Teil 7 der Serie 'Mit unseren Bossen im Osten': Agrana-Chef Marihart in Rumänien

Wer etwas über wirtschaftlichen Wandel erfahren will, folgt am besten der Spur des Zuckers – vom Schwarzmeerhafen Konstanza bis an die Karpaten.

Einer der Ersten, die sich den Zucker diesmal durch ihre ­Finger rinnen lassen, bevor dieser Wochen später in den Vor­ratskammern rumänischer Haushalte landet, ist Sergej Simakov. Der Ukrai­­ner mit dem lakonischen Blick ist Kapitän des Frachters „Fadelsia“ und hat 30.000 Tonnen Rohzucker an Bord. Drei Wochen waren er und sein Schiff im Auftrag einer griechischen Reederei unterwegs, um die Ladung von São Paulo ans Schwarze Meer zu bringen. „We bring sweet life to Europe“, sagt Simakov mit hartem ukrainischem Akzent und grinst.

Vom Schiff in den Güterzug
Simakovs süße Fracht hat am Schwarzmeerhafen Konstanza angelegt – am Ziel ist sie aber noch lange nicht. Ihre weitere Reise ins Zentrum Rumäniens erzählt von Arm und Reich, von Dieben und Abenteurern. Vor allem aber erzählt sie vom scharfen Ab und langsamen Auf der rumänischen Wirtschaft, nachdem der Fall des Eisernen Vorhangs große Teile des maroden Systems in den Abgrund gerissen hatte. Im Hafen von Konstanza, der zweitgrößten Stadt Rumäniens, wird Simakovs 10-Millionen-Euro-Lieferung binnen weniger Tage in Güterzüge verladen. Kranschaufel um Kranschaufel rieseln die braunen Kristalle in die Güterwaggons, bis der erste Zug dem zweiten Platz macht. Ganze 600 Hänger werden von den Kränen neben der Fadelsia beladen, bis der Frachter den Hafen wieder verlässt.

Zahlungsmittel Zucker
Johann Marihart, Chef des heimischen Landwirtschaftskonzerns Agrana, ist der Käufer der 30.000 Tonnen Rohware. Und er ist der Mann, der für den Agrarriesen bereits Anfang der 90er-Jahre die ersten Zuckerfabriken in Osteuropa übernommen hat und den rumänischen Markt deswegen aus dem Effeff kennt. „Als wir Mitte des letzten Jahrzehnts die ersten Fahrten durchs Land unternommen haben“, erinnert sich Marihart, „standen hier zur Zeit der Rübenernte noch Hunderte auf den Feldern und hackten. Auch der Vertrieb war vollkommen anders geregelt: Die Bauern brachten ihre paar Rüben in die Fabrik und erhielten dafür einen Sack Zucker. Naturalien waren nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gebräuchliche Zahlungsmittel.“

Rübenbauern im Schwinden
Rübenbauern gibt es in Rumänien noch immer, wenn auch viel weniger als damals. Das liegt dar­an, dass zu Ostblockzeiten noch der gesamte benötigte Zucker aus Rüben produziert wurde, inzwischen hingegen drei Viertel der Jahresproduktion aus Zuckerrohr. Und es liegt an Menschen wie Gebhard Müller. Der deutsche Agrarökonom betreut für die Österreicher die rumänischen Rübenbauern. Seine Frau und seine drei kleinen Kinder hat der Agrarier in Süddeutschland gelassen, nur alle zwei Wochen fliegt er für ein paar Tage hin. Seit Jahren ist Müller in Moldawien und Rumänien unterwegs, weil es wilder ist als in Deutschland und weil „da immer was los ist“. Wie viel auf dem Zuckermarkt los ist, zeigen auch die Zahlen: Gab es vor zwanzig Jahren noch 35 Zuckerfabriken, so sind es jetzt nur mehr sechs. Gab es im Jahr 2001 noch 18.000 Rübenbauern, gibt es heute nur mehr 104. „Das geht so schnell! Und man kann so viel mitgestalten!“, sagt Müller.

Vorkasse für die Zukunft
Willkommen ist der Gestaltungsdrang des Süddeutschen aber nicht bei jedem. Wenn Müller „wir müssen da ganz tief reingehen“ sagt, heißt das vor allem, dass die ausländischen Agrarkonzerne den dortigen Landwirten vorschreiben, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Dass also die drei Agrartechniker, mit denen Müller die Bauern abklappert, nicht immer mit offenen Armen empfangen werden, wundert wenig. „Anstatt ihre Maschinen richtig zu warten, versuchen die lieber, bei uns einen höheren Rübenpreis rauszuschlagen“, ärgert sich der Agrarspezialist. Weniger aggressiv als bei der technischen Saat- und Ernteberatung tritt der Zuckerkonzern bei der Vorfinanzierung seiner Kontraktbauern auf. Auch daran zeigt sich der Wandel: Zwar brauchen immer noch viele der Landwirte vorab finanzielle Unterstützung für Saatgut und Dünger, die Kosten für den Sprit der Traktoren können sie aber ­inzwischen schon selber stemmen.

Streng bewachter Zucker-Zug
Die Zuckerrohr-Züge haben Konstanza inzwischen in Richtung Buzau verlassen. Noch bis vor wenigen Jahren mussten solche Züge streng bewacht werden, erzählt Agrana-Chef Marihart, „immer wieder kam es vor, dass ganze Waggons einfach auf der Fahrt ‚vergessen‘ wurden“. Das hat sich ­geändert: Die Zucker-Diebstähle sind zurückgegangen – außerdem haftet heute der Bahnbetreiber, wenn etwas verschwindet. Auch die Zugfahrt selbst erzählt etwas über die langsame Rückkehr der rumäni­schen Wirtschaft. Auf dem Land, vorbei an den verfallenden, einstöckigen, vielfach geflickten Häusern, die sich hinter Beton­zäunen ducken, zeigt sich das alte, zurückgelassene System. Rauscht der Zug aber durch die Stadt, werden die allgegenwärtigen Pferdefuhrwerke weniger, ersetzen auch immer mehr Mercedes, VWs oder Re­naults Ost-Mobile wie Dacia oder Lada.

Roboter Gigel steht für Wandel
Letzte Station vor dem Regal im Supermarkt ist die Zuckerfabrik Buzau am Fuße der östlichen Karpaten. Hier wird der braune Rohr-Rohzucker in meterhohen Kessel­un­getümen verflüssigt, gefiltert und wieder kristallisiert, bis er – feinkörnig und weiß – in Kunstoff- oder Papiersäcke rieselt. Hier steht auch der neue Verpackungsroboter „Gigel“, auf der Reise das letzte Zeichen des Wandels. Gigel schlichtet fertige Ware auf Paletten – viermal so schnell wie ein Mensch. Allein in den vergangenen drei Jahren konnte die Kapazität der Fabrik durch Modernisierungsmaßnahmen um 25 Prozent gesteigert werden. Jahr für Jahr werden so Fabrikarbeiter obsolet: Heute verarbeitet ein Drittel der Arbeitskräfte die doppelte Menge Zucker wie vor zehn Jahren. Viele werden sich deswegen auch in den nächsten Monaten Gedanken über einen neuen Job machen müssen. Das muss auch Schiffskommandant Sergej Simakov. Für ihn ist das allerdings Routine, sagt er: „Frachterkapitäne wie ich werden immer nur für ein halbes Jahr gebucht. Ich mache dann erst mal Urlaub.“

Arndt Müller

Im Bild: Johann Marihart lässt sich von Kapitän Sergej Simakov die Navigationsgeräte zeigen.

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