Tschüss, Krise - der Boom ist da! Deutsche Unternehmen melden Rekordgewinne

Deutschland durchlebt derzeit ein kleines, feines Wirtschaftswunder. Von dem unerwarteten Boom profitiert auch Österreichs Industrie.

Deutsche Bosse üben sich derzeit in Zurückhaltung. Peter Löscher, Chef des Industriekonzerns Siemens, etwa kommentierte die kürzlich vorgelegten Rekordergebnisse bloß mit „Siemens ist zurück auf Wachstumskurs“. Dabei löste das Münchner Unternehmen mit dem höchsten Quartalsergebnis und dem bestgefüllten Auftragsbuch der Konzerngeschichte eine wahre Euphorie aus. Auch Dieter Zetsche, Herr über den Autobauer Daimler, hatte im Juni die Verkäufe um 13 Prozent gesteigert und einen Absatzrekord verbucht. Alleine in China brachten die Stuttgarter dreimal so viele Luxuskarossen an den Kunden wie ein Jahr zuvor. Zetsche, überrascht: „Das habe ich selbst nicht erwartet.“

Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverbands BGA, bestätigt denn auch den Exportboom, der unsere Nachbarn in Staunen versetzt. Die Ausfuhren legten zwischen Jänner und April um 12,7 Prozent zu. Börner: „Der deutsche Export übertrifft alle Erwartungen.“

Geschäftsstimmung: durchwegs positiv

Diverse Managerumfragen wie der ifo-Geschäftsklimaindex orten eine Stimmungsaufhellung, die so deutlich ist wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. „Krise? Welche Krise?“, fragte Anfang August das Magazin „WirtschaftsWoche“, und die Zeitschrift „Focus“ ist sich sicher: „Der Boom ist da.“

Die harten Fakten untermauern die endorphingeschwängerte Stimmung in der deutschen Wirtschaft. Die Zahl der Arbeitslosen sank kontinuierlich auf zuletzt 3,15 Millionen. Im zweiten Quartal, so die Schätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), legt das Wirtschaftswachstum um 1,1 Prozent zu. 2009 wurden noch 5 Prozent Minus eingefahren. Die OECD rechnet für das Gesamtjahr 2010 mit einem Plus von 1,9 Prozent, während für die Euro-Zone bloß 1,2 Prozent prognostiziert werden. „Bei aller Vorsicht glaube ich, dass wir sogar eine Zwei vor dem Komma erreichen können“, zeigt sich der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle optimistisch.

Doch woher kommt der unerwartete Boom in Europas wichtigster Volkswirtschaft? Eines ist klar: Der deutsche Wirtschaftsboom ist ein Exportboom. Und so reüssieren derzeit jene Sektoren, die gut im Weltmarkt verankert sind: die Elektro- und Elektronikindustrie, der Chemiebereich und die Stahlindustrie. Auch die Autobauer schlugen sich besser als erwartet. Während heuer die Neuwagenzulassungen in Deutschland um ein Viertel einbrechen werden, exportierten VW, Mercedes und Co im ersten Halbjahr 2010 um 44 Prozent mehr Fahrzeuge.

Ansturm auf Made in Germany

Dabei fällt auf, dass sich die Hälfte der Exportmärkte der Bundesrepublik in der Euro-Zone befindet. Aber auch diese hatten Bedarf an Produkten made in Germany: So stiegen die deutschen Exporte nach Großbritannien in den ersten vier Monaten 2010 um immerhin 12,7 Prozent, die nach Frankreich um 7,5 Prozent und die in die USA, den zweitwichtigsten Exportraum, um 7,6 Prozent. Die spektakulärsten Zugewinne kommen aber aus den Schwellenländern. Im gleichen Zeitraum schnellten die deutschen Warenverkäufe nach Brasilien um 45,8 Prozent und die nach China gar um 55 Prozent in die Höhe. Kein Wunder, denn die chinesische Wirtschaft wuchs 2009 um mehr als neun Prozent. „Deutschland nutzte die Krise, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern“, analysiert Thomas Gindele, Chef der Deutschen Handelskammer in Österreich.

Tatsächlich sind die deutschen Unternehmen in der Lage, schneller als andere die gestiegene Nachfrage zu befriedigen. Der Grund liegt in der breiten Nutzung der Kurzarbeitszeitmodelle. Auf dem Höhepunkt der Krise im Mai 2008 arbeiteten rund 1,53 Millionen Deutsche kurz – derzeit sind es noch gut eine halbe Million. „Jetzt müssen Firmen nicht neu einstellen und haben daher einen Vorteil gegenüber Ländern, die keine derartigen Modelle hatten“, so Ferdinand Fichtner vom DIW. Dazu kommt, dass die Hauptexportgüter der Bundesrepublik, also Industriewaren, wenig preissensibel sind. Außerdem hielt die Regierung im vergangenen Jahrzehnt die Zuwächse bei den Lohnstückkosten niedrig. Diese wuchsen marginal um 0,7 Prozent und lagen damit hinter Frankreich, Großbritannien und Italien – ein Umstand, der Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich sogar Kritik vonseiten Frankreichs einbrachte.

Doch diese trifft auf keine Resonanz: Deutschland wird von manchen Experten wie Thomas Gindele als Wachstumsmotor für die gesamte europäische Wirtschaft gesehen – zumindest für ein, zwei Quartale. Was Österreich betrifft, ist dieser Effekt auch tatsächlich merkbar: Für viele deutsche Konzerne sind heimische Unternehmen Zulieferer. So fährt die Voest-Tochter Polynorm, bei der Autoteile erzeugt werden, mittlerweile wieder Sonderschichten. „Für heuer erwarten wir ordentliche Zuwachsraten“, sagt der zuständige Voest-Vorstand Franz Hirschmanner. Gerechnet wird mit einem Plus von rund zehn Prozent.

Insgesamt fließen 38 Prozent der österreichischen Exporte zum großen Nachbarn. Berechnungen, wie viel Wachstum Österreich „importiert“, wenn die deutsche Wirtschaft boomt, gibt es keine. Allerdings schätzt das Institut für Höhere Studien (IHS), dass knapp 70 Prozent des Wachstums der heimischen Wirtschaftsleistung vom Export herrühren. „Österreich profitiert von den intensiven Zulieferbeziehungen zur wiedererstarkten deutschen Wirtschaft“, erklärt Österreichs Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Allerdings sind die Ausfuhren Österreichs in die 58 Länder, die derzeit mehr als vier Prozent Wirtschaftswachstum für sich verbuchen können, gering. Aktuell liegt der Anteil nur bei 4,6 Prozent. „Die lukrativsten Märkte sind außerhalb Europas“, so Peter Koren von der Industriellenvereinigung. „Wir müssen die Exporte dorthin forcieren.“

Wie lange Deutschland als Konjunkturmotor Europas herhalten kann, ist fraglich. „Das deutsche Wachstum ist kein Selbstläufer“, gibt Klaus Abberger vom Münchner ifo-Institut zu bedenken. Experten rechnen wegen auslaufender Konjunkturprogramme in China und den USA im zweiten Halbjahr mit einer Eintrübung der Weltkonjunktur. Darüber hinaus hängt das mögliche Platzen der chinesischen Immobilienblase wie ein Damoklesschwert über dem Reich der Mitte – und dann schaut es auch für die deutsche Exportwirtschaft wieder düsterer aus. Ob das kleine Wirtschaftswunder der Deutschen bis zum Jahresende hält, wird dann vor allem von einem Faktor abhängen: der Kauflaune des deutschen Konsumenten.

– M. Koch, I. Krawarik, B. Nothegger

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