die Macht“, ist Cengiz Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik überzeugt.

Das goldene Jahrzehnt

Die Bilanz von Erdogans Öffnungspolitik im vergangenen Jahrzehnt ist jedenfalls beachtlich. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf wuchs von 3.000 auf zuletzt 10.000 US-Dollar, die Exporte stiegen von 25 auf 114 Milliarden US-Dollar, und 2010 erreichte die Türkei fast zehn Prozent Wirtschaftswachstum – der höchste Zuwachs innerhalb der OECD. In Westeuropa weitgehend unbekannte Städte wie Trabzon, Samsun und Kayseri boomen ebenso wie Istanbul. Allerorts werden Stadtautobahnen, Bürotürme und neue Hafenanlagen gebaut. Die Türken haben eine Vorliebe für prestigeträchtige Infrastrukturprojekte. Derzeit träumt Premier Erdogan etwa vom Bau einer zweiten Wasserstraße neben dem Bosporus zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer. 2023, zum 100. Geburtstag der Republik, soll sie eröffnet werden.

Türkische Unternehmenskonglomerate segeln auf Expansionskurs: Der Haushaltswarenhersteller Beko übernahm vor ein paar Jahren die angeschlagene deutsche Grundig. Und die Yildiz Holding verleibte sich den belgischen Schokoladenhersteller Godiva ein. Die türkische Bauindustrie – die Renaissance-Gruppe etwa ist an der heimischen Porr beteiligt – plant heuer internationale Projekte mit 30 Milliarden Dollar Gesamtwert. Vor allem im nordafrikanischen, arabischen und russischen Raum sind die Türken extrem aktiv – und ähneln in ihren politischen Ambitionen einer Regionalmacht.

Beobachter sprechen schon vom Neo-Osmanismus. Premier Erdogan hat eine nie da gewesene Privatisierungswelle eingeleitet. Allein im vergangenen Jahr wurden Staatsbeteiligungen um 14,9 Milliarden Dollar verkauft. Sogar Stromverteilernetze gehen an Private, was für Österreichs Landeshauptleute nie infrage käme. Der heimische Verbund-Konzern etwa steht über sein Joint Venture Enerjisa kurz vor der Übernahme des Verteilernetzes der Region Antalya. „Heuer noch will die Regierung weitere attraktive Firmen privatisieren“, berichtet der Wirtschaftsdelegierte in Ankara, Konstantin Bekos.

Angesichts des riesigen Marktes und des günstigen Investorenklimas zieht es immer mehr heimische Firmen an den Bosporus. „In der Türkei haben wir innerhalb von sechs Monaten alle Genehmigungen für ein neues Wasserkraftwerk. In Österreich schaffen wir das nicht einmal in sechs Jahren“, beschreibt Bernhard Raberger, Vizegeneral der Enerjisa, den Reiz des Landes.

2010 waren die Österreicher mit 1,8 Milliarden Dollar sogar die größten ausländischen Investoren im Land, getrieben von der Übernahme der Petrol-Ofisi-Tankstellen durch die OMV. Die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (RLB-OÖ) etwa kooperiert mit der Akbank und weiteren 22 Korrespondenzbanken. „Wir begleiten unsere Kunden bei ihren Geschäften mit der Türkei, und die nehmen rasant zu“, meint RLB-OÖ-Chef Scharinger. Und der Linzer Wirtschaftslandesrat Viktor Siegl ergänzt: „Auch für KMUs ist die Türkei als neuer Markt prädestiniert, weil sie viel näher ist als die BRIC-Staaten.“

Die türkische Erfolgsstory möge noch lange anhalten, hoffen die europäischen Unternehmen und fürchten daher fundamentalistische Strömungen: Die Zahl der sogenannten Ehrenmorde steigt, und die Pressefreiheit ist unter Druck. Großes Aufsehen erregte etwa die Verhaftung des bekannten Journalisten Ahmet Sik. Die Vermutung liegt nahe, dass sein Buch „Die Armee des Imam“, in dem er von der Unterwanderung der Sicherheitskräfte durch die Bewegung des Fundamentalisten Fethullah Gülen schreibt, Grund der Aktion war. Premier Erdogan will, falls er bei den Wahlen eine Zweidrittelmehrheit erringt, das Präsidentenamt in Anlehnung an Frankreich mit mehr Rechten ausstatten – und später wohl selbst dafür kandidieren.

Das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ ging jüngst sogar so weit, eine Wahlempfehlung für die Mitte-links-Oppositionspartei CHP abzugegen. In der Türkei war man empört.

Muslimische Calvinisten

Der Österreicher Gerald Knaus von der Europäischen Stabilitätsinitiative (ESI), einem privaten Think-Tank mit Büros in Istanbul, Berlin und Brüssel, untersucht seit Jahren den ideologischen Background der AKP. Er sieht keinen Grund zur Sorge. Seine These: Die seit 2002 regierende AKP sei geprägt vom Einfluss von Unternehmern aus der Region Kayseri in Zentralanatolien, einer der größten und erfolgreichsten Industriezonen der Türkei mit Möbel-, Lebensmittel- und Haushaltsgeräteproduktion.

Viele türkische Größen wie der verstorbene Unternehmer Sakip Sabanci und Staatspräsident Abdullah Gül stammen von dort. Knaus nennt sie muslimische Calvinisten: „Die Überzeugung ist weit verbreitet, dass ein guter Muslim wirtschaftlich erfolgreich sein und Arbeitsplätze schaffen soll. Auch Mohammed war ja ein Händler.“ Seine Studie hatte 2006 sogar eine Imam-Konferenz zur Folge, die untersuchte, ob ein Calvinist etwas Gutes oder Schlechtes ist.

Knaus ist überzeugt, dass die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, auch in Österreich, freundlich bleiben. „Bei den letzten Wahlen haben auch viele junge, moderne Türken die AKP gewählt. Diesmal werden es vielleicht weniger sein. Aber aus Angst vor einer Zweidrittelmehrheit, nicht vor dem Fundamentalismus.“

Die Opposition prangert eher die Privatisierungswelle an. Und es besteht die Gefahr, dass die Wirtschaft sich überhitzt. Das Leistungsbilanzdefizit wird durch die massiven Finanzzuflüsse aus dem Ausland 2011 schon auf rund acht Prozent des BIP ansteigen. Außerdem beruht das beachtliche Wachstum zu weiten Teilen auf dem Inlandskonsum und auf einem unglaublichen Bauboom. „Leider wird viel zu wenig in die Produktion selbst investiert“, warnt Türkei-Experte Günay.

Beim Spaziergang durch den Finanzdistrikt Levent beeindrucken die riesigen gläsernen Einkaufstempel, voll mit westlichen Luxuslabels – mit internationalen Marken, die nicht einmal in Wien zu finden sind. Natürlich kann auch sonntags hier geshoppt werden. Allerdings wird man den Eindruck nicht los, dass schon übers Ziel hinausgeschossen wurde: Auf den Tausenden Quadratmetern Verkaufsfläche verteilen sich die Kunden so gut, dass die Geschäfte ausgestorben wirken.

– Barbara Nothegger

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