Tim Jackson: Wohlstand sichern ohne Wirtschaftswachstum

Weniger Arbeit, mehr Freizeit, weniger Konsum, dafür mehr soziale Beziehungen – der britische Professor und Berater von Premier David Cameron, Tim Jackson, fasst seine Thesen in ein neues Buch. Und findet damit immer mehr Gehör.

In der mechanischen Fertigung im BMW-Werk im oberösterreichischen Steyr ist die Auftragslage nach der Krise bestens. Doch für die Mitarbeiter der Kurbelwellen-Fertigung hieß das: mehr arbeiten und Überstunden machen. „Für die Kollegen war das zu viel“, erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende Andreas Brich.

Vergangenen Sommer einigten sich die Mitarbeiter mit der Unternehmensleitung auf ein neues Schichtplanmodell. In der Praxis heißt das kürzere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn und neues Personal.

Weniger Arbeit bei gleich bleibendem Lohn, dafür mehr Freizeit – dafür macht sich derzeit auch der britische Professor Tim Jackson stark. Dieser Tage erscheint in Österreich sein international viel beachtetes Buch „Wohlstand ohne Wachstum“. Jackson, früher auch Umweltberater der britischen Regierung, prangert darin die sture Ausrichtung der Wirtschaftspolitik auf das Wirtschaftswachstum an. Zumindest in den industrialisierten Staaten erzeuge genau dieses Wachstum, gekoppelt mit ungezähmtem Konsum, enorme ökologische und soziale Probleme. „Die Idee des stetigen Konsumwachstums, sogar in materiell gesättigten Nationen, ist absurd. Sie ist ökologisch gefährlich und finanziell bedenklich“, meint Tim Jackson im FORMAT-Interview .

Stattdessen plädiert der Brite für eine neue Ausrichtung der Wirtschaft auf „grüne“ Technologien, CO2-arme Arbeitsplätze, wie sie im Dienstleistungssektor vorhanden sind, weniger Konsum und eine bessere Verteilung der Arbeit.

Jacksons Ideen finden derzeit überall Gehör: In Deutschland entwickelt eine Enquete-Kommission des Bundestages einen „ganzheitlichen Wohlstandsindikator“, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat schon 2007 eine mit den Nobelpreisträgern Amartya Sen und Joseph Stiglitz hochrangig besetzte Kommission zu dem Thema installiert, und auch die EU-Kommission befasst sich seit neuestem mit neuen Methoden zur Messung des Wohlstands.

Zwar sind die Wachstumsaussichten in Europa derzeit gar nicht mal so schlecht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in seiner Frühjahrsprognose mit immerhin 1,6 und 1,8 Prozent BIP-Wachstum für heuer und 2012. Für Österreich prognostiziert der IWF sogar 2,4 und 2,3 Prozent für den gleichen Zeitraum. Dennoch sitzt den Europäern die Angst vor einer langjährigen Stagnation tief in den Knochen. Die öffentliche Schuldenlast, die Krise in Südosteuropa und Sorgen um die Gemeinschaftswährung Euro drücken auf die Stimmung. Dazu kommen die seit Jahrzehnten ungelösten ökologischen Probleme wie der Klimawandel. „Eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch fand nicht statt“, sagt Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO).

Weniger Wachstum, mehr Arbeitslose?

Die Idee alternativer Ökonomen klingt daher sehr verlockend: Wohlstand ohne Wirtschaftswachstum, und die ökologische Misere wäre weniger dramatisch. Das größte Hindernis dabei: „Das Arbeitslosigkeitsproblem darf nicht unterschätzt werden“, wendet Karl Aiginger ein, „ein geringes Wachstum wäre besser als überhaupt Nullwachstum, um das Beschäftigungsniveau halten zu können.“

Die österreichische Realwirtschaft braucht pro Jahr rund zwei Prozent Wirtschaftswachstum, um die Arbeitslosenquote konstant zu halten. In anderen Worten: Ein geringeres Wachstum als zwei Prozent lässt die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellen. Der Grund dafür liegt in der Produktivität. Seit Mitte der 70er-Jahre stieg die Produktivität einer Arbeitsstunde im Durchschnitt um das 1,8fache an: Was ein Arbeiter 1976 in einer Stunde produzierte, schafft er heute in 33 Minuten. Um die Arbeit nicht zu verlieren, braucht es daher mehr Aufträge – die Wirtschaft wächst.

Die Alternative dazu wäre eine Verkürzung der Arbeitszeit. Bis Mitte der 80er-Jahre wurden die Arbeitszeiten in Europa auch schrittweise reduziert. Seitdem stagniert dieser Trend, in manchen Ländern steigt die wöchentliche Arbeitszeit sogar wieder. „Sorgfältig konzipierte und auf bestimmte Gruppen abgestellte attraktive Arbeitszeitverkürzungsmodelle können partielle Erleichterung am Arbeitsmarkt schaffen, indem die Arbeit auf mehr Köpfe verteilt wird“, meint Herbert Walther, Vorstand des Instituts für Arbeitsmarkttheorie und -politik an der Wirtschaftsuniversität Wien.

In Österreich etwa fällt besonders auf, dass die geleisteten Überstunden immer mehr werden. Laut Berechnungen der Arbeiterkammer (AK) liegt die Zahl der Überstunden heute bei mehr als 300 Millionen pro Jahr, rund ein Drittel davon unbezahlt. Praktisch leistet jeder Vollzeitbeschäftigte im Durchschnitt um 5,5 Stunden pro Woche mehr, als in den meisten Kollektivverträgen vorgesehen ist. Im Handel, in der Produktion und im Gesundheits- und Sozialwesen werden besonders viele Überstunden geleistet. Allein die unbezahlten Überstunden entsprechen, so das WIFO, 60.000 neuen Vollzeit-Jobs. „In der Krise bauten sehr viele Betriebe ihren Personalstand ab, und danach wurde dieser nicht wieder aufgestockt, trotz erneutem Aufschwung“, erklärt Mathias Beer von der Metallergewerkschaft.

Die Gewerkschaft feilt daher an neuen Konzepten zur Arbeitszeitreduktion, die sie im Herbst der Öffentlichkeit vorstellt. Beer: „Wir wollen damit vermeiden, dass die Beschäftigten ausbrennen. Verschiedenste Konzepte, von Branche zu Branche unterschiedlich, sind denkbar.“ Vorzeigebranche hierbei ist etwa die heimische Papierindustrie, die schon seit längerem eine 36-Stunden-Woche hat.

Bestes Argument dafür: Es zeigte sich, dass die Produktivität bei kürzeren Arbeitszeiten sogar steigt. Frankreich etwa, das 2000 die 35-Stunden-Woche einführte, hat eine höhere Arbeitsproduktivität als viele Nachbarstaaten. Unterm Strich schuf die Regierung mit der Maßnahme 400.000 neue Jobs, rechnet der französische Soziologe Christian Dufour vor. Positiver Nebeneffekt: Frankreich hat seit 2000 auch eine steigende Geburtenrate.

Das WIFO etwa errechnete, dass eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 39 auf 35 Stunden rund 130.000 neue Arbeitsplätze schaffen würde. Österreich hätte, so zeigen Studien, bei einer 34-Stunden-Woche gar Vollbeschäftigung. Einziger Wermutstropfen: Die Monatslöhne würden unter dieser Annahme um vier Prozent sinken. „Entscheidend ist, ob der Gewinn an Freizeit und die damit verbundene Einkommenseinbuße von den Betroffenen als echte Verbesserung der Lebensqualität wahrgenommen wird“, so Walther.

Eine Befragung der AK zeigt, dass sich Vollzeitarbeiter eine geringere und Teilzeitarbeiter eine höhere Wochenarbeitszeit wünschen. „Eine Arbeitszeitverkürzung kann viele Dimensionen haben, von kürzeren Arbeitstagen bis zu zusätzlichen Urlauben und längeren Auszeiten für Bildungskarenz“, so AK-Experte Josef Zuckerstätter.

Allerdings dürften gerade im Niedriglohnsektor die Einkommenseinbußen durch die Arbeitszeitverkürzung nicht zu hoch ausfallen, sonst würde es zu einem Aufblühen des Schwarzmarkts kommen. In Frankreich etwa gab es bei manchen Branchen sogar vollen Lohnausgleich. WIFO-Chef Aiginger ist skeptisch: „Die meisten Menschen streben nach höheren Einkommen. Es kann daher sein, dass eine Arbeitszeitreduktion ein strenges Kontrollsystem erfordert.“

Doch genau hier widerspricht der britische Professor Tim Jackson: Einkommen und Konsum sind nur zu einem kleinen Teil für den menschlichen Wohlstand verantwortlich. Der wesentlich größere Teil des Wohlstands kommt aus sozialen Beziehungen, Gesundheit, einer ökologisch gesunden Umgebung. „In der heutigen Konsumgesellschaft zeigt sich doch ganz deutlich: Mehr ist nicht besser.“

Und auch dem Arbeiter bei BMW Steyr tun die kürzeren Arbeitszeiten in Form von längeren Freizeitblöcken gut. „Freilich wollen manche lieber das Überstunden-Geld. Aber der Großteil freut sich über mehr Freizeit“, meint Betriebsrat Andreas Brich.

– Barbara Nothegger

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