Treichls 'Politiker seien zu blöd und zu faul', sorgt weiter für Aufregung

Mit seiner Politikerschelte hat Top-Banker Andreas Treichl für riesige Aufregung gesorgt. Dahinter steckt auch eine immer größere Entfremdung zwischen Wirtschaft und Politik.

Nachdenklich sieht Andreas Treichl, 58, aus, als er vergangenen Dienstagmorgen sein Fahrrad vom Außenministerium Richtung Erste-Bank-Zentrale lenkt. Der Banker hat gerade eine Aussprache mit Vizekanzler Michael Spindelegger hinter sich. Eine unangenehme Aussprache, denn wenige Tage zuvor hatte der frühere ÖVP-Finanzreferent Treichl auch Parteifreunde wie Spindelegger, nämlich die heimischen Politiker pauschal als „zu blöd und zu feig und zu unverständig“ bezeichnet. Die Reaktionen waren fulminant: saure Gesichter in der Politik, Applaus aus den Reihen der Wirtschaft. Selten zuvor hat ein Manager seiner Wut dermaßen deutlich Luft gemacht und mit seinen Aussagen eine derartige Welle an Zustimmung und Kritik ausgelöst.

Blank liegende Nerven

Eine Welle, von der Treichl selbst, so berichten Freunde, überrascht war. Und eine Aufregung, die so eigentlich gar nicht geplant war. Eigentlich hätte der Erste-Chef letzten Freitag auf einer Veranstaltung des „Seebrunner Kreises“, eines VP-nahen Thinktank, lediglich einen kurzen, harmlosen Vortrag zum Thema „Lernfähig? Finanzwirtschaft nach der Krise“ halten sollen. Doch dann gingen die Emotionen mit dem launigsten Formulierer der heimischen Bankenszene durch. Ihm platzte einfach der Kragen, und es fielen jene starken Worte, die mittlerweile sogar auf Ö3 rauf und runter gespielt werden.

Das Nervenkostüm des Bankers war an jenem Freitag ohnehin nicht mehr sehr strapazierfähig, denn er hatte am Vortag ordentlich Prügel einstecken müssen: von seinen Aktionären auf der Hauptversammlung und in weiterer Folge von einigen Politikern, weil die Aufsichtsratsgagen in der Erste Bank verdoppelt wurden – ein Schritt, den viele als nicht passend und unsensibel empfanden. Nicht passend vor allem deshalb, weil die Erste Bank zur Bewältigung der Finanzkrise 1,2 Milliarden Euro Staatsgeld bekommen hat.

Bei Treichl, der ohnehin öfter über das Banker-Bashing und das schlechte Image seiner Zunft grübelt, stieg der Zorn. „Er als gestandener Banker soll sich auf einmal von einer Laura Rudas die Bankenwelt erklären lassen. Das ist ihm an die Nieren gegangen“, berichtet einer seiner Berater. Die SP-Bundesgeschäftsführerin hatte nämlich von der „Abkassier-Mentalität“ der Banker gesprochen und eine Erhöhung der Bankensteuer angedroht.

Auch mit der Kritik, dass er mit zuletzt 2,8 Millionen Euro der bestbezahlte Banker des Landes ist, kann Treichl offenbar immer schlechter umgehen. Etwas gereizt sagte er letzte Woche in der Hauptversammlung: „Ich verdiene mehr als der Kanzler. Das ist nicht gerecht. Der Kanzler verdient mehr als der Präsident der Vereinigten Staaten. Das ist auch nicht gerecht.“

Reizthemen

Aber in Wahrheit geht es um viel Grundsätzlicheres. Treichl ist verärgert, weil seiner Meinung nach das neue Banken-Regelwerk Basel III die österreichische Wirtschaft nachhaltig schädigen wird – und die Regierung dies zulässt. Und weil er die Bankensteuer in ihrer geplanten Form für die dümmste Art der Besteuerung hält.

Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass Treichls Wutausbruch den vorläufigen Höhepunkt in einem seit Monaten andauernden Konflikt zwischen Wirtschaft und Politik darstellt. Der Unmut über die Untätigkeit der Regierung steigt. In der FORMAT-Coverstory „Revolte gegen die Regierung“ äußerten sich Ende Februar 40 TopmanagerInnen ähnlich wie Treichl, wenn auch etwas nobler. Und in einer brandaktuellen Karmasin-Umfrage stimmen auch 60 Prozent der Bürger dem Urteil des Erste-Bosses über Politiker zu. 52 Prozent glauben auch, dass Treichls derbe Wortwahl notwendig war, um gehört zu werden.

„Meine Kritik war undifferenziert“, gesteht Treichl FORMAT gegenüber ein, „aber ohne klare Worte hätte kein Mensch über dieses Thema gesprochen.“ Dieses Thema ist Basel III. Der Banker sagt, dass dadurch die Kreditvergabe an Unternehmen dramatisch eingeschränkt wird: „So wird jedes Wachstum verhindert. Es geht hier um die gesamte österreichische Wirtschaft und darum, deren Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen.“ Denn während Basel III das Eigenkapitalerfordernis der Banken für Kredite teilweise verdreifacht, unterliegt die Aufnahme von Geld am Kapitalmarkt keinen Beschränkungen. Laut Treichl bedeutet das einen massiven Wettbewerbsnachteil für Unternehmen aus Österreich, Deutschland und den CEE-Ländern, die sich zu 90 Prozent über Kredite finanzieren.

Er wirft Politik und Aufsichtsbehörde Ignoranz vor, weil in Brüssel nicht dagegen vorgegangen wird: „Es gibt keinen politischen Willen, etwas zu gestalten.“ Und er erinnert an Gerhard Schröder, der als Kanzler für Deutschland Basel II mehr oder weniger verhindert habe, weil er ordentlich auf den Tisch haute. Eine Reihe heimischer Wirtschaftslenker, darunter VIG-Boss Günter Geyer und Nationalbank-Präsident Ewald Nowotny, sind ähnlicher Ansicht. Auch ehemalige ÖVP-Politiker wie Erhard Busek vermissen von Qualität geprägte Finanzpolitik.

Eigentor

Die Bankensteuer lehnt Treichl ab, weil die Substanz besteuert wird. Er könnte sich noch eher mit einer Erhöhung der KÖSt. anfreunden. Vor allem ärgert ihn aber, dass die Einnahmen einfach in den Budgetlöchern verschwinden: „Wenn schon, müsste mit dem Geld der Wirtschaftsstandort Österreich verbessert und abgesichert werden.“

Sein Unmut hat aber wohl auch damit zu tun, dass die Erste Bank von der Bankensteuer im Verhältnis zum Mitbewerb besonders hart getroffen wird und Bundeskanzler Werner Faymann jetzt sogar laut über eine weitere Erhöhung nachdenkt. Diese Niederlage habe sich Treichl zum Teil selbst zuzuschreiben, glauben Branchenkenner. Der Erste-Boss habe immer eine höhere Besteuerung des spekulativen Elements gefordert, dabei aber übersehen, dass die Erste Bank im Vergleich zu anderen heimischen Banken selbst einen höheren Anteil an derivativen Instrumenten besitze. Und so muss die Erste bei einem deutlich geringeren Marktanteil als der Raiffeisensektor gleich viel Steuer (140 Millionen Euro) zahlen. Für Treichls besten Freund Wilhelm Gorton ist das ein Unding. „Dass die ÖVP überhaupt nicht dagegengehalten hat, ist ein Wahnsinn“, sagt er im Interview mit FORMAT. Auch Treichl kann sich zuweilen Seitenhiebe auf die Konkurrenz nicht verkneifen, wie kürzlich, als er auf die Frage nach einer Beschäftigung von Ex-Finanzminister Josef Pröll sagte: „Ich hätte nicht gewusst, wo ich einen Agraringenieur in unserer Gruppe einsetzen sollte.“

Faymann ist sauer

Nicht immer war die Stimmung zwischen der Politik und dem Topbanker so getrübt wie jetzt. Auch wenn der polyglotte Treichl wenig mit dem Bundeskanzler gemeinsam hat, so habe er sich anfangs doch sehr um ihn bemüht, berichten Vertraute. Mit wenig Erfolg allerdings. Immer wieder habe Faymann die „bösen“ Banker via „Kronen Zeitung“ abgewatscht. Seit dieser Woche ist Faymann überhaupt sauer. „Es kann nicht sein, dass die Banken Risiken eingehen und die Managergagen erhöhen, wenn es gutgeht, und wenn es schiefgeht, soll der Staat zahlen“, richtete er über die Medien aus.

Hinter den Kulissen hört man, der Kanzler warte auf eine Entschuldigung Treichls. Und die Sozialistische Jugend lud diese Woche zu einer Demonstration gegen Treichl vor der Erste-Zentrale am Graben. „Diese Runde geht ganz klar an die Politik. Treichl hat seiner Reputation mit seiner derben Aussage geschadet“, glaubt SP-Geschäftsführer Günther Kräuter, der sich dieser Tage lieber mit Bank-Austria-Boss Willibald Cernko trifft.

Bei Teilen der SPÖ ist der Erste-Banker aber auch willkommen. Erst kürzlich gingen der rote Rapid-Präsident Rudolf Edlinger und der bürgerliche Treichl eine Kooperation ein. Das Rapid-Geld wird seither bei der Erste Bank angelegt. Und auch privat zieht es den Erste-Chef jetzt des Öfteren mit seinen Söhnen auf die VIP-Tribüne des Wiener Traditions-Fußballclubs. Ein paar SPÖler, Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, äußerten sogar ein gewisses Verständnis für die Aussagen des Spitzenbankers.

Unter mangelnder Aufmerksamkeit leidet Treichl sowieso nicht: Mehr als 100 Interviewanfragen trudelten in der Bank ein. PR-Berater Wolfgang Rosam war die letzten Tage im Dauereinsatz. Um dem Ansturm Herr zu werden, wurde eigens eine Pressekonferenz in der Bank einberufen. Die neu gewonnene Popularität soll nun genutzt werden, um die sachlichen Anliegen der Bank noch einmal zur Sprache zu bringen.

Treichls Wutausbruch hat aber auch dazu geführt, dass sein Name immer öfter im Zusammenhang mit Plänen für eine neue Wirtschaftspartei genannt wird. Der frühere Finanzreferent der ÖVP wäre mit seiner Courage das ideale Zugpferd für ein derartiges Projekt, glauben manche. Der VP-Abgeordnete Michael Ikrath winkt ab: „Treichl ist kein Politiker.“ Der Angesprochene selbst schließt einen Polit-Job aus. Treichl will noch eine Amtszeit in der Erste Group anhängen.

– Angelika Kramer, Martina Madner

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