Thank You for Smoking: Das große Geschäft mit dem blauen Dunst

Preiserhöhungen und gesetzliche Rauchverbote haben die Tabakproduzenten und Händler bislang wenig getroffen. Der Zigarettenabsatz sinkt nur langsam. Nun plant die EU noch schärfere Bestimmungen.

Mehr als 1,5 Millionen Unterschriften hat Peter Trinkl schon gesammelt. Der Standesvertreter der Trafikanten will gegen eine neue, noch strengere Anti-Raucher-Direktive der EU mobilmachen. „Auch Raucher haben Rechte“, wettert Trinkl, „sie dürfen nicht ins Eck gedrängt werden.“

Rauchen wird ungemütlicher

In ganz Europa wird es für Nikotinliebhaber ungemütlicher. Verbote wie zuletzt in Spanien, Polen und Bayern verbannen Raucher von Gasthäusern und Bars ins Freie. Auch in Österreich gelten seit vergangenem Juli neue Richtlinien für die Gastronomie. Nun geht die EU noch einen Schritt weiter. Eine neue Tabakprodukt­richtlinie soll Verkauf und Konsum von Zigaretten und Zigarren zusätzlich einschränken. Die Politiker in Brüssel überlegen etwa, in der gesamten EU Bilder von kranken Lungen und Raucherbeinen auf den Packungen vorzuschreiben – Belgien, Großbritannien, Lettland und Rumänien haben diese Abschreckmethode bereits im Einsatz.

Konsum trotz massiver Nichtraucher-Kampangnen unverändert

Erstaunlicherweise zeigen sich aber die Bilanzen der Tabakindustrie von all den Nichtraucher-Kam­pagnen relativ unbeeindruckt. Der europäische Markt mit einem Volumen von rund 42 Milliarden Euro – Österreich: 2,5 Milliarden Euro – sinkt trotz der vielen gesetzlichen Einschränkungen lediglich um ein bis zwei Prozent pro Jahr. In Österreich ist der Zigarettenkonsum sogar relativ konstant bei 16,7 Milliarden Stück (inklusive Schmuggelware). Verbote nützen gar nichts, argumentieren denn auch die Vertreter der Branche. Allenfalls sei der generelle Gesundheits­trend eine Gefahr für die Tabakindustrie. „Wegen Bildwarnhinweisen hören Raucher nicht auf zu rauchen“, erklärt Jörg Glasenapp, Österreich-Chef von Imperial Tobacco.
Kommen Verbot von Zigarettenautomaten und Einheitspackungen? Die EU-Kommission setzt dennoch auf eine härtere Gangart gegenüber Rauchern und Tabakkonzernen. Sie überlegt auch schwarz-weiße Einheitspackungen für alle Marken, ein Verbot von Displays und Beschränkungen bei den Zusatzstoffen. Sogar ein Verbot von

Zigarettenautomaten steht zur Disposition

Bis Ende des Jahres soll diese neue Richtlinie stehen, im Dezember endete die Einspruchsfrist. „Wichtig ist, bewusst zu machen, wie schädlich Rauchen ist. Die Menschen müssen überzeugt sein, mit dem Rauchen aufzuhören – auch in den eigenen vier Wänden“, argumentiert der österreichische Gesundheitsminister Alois Stöger. Offensichtlich gelingt das aber nur sehr beschränkt. Die Auswirkungen sind bislang mager. Laut einer aktuellen Studie rechnet sogar die EU-Kommission, dass etwa durch abstoßende Bildwarnungen der Anteil der Raucher um nur 0,5 Prozent zurückgehen würde und die Zigarettenproduzenten dadurch insgesamt nur 200 Millionen Euro Umsatz bzw. 35 Millionen Gewinn pro Jahr einbüßen würden.

Zum Beispiel Irland

Der Inselstaat war das erste europäische Land, das 2004 ein absolutes Rauchverbot in der Gastronomie einführte. Zwar sank dort kurz danach der Tabakkonsum um drei Prozent. Doch es dauerte nicht lange, und der Anteil der Raucher stieg wieder, derzeit liegt das ­Niveau sogar höher als 2004.
Ein weiteres markantes Beispiel ist Belgien. Auch in dem Beneluxstaat sank die Zahl der Raucher seit 2006 nicht, sondern stieg im Gegenteil sogar leicht an.

Genauso deutet in Österreich derzeit nichts darauf hin, dass sich seit der Einführung des teilweisen Rauchverbots in der Gastronomie der Zigarettenkonsum merklich reduzierte. Zwischen Oktober 2009 und September 2010 wurden – offiziell – 13,59 Milliarden Zigaretten verkauft, im Vergleichszeitraum ein Jahr davor waren es 13,55 Milliarden Stück. „Wir haben momentan kein Alarmsignal, dass sich der Konsum dras-
tisch ändert. Das Gastronomieverbot hat sich praktisch nicht ausgewirkt“, erklärt Tabaktrafikanten-Obmann Trinkl. Und auch die Tabakkonzerne berichten Ähnliches. „Wir verzeichnen keinen Rückgang“, erklärt Walter Sattlberger, der Sprecher der Austria Tabak.
Die steuerbedingten Preiserhöhungen von 10 bis 20 Cent seit Jahresbeginn dürften sich ebenso kaum auf die Nachfrage auswirken. Einen solchen Preis­anstieg, sagen Experten, würden Raucher nämlich tolerieren. Darüber hinaus greifen Pofler verstärkt zu billiger Schmuggelware.
Gastronomen leiden unter Umsatzrückgang. Am meisten leiden Cafés und Bars. Dort ist der Kundenschwund mitunter empfindlich. „Im November und Dezember, also in den kalten Monaten, verzeichneten wir ein Viertel weniger Umsatz“, stöhnt Rainer Staub, Juniorchef des traditionsreichen Café Sperl in Wien-Gumpendorf. Das denkmalgeschützte Kaffeehaus hat nur einen Raum und ist daher seit 1. Juli ein Nichtraucherlokal. „Viele Stammkunden haben uns verlassen. Sie gehen eben woanders hin“, meint Staub. Auch das Café Hawelka und der Weinhändler Wein & Co jammern über ausbleibende Gäste.

Daneben sind Glücksspielunternehmen von den Rauchverboten negativ betroffen. Viele der Gäste in den Automaten­salons sind Raucher und bleiben den Spielhallen fern. Sie zocken mehr zuhause vor dem Internet. Bei der Novomatic-Gruppe dürfte es etwa zu 20 Prozent Umsatzrückgang in diesem Segment gekommen sein. Auch die Casinos Austria klagen.
„Es gibt Lokale, die das Rauchverbot spüren“, ­resümiert Berndt Querfeld, Obmann der Wiener Kaffeehäuser in der Wirtschaftskammer. „Dafür profitieren jene, die einen Raucherbereich haben. In ­unserem Café Landtmann würde ich mich nicht trauen, es zu hundert Prozent zu einem Nichtraucherlokal zu machen“, meint der Cafetier. Ein großes Lokalsterben steht in Österreich jedenfalls nicht bevor. Denn auch in ­Bayern, das seit dem Sommer die strengsten Nichtrauchergesetze Deutschlands hat, führte das flächendeckende Rauchverbot in der Gastronomie zu keiner Schließungswelle.

Nur langfristig gesehen sinkt die Zahl der Raucher in Europa – und das nicht unbedingt aufgrund der gesetzlichen Verschärfungen. Innerhalb der EU geht schon seit Anfang der 90er-Jahre der Anteil der regelmäßigen Raucher in der Bevölkerung langsam zurück – auf derzeit gut 26 Prozent (siehe Grafik S. 45). Österreich ist da eine Ausnahme: Hier blieb die Zahl der Raucher wegen der demografischen Entwicklung und des Zuzugs aus dem Ausland relativ konstant. Rund 38 Prozent der Österreicher rauchen, wobei 28 Prozent täglich zum Glimmstängel greifen.
Viel mehr als Rauchverbote wiegen jedoch der allgemeine Gesundheits­trend und die demografische Entwicklung. Das gesellschaftliche Image des blauen Dunsts sinkt. Die verqualmten Raucherkammern auf den Flughäfen wecken eher Assoziationen mit einer unappetitlichen Sucht denn mit einem angenehmen Entspannungsmittel. Der Coolness- und Genuss-Faktor wird schwächer. „Unser Produkt ist ein ­Genussmittel, und als solches wollen wir es positionieren“, meint Glasenapp, dessen Unternehmen mit der Marke Gauloises Nummer drei in Österreich ist. Ihm ist eine Stigmatisierung der Raucher wie auf Airports ein Dorn im Auge.
Auch gegen die neuen EU-Pläne läuft die Branche trotz nach wie vor guter Zahlen Sturm. Vor allem die angedachten Einheitspackungen stoßen sauer auf, weil dadurch eines der letzten Werbe- und Unterscheidungsmittel verloren ginge. Glasenapp: „Zigarettenfälschern würden Tür und Tor geöffnet.“

Die vier Top-Konzerne der Branche – Philip Morris International (PMI), British American Tobacco (BAT), Imperial Tobacco and Japan Tobacco International (JTI) – verdienen immer noch bestens. Die leichten Rückgänge in Euro­pa werden durch wachsende Absatzzahlen in den Schwellenländern kompensiert. Außerdem versuchen die Tabakriesen mit globalen Brands wie Marlboro, Chesterfield und Gauloises den wenigen verbleibenden lokalen Zigarettenmarken den Garaus zu machen. So sinkt etwa der Marktanteil der beliebtesten österreichischen Marke, Memphis Classic, seit Jahren kontinuierlich.

Und noch von einem anderen Faktum profitiert die Tabakindustrie: Zigaretten sind ein Produkt mit hohem Suchtpotenzial. Aufhören ist dementsprechend schwierig. Was die Tabakfirmen freilich nicht so sehen. Glasenapp: „Wer aufhören will, schafft das auch. Man muss es nur tun.“

 – Barbara Nothegger

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