Trendwende bei General Motors: Vor einem Jahr pleite, 2010 saftige Gewinne

US-Autohersteller GM könnte 2010 wieder Milliarden-Gewinne machen: Die Story einer rasanten Trendwende.

Vor einem Jahr ging General Motors (GM) bankrott. Es war die größte Pleite in der Geschichte der US-Industrie. Doch dieses düstere Kapitel ist wie ausradiert. Der zweitgrößte Autohersteller der Welt legte vielmehr ein Comeback erster Klasse hin. Im ersten Quartal 2010 hat der Konzern einen Gewinn von rund 700 Millionen Euro erzielt. „Für das Gesamtjahr ist ein Gewinn von zwei bis fünf Milliarden Euro drinnen“, prognostiziert Stefan Bratzel, Leiter der Fachhochschule für Automobilwirtschaft in Bergisch Gladbach. Jetzt will der Traditionskonzern sogar an die Börse und bis zu 20 Milliarden Dollar lukrieren. Es wäre der bisher größte US-Börsengang.

Möglich wurde dieses Kunststück erst durch das Gläubigerschutzverfahren Chapter 11 und den Einstieg der US-Regierung, die Schulden von 60 Milliarden Dollar übernahm. In den fünf Jahren davor hatte GM Verluste in Höhe von 88 Milliarden Dollar angehäuft. Ziel war es, das hoch verschuldete Unternehmen völlig umzustrukturieren.

Wirtschaftlich wieder in der Oberliga

Die Rechnung ist bisher voll aufgegangen. Die anziehende Wirtschaft hat fraglos ihren Beitrag geleistet, zumal auch andere Hersteller teils kräftig zulegen konnten. Doch vor allem durch den massiven Schuldenerlass katapultierte sich „New GM“ finanziell wieder in die oberste Liga der Autohersteller. Ein geringer Verschuldungsgrad ist der entscheidende Faktor, denn die globale Autoindustrie ist vor allem kostengetrieben. Hinzu kommt, dass mit einem Handstreich der Großteil der US-Werke dichtgemacht wurde und im Zuge der Insolvenz den Gewerkschaften erhebliche Zugeständnisse im Tarifvertrag abgerungen wurden. Auch erdrückende Verpflichtungen für Gesundheit und Rente der Mitarbeiter gingen über Bord. Verlustbringer wie Saab, Pontiac und Hummer wurden verkauft. Mit einem Verschuldungsgrad in Bezug auf das Eigenkapital von 80 Prozent steht der Konzern jetzt ähnlich gut da wie BMW, PSA Peugeot und Fiat.

In China unter den Top drei

Gute Chancen, dass sich der Erfolg prolongieren lässt, bietet die starke Stellung auf den zwei wichtigsten Automärkten der Welt: USA und China. In Amerika verkauft der Konzern heuer voraussichtlich 2,2 Millionen Autos – um rund acht Prozent mehr als im Vorjahr. Bereits in den ersten fünf Monaten des Jahres schlug der Detroiter Konzern 15 Prozent mehr Wagen los. Im Premiumsegment hat die GM-Marke Cadillac die Ford-Tochter Lincoln bereits hinter sich gelassen. Auch in China brummt das Geschäft. Heuer wird die Nachfrage nach GM-Modellen voraussichtlich um 20 Prozent auf 947.400 Modelle steigen. Bereits jetzt ist GM die Nummer drei im Reich der Mitte. Vor allem der Buick kommt in China gut an. Ähnlich hoch sind die GM-Absätze in Lateinamerika. Dort liegt die Billigmarke Chevrolet gut im Rennen.

Opelwerk in Wien-Aspern profitiert

Das hohe Wachstum in Asien und Lateinamerika beflügelt auch die Absatzzahlen von GM Powertrain in Wien-Aspern, einem der Motoren- und Getriebewerke von GM. Seit Anfang des Jahres liefert Aspern auch an GM-Werke in den USA, Russland, China, Australien und Korea. In Brasilien sind die Wiener bereits vertreten. Diese neuen Märkte sind neben neuen Motoren- und Getriebegenerationen die wesentlichen Gründe, warum Aspern heuer zweistellige Zuwächse erwartet, obwohl Opel stagniert.

Bei ansprechenden Modellen hat GM aber noch kräftiges Aufholpotenzial. Ed Whitacre, unter dessen Führung der Konzern umgekrempelt wird, hat zwar erkannt, dass sich das Zeitalter der großen Schlitten zu Ende neigt, doch noch ist viel zu tun. „Bei Sprit sparenden Modellen hat der Konzern noch ein großes Defizit“, resümiert Autoexperte Erich Merkle vom Branchendienst Autoconomy. So liegt US-Erzrivale Ford im wachsenden Segment sparsamer Kompaktwagen derzeit in der Gunst der Kunden vorne. Die GM-Tochter Opel verfügt zwar innerhalb des Konzerns in dieser Hinsicht noch über das größte Know-how, doch im internationalen Ver- gleich hinken die Rüsselsheimer hinterher. Mit dem Chevrolet Volt und dem Opel Ampera verfügt der Autoriese zwar über zwei Familienwagen mit Elektroantrieb. „Doch das sind Autos, die das Image der Marke aufpolieren, zum Umsatz können sie wenig beitragen“, so Bratzel.

Auch an der Kostenschraube muss noch kräftig gedreht werden. Vor allem in puncto Effizienz schwächelt GM nach wie vor. Autoexperte Bratzel: „Die Plattformstrategie, die Konzerne wie VW oder viele Asiaten seit Jahren praktizieren, kommt bei GM in einem deutlich geringeren Maß zum Einsatz.“ Der Vorteil dieser einheitlichen Bodenplatten: Mehrere Modelle lassen sich so vergleichsweise günstig produzieren. Doch dieses Manko will Whitacre nun beseitigen. Damit einher geht die Strategie, wie viele andere Hersteller mehrere Autos für den Weltmarkt zu konstruieren und nicht wie GM bisher für jede Region eigene Modelle zu bauen. So haben die Amerikaner große Pläne mit ihrer ur-amerikanischen Premiumtochter Buick. „Wir wollen Buick zu einer Weltmarke ausbauen“, sagt GM-Chefingenieur Jim Federico. Erste Versuche in dieser Hinsicht gibt es bereits. Der Buick Regal ist bis auf den Kühlergrill mit dem Opel Insignia ident, wird in Deutschland gebaut und in China und den USA verkauft. „Dem Insignia werden weitere globale Modelle folgen, die in Rüsselsheim für den Weltmarkt entwickelt werden“, kündigt Federico an. Von den Stückzahlen her rangiert der Buick im Konzern allerdings unter ferner liefen (siehe Grafik). Auch ein Opel Astra für den Weltmarkt ist angedacht.

GM hofft auf erfolgreichen Börsengang

Auch wenn Opel innerhalb des Unternehmens über die Gesamtpalette gesehen über die modernsten Autos und Motoren verfügt, schreibt der deutsche Konzern nach wie vor rote Zahlen. Verlieren die Deutschen doch seit Jahren Marktanteile. „Im Zuge der GM-Insolvenz hat man ein Jahr Zeit verloren, um die Sanierung in Angriff zu nehmen“, urteilt Bratzel. Jetzt stehen die Schließung des Werks in Antwerpen und die Entlassung von mehr als 8.000 Mitarbeitern an. Auch bei den Modellen hat Opel Aufholbedarf. Ein herausragendes Produkt wie der Opel Insignia, der mit zahlreichen Auszeichnungen überhäuft wurde, reicht da noch nicht. Opel-Europa-Chef Nick Reilly visiert für 2011 aber schwarze Zahlen an. Heuer würden sich noch die Kosten für die Restrukturierung zu Buche schlagen.

Ob der geplante Börsengang von GM ein Erfolg wird, daran scheiden sich vorerst die Geister. S&P-Auto-Analyst Tobais Mock: „Es ist noch zu früh, das Management muss seine Leistungen noch länger unter Beweis stellen. Ein Quartal mit Profiten ist zu wenig.“ Bratzel sieht den Börsengang positiv: „Der Verschuldungsgrad ist niedrig, und bei der Modellpolitik holt GM auf.“

Anneliese Proissl

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