Strabag-Boss Haselsteiner: 'Bin für eine europäische Transaktions-Steuer'

Hans Peter Haselsteiner, Chef des größten heimischen Baukonzerns Strabag, in einem seiner seltenen Interviews über die Rückschläge in Russland, ­Griechenland-Spekulanten, sein Firmenimperium und Freund „Gusi“.

FORMAT: Zuletzt sorgten Sie bei Ihrem Konkurrenten Alpine und dessen Aufsichtsratschef Dietmar Aluta für großen Unmut, weil Sie von dort Exbundeskanzler Alfred Gusenbauer als Aufsichtsrat in die Strabag holten. Können Sie den Ärger verstehen?

Haselsteiner: Ich kann es nachvollziehen, aber der Vorwurf der Unkorrektheit geht ins Leere. Alfred Gusenbauer hatte kein Mandat von Aluta, sondern von den spanischen Eigentümern.

FORMAT: Was erhoffen Sie sich von ihm?

Haselsteiner: Der Plan ist uralt: Wenn Gusenbauer in die Privatwirtschaft geht, nimmt er bei der Strabag ein Mandat an. Ich habe aber nie daran geglaubt, dass Gusenbauer die politische Karriere abbricht.

FORMAT: Spielen auch Ihre Expansionspläne bei dieser Entscheidung mit hinein?

Haselsteiner: Gusenbauer ist ein idealer Mitstreiter für Mittel- und Osteuropa. Und er wird mich als Vorstandsvorsitzenden maßgeblich entlasten können.

FORMAT: Beim Börsengang 2007 bauten Sie die Strabag-Investmentstory auf Russland. 2009 machte das Unternehmen nur zwei Prozent seiner Bauleistung dort. Scheiterte die Strategie?

Haselsteiner: Diese Strategie ist durch die Krise zunichte gemacht worden. Dennoch ist Russland nach wie vor unser strategisches Zielland Nummer eins. Wir werden unsere Pläne umsetzen, wenn auch deutlich verzögert. Früher sprachen wir von 2012, jetzt wird es 2020. Wer in Europa Nummer eins im Baugeschäft werden will, muss Nummer eins in Russland sein.

FORMAT: Was konkret ist Ihr Ziel für 2020?

Haselsteiner: Russland soll das Land sein, das vielleicht das stärkste Einzelland bei der Strabag ist, jedenfalls aber in der Spitzengruppe liegt.

FORMAT: Derzeit läuft die heiße Phase bei den Auftragsvergaben für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Hilft Ihnen Ihr „Aktionär“ Oleg Deripaska dabei?

Haselsteiner: Bei diesem konkreten Projekt, dem Olympischen Dorf, sind die Auftraggeber Oleg Deripaska und die VTB Bank als Financier. Und daher rechnen wir uns sehr gute Chancen aus. Die Entscheidung dazu erwarten wir noch vor dem Sommer, Baubeginn soll Spätherbst sein.

FORMAT: Interessiert sich die Strabag auch für die Verlängerung der russischen Eisenbahnstrecke bis nach Wien?

Haselsteiner: Klar, aber das ist ein Projekt unter vielen. Wir haben konzernweit mehr als 16.600 Baustellen, darunter mehrere Dutzend große wie die polnische Autobahn A2 und den Niagara-Tunnel in Kanada.

FORMAT: Viele Experten meinen, dass es in der Bauindustrie ab Ende 2011 zu einer längeren Durststrecke kommt. Sehen Sie das auch so?

Haselsteiner: Die Bauwirtschaft hat ein kräftiges Argument in der Hand, und zwar spielen wir eine Schlüsselrolle am Arbeitsmarkt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die öffentliche Hand trotz Sparprogramms den Arbeitsmarkt vernachlässigen könnte. Sie wird mit einem Auge auf die Konsolidierung, mit dem anderen auf Arbeitsplätze schauen müssen.

FORMAT: Sie sehen die Zukunft also gar nicht so düster wie andere?

Haselsteiner: Ich war der Erste, der davor gewarnt hat. Und viele haben noch gelacht. Ich bin wie alle anderen verunsichert. Aber mit den Konjunkturpaketen und Anreizen für private Investitionen können sich weitere Impulse für die Bauwirtschaft ergeben.

FORMAT: Die Strabag hat gut 1,8 Milliarden Euro Cash in der Kassa. Erwägen Sie Zukäufe?

Haselsteiner: Zukäufe sind nicht prioritär. Es müsste sich etwas aufdrängen, aber das sehen wir derzeit nicht.

FORMAT: Stehen noch größere Konsolidierungen in der europäischen Baubranche an?

Haselsteiner: Das ist von Markt zu Markt verschieden. In Deutschland und Österreich haben wir noch einiges vor uns. In Mittel- und Osteuropa haben sich in manchen Ländern noch keine erkennbaren Branchenstrukturen entwickelt.

FORMAT: Sie haben angekündigt, in Nischenbereichen wie dem Eisenbahnbau oder bei Windenergie sowie in neuen Märkten wie Indien wachsen zu wollen.

Haselsteiner: Es bleibt uns nichts anderes übrig, wenn wir unser Volumen halten wollen – heuer werden wir wohl nur höchstens einige Prozent wachsen. Deutschland und Österreich machen gemeinsam fast 50 Prozent des Umsatzes aus, daher ist dort der „Kriegsschauplatz Nummer eins“. Um eventuelle Rückgänge auszugleichen, müssen wir das tun. Ich habe diese Flexibilität in der Strabag immer vorgelebt. Als wir in den
70er-Jahren außerhalb Kärntens noch unbekannt waren, gab ich unternehmensintern die heute geflügelte Parole aus: Nicht alle Mitarbeiter können Friedhofsmauern verputzen in Kärnten. Das bedeutet, wir müssen immer flexibel bleiben, auch wenn das oft schwierig ist. Von heute auf morgen als Bauingenieur für zwei Jahre nach Libyen oder Indien zu gehen kann nicht jeder.

FORMAT: Kürzlich sprachen Sie sich für eine kontrollierte Insolvenz Griechenlands aus. Wie stellen Sie sich das vor? Würden nicht österreichische Banken dadurch zusammenbrechen?

Haselsteiner: Es wäre sicher nicht lustig. Es ist ja auch für die Strabag nicht lustig, wenn ein Kunde Insolvenz anmeldet und wir nur eine Quote bekommen. Aber eine Insolvenz Griechenlands würde maßgeblich zum Ende der Spekulation beitragen. Denn wenn Spekulanten damit rechnen müssen, dass ein Land tatsächlich insolvent werden könnte, würden sie bestimmt nicht mehr so stark spekulieren. Es ist nicht verständlich, dass Griechenland mit internationalem Steuergeld gestützt wird und die Spekulaten somit ihre Risikoprämien auf Griechenland erhalten. Wir bezahlen die Renditen auf die Griechenland-Spekulationen mit unserem Steuergeld beziehungsweise mit Haftungen. Es wäre gerechtfertigt, dass die Alt-Gläubiger einen Teil der Last tragen.

FORMAT: Aber könnte man Bankenrettungen nicht ähnlich sehen? Waren die denn sinnvoll?

Haselsteiner: Alles ist sinnvoll, was den Zusammenbruch des Systems vermeidet. Ob die Bankenpakete den Zusammenbruch tatsächlich verhindert haben, ist retrospektiv fraglich. Damals war es alternativlos, denn ohne Finanzmarkt können wir nicht wirtschaften. Die direkte Verstaatlichung von Industriebetrieben wie General Motors ist aber überhaupt nicht einzusehen.

FORMAT: Im Nachhinein betrachtet: Hätte die Constantia Privatbank wirklich gerettet werden müssen?

Haselsteiner: Die CPB wurde in diesem Sinne nicht gerettet. Sie wurde umgeschuldet.

FORMAT: Welche Pläne haben Sie mit der CPB?

Haselsteiner: Ich bin kein Banker, ich bin Bauunternehmer. Fragen Sie dazu meinen Freund Erhard Grossnigg, der dafür die Verantwortung hat.

FORMAT: Was halten Sie vom wirtschaftspolitischen Kurs von Werner Faymann und Josef Pröll?

Haselsteiner: Den Kurs gibt ohnehin Brüssel vor. Ich hoffe, die Europäer ringen sich zu einer Transaktionssteuer durch. Wenn es sein muss, auch ohne die USA. Es wäre wichtig, den rein auf computergesteuerten Programmen basierenden Handel mit Wertpapieren zu dämpfen, damit diese hundertfachen Bewegungen eingeschränkt werden. Mit einer geringen Steuer von nur 0,5 Prozent des Umsatzes wäre das möglich. Außerdem sollten alle Leerverkäufe im weitesten Sinne verboten werden und damit auch alle Naked Swaps. Solche Praktiken haben mit Spekulation nämlich nichts zu tun. Das sind Wetten, und die gehören ins Casino. Wir haben eine schwierige politische Situation. Aber ich würde mir wünschen, dass wir mehr Persönlichkeiten in der Politik hätten, die mutvoll und reformfähig die Dinge vorantreiben und Visionen haben. Von dieser Sorte Politiker gibt es zu wenige.

FORMAT: Faymann und Pröll zählen Sie nicht dazu?

Haselsteiner: Zu konkreten Namen äußere ich mich nicht in der Öffentlichkeit.

FORMAT: Sind Sie noch immer der Meinung, dass Spitzenverdiener stärker zur Kasse gebeten werden sollen?

Haselsteiner: Unvernünftige Einkommen sollen unvernünftig hoch besteuert werden. Wenn der ehemals bestverdienende Manager Deutschlands, Wendelin Wiedeking, von seiner 50. Million Euro nur noch 50.000 Euro bekäme, dann wäre das immer noch viel. Das Verbieten von Boni hingegen ist schwachsinnig und populistisch.

FORMAT: Was halten Sie als Stifter
von einer stärkeren Besteuerung von Stiftungen?

Haselsteiner: Ich bin immer dafür eingetreten, dass die Stiftungen wie Körperschaften behandelt werden und 25 Prozent Steuer zu bezahlen haben. In der jetzigen Situation werden Stiftungen immer reicher und genießen Steuerprivilegien. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

FORMAT: Haben Sie schon einmal daran gedacht, mit Ihren Stiftungen aufgrund der unsicheren Judikatur in diesem Bereich abzuwandern?

Haselsteiner: So schnell wandert man nicht ab. Die größere Bedrohung für Stiftungen als höhere Steuern ist aber die Einschränkung des Stifterwillens.

FORMAT: Was haben Sie nach dem Einstieg bei der Immo-Gruppe conwert vor?

Haselsteiner: Hier gilt Ähnliches. Ich habe den Vorstandsvorsitz bei der Strabag in diesen schwierigen Zeiten und möchte bei meinen Beteiligungen keine unternehmerische Rolle spielen.

FORMAT: Aber Ideen werden Sie doch einbringen?

Haselsteiner: Wir hatten schon vor vielen Jahren eine Einladung vom conwert-Gründer Günter Kerbler, ein Aktienpaket zu zeichnen. Er ist seit vielen Jahren dabei, und oft ist es so, dass man dadurch mögliche Wege nicht mehr sieht. Das schlummernde Potenzial, also Rationalisierungen und neue Schwerpunktsetzungen, möchten wir heben, damit der Aktienkurs steigt. Wenn es gelingt, einen mitbestimmenden, wenn nicht den beherrschenden Einfluss bei conwert zu erlangen, ist es auch eine unternehmerisch reizvolle Situation.

FORMAT: Zu Ihren Plänen für die Westbahn werden Sie uns wohl Ähnliches sagen.

Haselsteiner: Ich habe einen Wunsch geäußert: getrennte Toiletten für Damen und Herren und Pissoirs in den Zügen.

FORMAT: Ende 2010 läuft Ihr Vertrag aus. Werden Sie verlängert?

Haselsteiner: Ich gehe davon aus, dass mir der Aufsichtsrat eine Verlängerung anbietet. Ich werde den Vertrag unterschreiben und hoffe, ihn in geistiger und gesundheitlicher Frische zu erfüllen. Ich behalte mir aber vor, dass ich den Vertrag vorzeitig auflösen kann, aus welchen Gründen auch immer.
FORMAT: Gibt es schon einen Nachfolger für Sie?

Haselsteiner: Ich habe einen Stellvertreter, falls mir etwas zustoßen sollte. Aber klar ist, dass wir in den nächsten Jahren den Vorstand verjüngen werden.

FORMAT: Ihre drei Söhne haben keine Ambitionen auf einen Strabag-Job?

Haselsteiner: Meine Söhne interessieren sich für eine Arbeit in der Strabag. Ab einer gewissen Unternehmensgröße ist der „Erbweg“ aber ausgeschlossen. Man soll ihnen den Weg nicht versperren. Wenn sie den Ehrgeiz entwickeln und sich woanders bewähren, können sie zur Strabag kommen.

FORMAT: Sie selbst erwägen keine Rückkehr in die Politik?
Haselsteiner: Nein, definitiv nicht.

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