Top-Managerin und Super-Mama: Vamed-Vorstand Andrea Raffaseder ist beides

Andrea Raffaseder ist seit kurzem Vorstand des Vamed-Konzerns. Als Mutter von vier Kindern ist sie eine Ausnahmeerscheinung unter Topmanagerinnen. Wie die 45-Jährige Kliniken und Kids managt.

Vier Stunden Schlaf pro Tag, mehr sind es meist nicht. Wochenendtrips gibt es schon lange nicht mehr. Für Hobbys bleibt Andrea Raffaseder sowieso keine Zeit. Ein verlängertes Wochenende mit der Familie wie jetzt zu Ostern, das ist schon wie Urlaub für sie. Das Leben der 45-jährigen Oberösterreicherin klingt nach Arbeit – und sonst nichts. Trotzdem wirkt Raffaseder rundum zufrieden.

Ausnahmeerscheinung in der Vorstandsriege
Seit Anfang des Jahres sitzt sie im Vorstand des Gesundheitskonzerns Vamed. Der ist mit 2.800 Mitarbeitern und 524 Millionen Euro Umsatz einer der weltweit führenden Betreiber und Errichter von Gesundheitseinrichtungen. Raffaseder hat den Zeit raubenden Job angenommen, obwohl sie vier Kinder hat: drei eigene – noch ziemlich kleine – sowie ein Adoptivkind. Das allein macht sie zu einer Ausnahmeerscheinung unter den Vorständen von österreichischen Großunternehmen. Doch damit nicht genug: Die studierte Betriebswirtin und Dolmetscherin ist bei der Vamed für das internationale Projektgeschäft verantwortlich. Das macht ihren Terminkalender noch dichter. Sie muss nicht nur ihren Job in der Wiener Zentrale und die Familie in Oberösterreich unter einen Hut bringen, sondern auch noch häufig ins Ausland reisen. Die Managerin lebt vor, was sich viele junge Frauen wünschen, aber nur wenige schaffen: eine Topkarriere und gleich mehrere Kinder zu verbinden. „Ich liebe meinen Beruf und meine Kinder. Würde ich beides nicht so gern machen, hätte ich dazu nie die Energie“, sagt Raffaseder.

Späte Mutter, früher Berufsstart
Ihr erstes Kind bekam Andrea Raffaseder mit 38. Dafür begann ihre Karriere umso früher. Nach dem Studium in Wien heuerte sie als 23-Jährige bei der Voest an und wurde als Repräsentantin nach Russland geschickt. „Eigentlich wollte ich Journalistin und Autorin werden“, erinnert sich Raffaseder, „plötzlich fand ich mich im Kalten Krieg mitten unter russischen Stahlbaronen in Moskau wieder.“ Die Jungmanagerin bewährte sich im männerdominierten Anlagengeschäft und stieg schnell auf: Über die Elin EBG kam sie 2004 zu Siemens und leitete bis vor einem Jahr Siemens Ukraine. „Es tat mir sehr leid, als Andrea Raffaseder das Unternehmen verlassen hat“, meint Siemens-Chefin Brigitte Ederer, „ich habe sie als ausgezeichnete, entschlossene Managerin kennen gelernt.“ Ein Grund für ihren Abgang im Mai 2008 war die Geburt ihres Sohnes, Maximilian. Nach einigen Jahren in Kiew sollte der in Österreich zur Welt kommen. Jetzt lebt die Familie – die Mädchen sind sechs und fünf, die Adoptivtochter 28 Jahre alt – im oberösterreichischen Freistadt. „Mehr als der viermonatige Mutterschutz ging aus beruflichen Gründen nie. Zu lange kann man vom Job in einer hohen Position nicht weg sein“, sagt Raffaseder.

Geschäftsfrau und Hausmann
Der Nachwuchs wird nicht von einer Vielzahl von Kindermädchen versorgt, sondern vom Ehemann. Der gebürtiger Russe ist seit der ersten Geburt ganz zuhause und musste dafür seinen Job als Psychologe sausen lassen. Unterstützung im Haushalt hat er von einer ukrainischen Musikpädagogin. „Allein kann man das nicht schaffen“, hat Andrea Raffaseder erkannt. Im neuen Job bei der Vamed hat sie einiges vor: Das Unternehmen will in den nächsten Jahren weiter wachsen. Auch in Regionen außerhalb der EU und den USA. „Wir haben eben erst eine Niederlassung in Argentinien gegründet und wollen auch in Thailand einsteigen. Außerdem soll das bestehende Geschäft in China, Südostasien und im Mittleren Osten stark ausgebaut werden“, umschreibt die Managerin ihre beruflichen Ziele. Ihre Kunden sind fast ausschließlich staatliche Einrichtungen, die neue Krankenhäuser und Gesundheitszentren errichten wollen. Ein Schlüssel zu neuen Aufträgen, gerade in Schwellenländern, liegt in der Projektfinanzierung – und das ist mit ein bis zwei Auslandsreisen pro Monat verbunden. Vamed-Boss Ernst Wastler urteilt über seine Kollegin: „Im internationalen Geschäft muss man sich auf unterschiedliche Kulturen einlassen, gut zuhören und den Geschäftspartnern mit Respekt begegnen können. Diese Fähigkeit beherrscht Frau Raffaseder.“

Zwischen Chefsessel und Kindersitz
Job und Kinder werden bei ihr strikt getrennt. Nicht einmal ein Foto des Nachwuchses ziert ihren Schreibtisch. „Ich will in der Arbeit als Vorstand wahrgenommen werden und nicht als Mutter.“ Nur einmal musste sie ihre Arbeit wegen der Kinder kurzfristig unterbrechen: als ihr Sohn aus dem Kindersitz stürzte und ins Krankenhaus musste. Bei einer 60-Stunden-Woche bleibt wenig Zeit mit den Kindern. Ein paar Stunden frühmorgens und abends – nach zweistündiger Heimreise von der Wiener Zentrale. Als Rabenmutter will Raffaseder aber keinesfalls gesehen werden. „In den Köpfen der Österreicher ist das so stark drinnen, dass die Frau zuhause sein muss“, meint sie etwas erbost. „In anderen Ländern wie der Ukraine wird es positiv gesehen, wenn Beruf und Familie sich vereinen lassen.“ Trotz ihrer finanziell privilegierten Situation fordert Raffaseder mehr Möglichkeiten für eine qualifizierte Kinderbetreuung. „Leider ergreifen Frauen berufliche Chancen auch deshalb nicht, weil sie meinen, damit die Familienversorgung aufs Spiel zu setzen. Das ist oft ein Irrglaube, bei vielen wäre beruflich mehr drinnen.“

Von Barbara Nothegger

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