The Great Escape

Die Londoner Onlineplattform Escape the City bietet frustrierten Bankern und gefeuerten Hedgefonds-Typen ungewöhnliche Jobs außerhalb der Finanzwelt: etwa als Ranger in Botswana.

In seinem ersten Leben zog sich Freddie Tucker im Morgengrauen einen Anzug an, quetschte sich in die Londoner U-Bahn und fuhr zu seinem Arbeitsplatz beim Buckingham Palace. Beim Vermögensverwalter Ruffer Investment beriet er reiche Kunden bei der Geldvermehrung. Er studierte Zahlen, las Analysen und bereitete Präsentationen vor. Jeden Tag, 14 Stunden am Tag, drei Jahre lang.

In seinem neuen Leben beginnt der Tag auch im Morgengrauen. Wenn die Sonne von Botswana über der Savanne aufgeht, frühstückt Tucker, und danach reitet er mit einer Gruppe Touristen durch die Wüste. Die Safari-Ranch, die Tucker seit März leitet, liegt direkt am Okavangodelta. Elefanten, Löwen, Büffel und Nilpferde sind hier zu sehen. Wenn abends die Pferde und die Gäste versorgt sind, sitzt Tucker oft stundenlang im Halbdunkel und lauscht dem Heulen der Hyänen. „Dann lehne ich mich im Stuhl zurück, verschränke die Arme hinter dem Kopf und denke mir: Was für eine großartige Entscheidung“, sagt der 26-Jährige.

Mehr Spaß, weniger Stress

Tucker ist einer von 1.500 Ex-Finanzprofis aus der Londoner City, die dank der Firma Escape the City ihr Leben geändert haben. Das 2010 gestartete Onlineportal hilft Bankern, Anwälten und Beratern bei der Flucht aus der Tretmühle der Millionendeals hin zu einem Job, der mehr Spaß und weniger Stress verspricht – und weniger Geld.

Ausgedacht haben sich die Vermittlungsplattform die Londoner Rob Symington, 27, und Dom Jackman, 28. Die Start-up-Unternehmer sitzen in einer Etage eines verglasten Bürogebäudes. Auf den Tischen stehen MacBooks und Latte Macchiato in Pappbechern. Beide tragen Turnschuhe und T-Shirts und versprühen entspannte Fröhlichkeit.

„Escape the City war eigentlich ein Selbsthilfeprojekt für uns“, sagt Symington. Vor vier Jahren lernten Jackman und er sich bei dem Wirtschaftsprüfer Ernst&Young kennen. Beide arbeiteten dort als Berater – und sie hassten ihre Jobs. „Wir haben 16 bis 17 Stunden am Tag gearbeitet, was okay gewesen wäre, wenn man dabei etwas Sinnvolles tun würde“, sagt Symington. Aber man sei doch nur ein Rädchen im System, findet er. „Wir hatten nie das Gefühl, etwas zu bewegen“, sagt Jackman. In einem Blog schrieben sie sich den Frust von der Seele. Die Resonanz von anderen Angestellten in der Finanzmetropole war enorm. „Da merkten wir: Hey, wir sind nicht die einzigen Frustrierten.“

Außer Frust gibt es noch eine zweiten Grund, warum Escape the City so gut funktioniert. Die Finanzkrise zwingt viele Banken zu einem massiven Jobabbau. So gab etwa die HSBC-Gruppe mit Sitz in London kürzlich bekannt, 30.000 Stellen streichen zu wollen. Selbst gut ausgebildete Investmentexperten sind betroffen.

Ausstieg gegen Widerstände

Unter dem Protest ihrer Eltern kündigten Symington und Jackman und begannen mit 10.000 Pfund Startkapital, eine Website zu bauen. Die Büroetage bekamen sie umsonst, da die Immobilienfirma wegen der Finanzkrise nicht genug Mieter finden konnte. Sie begannen, Firmen anzuschreiben, die sie für cool hielten und die außergewöhnliche Jobs bieten könnten. Innerhalb eines Jahres akquirierten sie über 3.000 Stellenangebote: vom Marketing bei Filmfirmen über Mikrokreditvergabe in Indien bis zur Leitung eines Postamtes in der Antarktis.

Inzwischen annoncieren über 2.000 Unternehmen auf Escape the City. Die Plattform für Fachkräfte, die etwas Ungewöhnliches machen wollen, hat sich als eine echte Marktlücke herausgestellt. „Wir schreiben mittlerweile keine Stellenanbieter mehr an, die kommen von selbst zu uns.“ Für die 37.000 Mitglieder, die über Escape the City einen neuen Job suchen, ist der Service kostenlos. „Trotzdem haben wir schon im ersten Jahr Gewinn gemacht.“

Nicht alle sind so abenteuerlustig wie Freddie Tucker in Botswana. Laura Dalglish träumte in ihrem früheren Leben vor allem von mehr Ruhe. Als Unternehmensberaterin für Deloitte war sie auf Projektbasis tätig. Alle paar Monate änderte sich ihr Arbeitsort. Nachhause zu ihrem Ehemann kam sie nur am Wochenende. Zum Umdenken brachte sie ihr Arzt. Er attestierte ihr einen ungewöhnlich hohen Blutdruck für ihr junges Alter. Der Ehemann las in einer Zeitschrift über Escape the City. „Da waren überraschend viele Leute, die auf ihr Top-Gehalt verzichten und mehr aus ihrem Leben machen wollen“, sagt Dalglish.

Als das Stellenangebot der Royal Geographic Society auftauchte, schlug Dalglish zu. Ihr Job ist es nun, die Website Hidden Journeys mit aufzubauen und kommerziell zu vermarkten. „Das ist eine Datenbank voll von Fotos und Geschichten über fremde Länder und Kulturen“, erklärt Dalglish den Nutzen für Leute, die sich auf virtuelle Reisen begeben wollen. Zwar bekomme sie jetzt nur die Hälfte ihres früheren Gehalts. „Dafür arbeite ich weniger und oft von zuhause.“ Sie sei so glücklich wie schon lange nicht mehr.

So geht es auch Harry Minter, der nicht mehr als Analyst bei einem Hedgefonds in London arbeitet, sondern jetzt ein Ökotourismus-Projekt in Mosambik leitet. Der 27-Jährige gibt offen zu, dass die Finanzkrise der Auslöser für seinen Jobwechsel war. „Der Druck wurde enorm groß durch die abstürzenden Märkte, trotzdem habe ich viel weniger verdient.“ Es sei ihm sinnlos vorgekommen, sich ohne die Aussicht auf einen lohnenden Bonus derart abzurackern. Er sieht sein paradiesisches Leben am Strand nicht als Aussteigerprojekt, sondern als Weiterbildungsmaßnahme. „In ein paar Jahren will ich mich als Berater selbständig machen – für Investments in Afrika.“

– Tina Kaiser

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