Teil 8 der Serie 'Mit unseren Bossen im Osten': Mit Uniqa-General Klien in Belgrad

Mit Uniqa-General Konstantin Klien in Belgrad. Ein Besuch bei Menschen, die in Belgrad mit der Versicherungsbranche zu tun haben, zeigt Serbiens geübten Umgang mit Extremsituationen.

Auch wenn sich etliche westeuropäische Manager gegenüber Osteuropa gerne als Entwicklungshelfer sehen: Was das Nachtleben angeht, können sie alle von Belgrad lernen. Da mag es eine regnerische Nacht mitten in der Woche sein, in Belgrads Straßencafé-Meile Strahinjica Bana – von den Einheimischen wegen ihres kurvenreichen Publikums nur „Silicon Valley“ genannt, flirrt trotzdem die Luft. Das intensive Leben der Metropole war einer der Gründe, die Zoran Visnjic vor zwei Jahren zurück in seine Heimat gezogen haben. Wohl kaum einer verkörpert den Transformationsprozess der jungen Republik besser als Visnjic, der seinem 15 Jahre andauernden Exil in Toronto gerade den Rücken gekehrt hat, um zuhause ein Versicherungsunternehmen aufzubauen: die serbische Tochter der heimischen Uniqa. „Auch wenn ich mein Land immer geliebt habe“, sagt der 40-Jährige, der Anfang der Neunzigerjahre gerade sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte, „als die Jugoslawienkriege ausbrachen, sah ich für mich keine Zukunft mehr in diesem Land. Was soll ein ausgebildeter Devisenhändler auch machen, wenn es keine Banken mehr gibt?“ Visnjic machte deshalb erst einmal Karriere in der Finanz- und Versicherungswelt Ostkanadas, bevor er die neuen Chancen in seiner Heimat ergriff und mit Frau und seinen beiden Töchtern nach Belgrad übersiedelte.

Verhandlungsmarathon mit Multimilliardär  
Nur wenig früher als Visnjic hat ein anderer Versicherungsfachmann die Chancen Serbiens gesehen: Konstantin Klien. Der Uniqa-General startete 2006 die Verhandlungen mit Philip Zepter alias Milan Jankovic, einem in Österreich nur wenig bekannten serbischen Multimilliardär, der sein Geld mit dem Strukturvertrieb von Haushaltsgeräten und Kosmetik gemacht hat. „Der war vielleicht zäh“, sagt Klien und grinst, als er an den Verhandlungs­marathon in der Belgrader Altstadt zurückdenkt, „die letzten Gespräche mit Zepter dauerten durchgehend von 11 Uhr vormittags bis zwei Uhr nachts – und dann mussten wir noch feiern.“ Nur wenige Straßen weiter, in der Kralja Petra, liegt auch die serbische Nationalbank. Hier residiert Radovan Jelasic, der gestrenge Hüter des serbischen Dinar. ­Jelasic, der ein paar Jahre für die Deutsche Bank gearbeitet hat, kann seine passablen Deutschkenntnisse gut gebrauchen. Immer wieder hat er schließlich nicht nur mit den Topmanagern aus Österreichs Bankenszene zu tun, sondern – weil die serbische Nationalbank auch den Versicherungsmarkt überwacht – ebenso mit Menschen wie Klien. „Was wir als Nächstes zu erledigen haben“, erklärt Jelasic, „ist die strikte Trennung zwischen Assekuranzen, die Lebensversicherungen anbieten, und solchen, die sich um das Sachgeschäft kümmern.“

Unterschiede der Märkte
Welche Unterschiede gibt es überhaupt zwischen dem serbischen und den westeuropäischen Versicherungsmärkten? Und wie trifft die Wirtschafts­krise die Branche? „Was die Produkte selbst angeht, gibt es eigentlich kaum Unterschiede“, sagt Klien. Dass der serbische Markt trotzdem mit dem österreichischen der 60er-Jahre vergleichbar ist, liegt eher an der Prämienverteilung zwischen Sach- und Lebengeschäft. 637 Millionen Euro haben die Serben im vergangenen Jahr für Polizzen ausgegeben, nur knapp zwölf Prozent davon für Lebensversicherungen. Am besten verkaufen sich derzeit Autopolizzen. Das liegt vor allem an einer weiteren Eigenheit des serbischen Marktes: Einmal jährlich muss jeder Autobesitzer seinen Wagen in einer Prüfwerkstatt unter die Lupe nehmen lassen. Und: die Autoversicherung für das kommende Jahr abschließen. Die Gesellschaft, die am besten mit den Chefs der Werkstätten kann, hat deswegen bei den Kfz-Polizzen die Nase vorn. Der ­österreichische Versicherer konnte dadurch in der Krise gegen den Trend wachsen und seine Prämien auch im ersten Quartal 2009 um 50 Prozent steigern.

Krise der Lebensversicherungen  
Doch auch wenn das Autogeschäft noch so wichtig ist, das große Geld liegt mittelfristig im Geschäft mit Lebensversicherungen – und das stagniert. Klien hofft deswegen, dass Notenbanker Jelasic bald Steuervorteile für Lebenspolizzen auf den Weg bringt. Das muss allerdings krisenbedingt warten, noch hat sich der Notenbanker eher mit Steuernachteilen auseinanderzusetzen. „Um eine Erhöhung der Mehrwertsteuer werden wir nicht her-umkommen“, glaubt der Währungshüter. Gerade hat der Internationale Währungsfonds (IWF) der Balkanrepublik einen ­Kredit über drei Milliarden Euro gewährt und wartet auf konkrete Vorschläge, wie das Land im Gegenzug seine Staatsfinanzen in den Griff bekommen will. Laut Jelasic gibt es dafür nur zwei Szenarien: „Einnahmen erhöhen oder Ausgaben senken – anders geht es nicht.“

Rettung der Banken
Jelasic scheint die Krise jedenfalls irgendwie Spaß zu machen, zumindest aber herauszufordern. „Wenn der IWF Maßnahmen einfordert, geht zumindest etwas weiter“, hofft der Banker. Eines der Hauptprobleme Ser­biens ist nämlich eher politisch-struktureller Natur: Allein im letzten Jahrzehnt hat sich die Zahl der Beamten vervierfacht, ganze 600 Parteien streiten um die Macht in einem Staat, dessen Bevölkerung der Österreichs entspricht. Noch lieber als vom nötigen Wandel erzählt Jelasic aber die Geschichte, wie er im vergangenen Oktober mithilfe Österreichs Serbiens Bankenlandschaft gerettet hat. Der Währungshüter weilte gerade in Washington, als den Finanzinstituten in seiner Heimat infolge der ausgetrockneten Finanzmärkte das Geld auszugehen drohte. „Zuerst fragte ich in Ungarn an, die konnten uns aber nicht helfen.“ Glücklicherweise erreichte der Notenbanker kurz darauf seinen Kollegen Wolfgang Duchatczek von der Oesterreichischen Nationalbank. Dieser sagte zu, und kurz darauf landete der Jet des serbischen Staatspräsidenten Boris Tadic in Wien, um die Koffer mit den 100 Millionen Euro abzuholen. Zoran Visnjic, den Chef der Belgrader Uniqa-Dependance, können solche Geschichten schon lange nicht mehr schocken. „Selbst wenn unser Finanzsystem zusammenbricht, sind unsere Ersparnisse inzwischen immerhin staatlich garantiert“, sagt Visnjic mit unerschütterlichem Zweckoptimismus. „Und selbst wenn nicht – was ist das gegen die ständigen Bombardements im letzten Jahrzehnt?“

Von Arndt Müller

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff