Telekom: Aus dem Takt geraten

Vorstandschef Hannes Ametsreiter will sein Unternehmen nach Auffliegen der Aktienbonus-Affäre und Einbrüchen im Ostgeschäft wieder auf Kurs bringen. Einfach wird das nicht.

Er hat den härtesten Job dieses Sommers. Anstatt sich nach dem schwierigen Zusammenschluss von Mobilfunk und Festnetz zum „neuen A1“ zu erholen, muss Hannes Ametsreiter den schlingernden Telekommunikations-Dampfer nach den in den vergangenen Wochen publik gewordenen Affären wieder in ruhiges Fahrwasser führen.

Ihn plagt nicht nur der Imageverlust, auch der Geschäftsverlauf war schon einmal besser. Der Telekom-Austria-Kapitän gibt sich Mühe, von seiner Kommandobrücke aus den Überblick zu wahren. Und ist dabei vor kleinen Missgeschicken nicht immer gefeit. So kritisieren Belegschaftsvertreter, dass eine E-Mail der Unternehmensführung an die Mitarbeiter zum Aktienbonus-Skandal manchen sauer aufgestoßen sei. Denn darin werde mit Informationen zur Causa gegeizt, die Belegschaft aber zu einem vorbehaltlosen Bekenntnis zum Unternehmen aufgefordert.

Von Betriebsräten wird die Stimmung in der Telekom als schlecht beschrieben. Vor allem bei Außendienstmitarbeitern würde sich nach Beschimpfungen durch Kunden viel Frust aufbauen.

Eigenkapital halbiert

Eigentlich sollte sich Ametsreiter voll auf das operative Geschäft stürzen. Die Zahlen sind durchwachsen. Der Konzern rutschte im ersten Halbjahr mit rund 60 Millionen Euro in die Verlustzone. Im Vergleichszeitraum 2010 gab es noch einen Nettogewinn von rund 160 Millionen. Das Eigenkapital hat sich seit Jänner auf 755 Millionen Euro fast halbiert, allein Währungseffekte, vor allem die Troubles in Weißrussland, machen davon 333 Millionen aus. Ametsreiter musste auch den Ausblick auf das Gesamtjahr nach unten revidieren.

Doch die Aktienbonus-Affäre beansprucht derzeit fast die ganze Aufmerksamkeit des Chefs. Sein Bekenntnis zur Aufklärung kam bislang gut an, doch die Causa wird noch lange ein Störfaktor sein. Nicht nur Ametsreiter selbst, sondern auch sein Vorgänger Boris Nemsic haben ihre 2004 bezogenen Boni zurückbezahlt, nachdem Kursmanipulationen nicht mehr bezweifelt werden können. Ametsreiter will in jedem Fall die damals ausgezahlte Summe von knapp neun Millionen Euro komplett zurückhaben und kündigt zivilrechtliche Klagen an.

Anzeigenflut

Das ist vor allem für Ex-Vorstand Gernot Schieszler, der der Justiz als Kronzeuge zur Verfügung steht, wie FORMAT exklusiv berichtete, eine schlechte Nachricht. Denn an Schieszler und den beiden geständigen Mitprofiteuren Rudolf Fischer und Josef Trimmel könnte im Ernstfall der Großteil der neun Millionen hängen bleiben. Am Beispiel Schieszler zeigt sich die Kehrseite der Kronzeugenregelung. Geht der Deal mit der Justiz auf, steigt er zwar strafrechtlich gut aus – aber der zivilrechtliche Schadenersatz könnte ihn teuer zu stehen kommen. Das gemeinsam mit seinem früheren Vorstandskollegen Fischer betriebene Wiener Luxus-Möbelgeschäft Smart Living wird so viel Geld nicht bringen.

So gut wie sicher wird der Konzern auch rechtliche Schritte gegen Ex-Telekom-General Heinz Sundt und den früheren Finanzvorstand Stefano Colombo einleiten. Beide wurden zur Causa noch nicht einvernommen und bemühen sich derzeit um äußerste Zurückhaltung.

Spannend wird, was mit den Boni der übrigen rund 100 Telekom-Mitarbeiter passiert, die von den Malversationen nichts wussten. Die Telekom wird Rückforderungen stellen. Manche werden freiwillig zahlen, vor allem die, die noch in der Gruppe arbeiten. Andere werden vor Gericht gehen. Bei diesen könnte sich das Unternehmen eine blutige Nase holen. Arbeitsrechtler schätzen die Causa als schwierig ein, weil die Betroffenen mit dem gutgläubigen Verbrauch des Geldes argumentieren.

Zwar hat der Aufsichtsrat die Boni nur unter Vorbehalt ausgezahlt. Doch eine kleine juristische Schlamperei könnte sich bei der Rückforderung nun rächen. Der Vorbehalt bezieht sich nämlich rein auf börsentechnische Sauberkeit, die von der FMA durch die damalige Einstellung des Verfahrens indiziert wurde. Vergessen wurde eine etwaige strafrechtliche Komponente. In einem Prozess hätte die Telekom damit nicht allzu gute Karten. ÖIAG-Chef Markus Beyrer, der neue Präsident des Aufsichtsrates, bleibt dennoch zuversichtlich und meint: „Der Aufsichtsrat hat damals sehr umsichtig gehandelt und darüber auch ein Gutachten erstellen lassen.“ Wie die Ausgestaltung des Vorbehalts zu werten ist, sei letztlich Sache der Gerichte.

Theoretisch könnte die aktuelle Telekom-Führung aufgrund der schwammigen Formulierung laut Rechtsexperten aber sogar eine Haftungsklage gegen den damaligen Aufsichtsrat des Unternehmens überlegen. In der Realität wird Ametsreiter das aber wohl nicht ernsthaft in Erwägung ziehen.

Eine Hoffnung Hannes Ametsreiters macht indes die Staatsanwaltschaft zunichte. Bei der Bilanzpressekonferenz zur Wochenmitte drückte er den Wunsch aus, die Verfahren rasch über die Bühne bringen zu können, da ja bereits umfangreiche Geständnisse vorliegen würden. Laut der Staatsanwaltschaft ist allerdings weder mit einer sehr raschen Anklage noch mit einem zeitnahen Prozess zu rechnen. Zu umfangreich sind die Akten, als dass man sich auf die bisherigen Aussagen von Gernot Schieszler & Co verlassen könne.

Eine Entwarnung für die Beschuldigten: Über eine Untersuchungshaft wird in der Justiz trotz des Verdachts auf Untreue nicht nachgedacht.

Zores allerorten

Die Atmosphäre in Österreichs wichtigstem Telekommunikationsunternehmen ist zum Zerreißen angespannt. Der neue Auftritt der Marke A1 steht durch die diversen Affären unter keinem guten Stern. Da erscheint es fast als Nebensache, dass möglicherweise auch noch ein Zusammenschluss der wichtigsten A1-Konkurrenten Orange und T-Mobile droht.

An der Front um den Lobbyisten Peter Hochegger werden immer neue Details bekannt. „News“ berichtet, dass ein Teil der ungeklärten Millionenhonorare an den Freundeskreis Hochegger/Meischberger gezahlt wurden, um den Kontakt der damals roten Telekom Austria zu Finanzminister Karl-Heinz Grasser zu verbessern. Ametsreiter versucht, endlich einen Schlussstrich zu ziehen: Die Telekom hat sich bei der Staatsanwaltschaft den laufenden strafrechtlichen Ermittlungen als Privatbeteiligte angeschlossen. Die Beschuldigten weisen aber alle Vorwürfe von Untreue, Amtsmissbrauch oder Korruption zurück. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Und die Telekom-Verantwortlichen selbst haben auch mit dem Vorwurf zu kämpfen, erst nach der Anzeige der Grün-Abgeordneten Gabriela Moser und den beginnenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft aktiv geworden zu sein. „Es ist gut, dass Hannes Ametsreiter den Telekom-Sumpf nun trockenlegen möchte. Aber ich frage: Als Sie einen Bonus bekamen, weil der Aktienkurs justament am Stichtag den für den Bonus ausschlaggebenden Wert erreichte – was haben Sie sich damals gedacht? Nur ein glücklicher Zufall?“, erklärt Moser in Richtung des Konzernchefs.

Wie es aussieht, könnte die Staatsanwaltschaft auch noch neue Untersuchungen zu einigen Osteuropa-Deals der Telekom Austria einleiten. Vor allem zur teuren Übernahme der bulgarischen Mobiltel von Investor Martin Schlaff sollen in Verhören aufklärungswürdige Aussagen aufgetaucht sein (siehe Substory ). SPÖ-Klubobmann Josef Cap hatte der Staatsanwaltschaft dazu einst eine Sachverhaltsdarstellung übergeben – Verfahren wurde allerdings keines eingeleitet. Was sich noch ändern könnte.

Der geplagte Topmanager Hannes Ametsreiter betont: „Der heutige Vorstand hat mit den Machenschaften der Vergangenheit nichts zu tun.“ Auch seine Rückzahlung des Bonus sei kein Schuldeingeständnis. Er erklärt weiters, über die mutmaßliche Aktien-Manipulation schockiert – und im Falle der Verifizierung der Vorwürfe von seinen Ex-Kollegen enttäuscht zu sein.

– Florian Horcicka

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