Star-Ökonom Jeremy Rifkin im Interview

Star-Ökonom und Politik-Berater Jeremy Rifkin über die Zukunft Europas, den Frust der Internetgeneration und warum die Welt eine neue Vision braucht.

FORMAT: Die Schuldenkrise in Europa hält an, hier und in den USA droht die nächste Rezession, die Börsen sind nervös, und das Vertrauen in das Bankensystem schwindet immer mehr. Mr. Rifkin, wie schlimm wird es diesmal?

Rifkin: Die Situation ist sogar noch schlimmer, als Sie es beschreiben. Ich habe davor gewarnt, dass nur wenige Jahre nach dem Kollaps der Finanzwirtschaft der nächste Kollaps kommen wird. Denn weder Regierungen noch Ökonomen haben die Hauptursache für den Zusammenbruch der Weltwirtschaft erkannt. Wir befinden uns in einem Endspiel, es geht gerade eine ökonomische Ära zu Ende: die Ära des Öls, der fossilen Brennstoffe als Grundlage der Weltwirtschaft. Als im Juli 2008 ein Barrel Öl den Preis von 147 Dollar erreichte, war das das Erdbeben. Der Preis war unleistbar hoch. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers wenige Wochen später war nur eine Schockreaktion. Das wurde bisher nicht erkannt.

FORMAT: Die Regierungen in Europa und den USA versuchen unter massivem Druck der Finanzmärkte, die Staatsschulden in den Griff zu bekommen. Heißt das etwa, sie kämpfen die falschen Kämpfe?

Rifkin: Nicht unbedingt. Natürlich sind Sparprogramme absolut notwendig, natürlich werden Regierungen ihre Budgets kürzen müssen. Aber das müssen sie vorsichtig und weitsichtig tun. Sie müssen dafür sorgen, dass sie nicht auf Kosten der Armen sparen, dass niemand dadurch zurückbleibt und dass der Traum von einem lebenswerten Europa damit nicht aufs Spiel gesetzt wird. Es wird hart werden. Wenn Regierungen allerdings nur sparen, kann es kein neues Wachstum geben. Und wenn es kein Wachstum gibt, werden die Finanzmärkte ein weiteres Mal aufschreien. So geht das nicht gut. Neben den Budgetkürzungen braucht es eine Vision für die Zukunft, aus der neue Arbeitsplätze und Geschäftsfelder entstehen. Das gilt für Europa, aber auch für die USA.

FORMAT: In New York und anderen US-amerikanischen Städten gehen zurzeit Menschen auf die Straße, die gegen die Allmacht der Finanzkonzerne und die grassierende Ungerechtigkeit und Armut protestieren. Was kann die Bewegung „Occupy Wall Street“ bewirken?

Rifkin: In den USA geht jetzt die Internetgeneration auf die Straße, so, wie sie das auch in Spanien, Portugal und Italien tut. Diese Generation ist aufgebracht. Sie ist von Arbeitslosigkeit bedroht, das momentane System bietet keine Zukunftsperspektiven. Sie ist frustriert von der Gier der Konzerne und der Ungerechtigkeit, mit der das momentane System die Reichen reicher und die Armen ärmer macht. Diese Generation ist frustriert von zentralistischen, hierarchischen Machtsystemen wie an der Wall Street, zu der sie keinen Zugang hat. Sie hat dort nicht einmal eine Stimme. Diese nimmt sie sich jetzt und formiert sich über das Internet.

FORMAT: Reicht das aus, um eine Zukunftsvision zu schaffen, wie Sie sie für notwendig erachten?

Rifkin: Diese Bewegungen stehen alle am Anfang. Noch wissen sie vor allem, wogegen sie protestieren. Aber nicht, was sie stattdessen wollen. Vielleicht ist das bei der Piraten-Partei, die bei den Landtagswahlen in Berlin neun Prozent erreichte und genau die desillusionierte, nicht mehr in Links-Rechts-Schemata denkende Internetgeneration anspricht, schon etwas anders: Sie fordern den freien Internetzugang. Der Frust ist riesig, vor allem Frankreich droht zu explodieren, weil dort sehr hierarchische Systeme dominieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir an einer Zeitenwende stehen und dass diese sich über die Energiesysteme entscheidet, die wir weltweit nutzen. Wenn es gelingt, die Kommunikationstechniken, die das Internet bietet, auf die Energiesysteme zu übertragen, hat die Welt noch eine Chance.

FORMAT: Wenn es nicht die hohe Staatsverschuldung ist – worin besteht gerade die große Gefahr?

Rifkin: Die erste Gefahr besteht darin, dass sich Rezessionen und Krisen wie die jetzige immer öfter ereignen und zu Wohlstandsverlust führen, wenn die Weltwirtschaft weiterhin so stark von Öl abhängig ist. Denn der „Peak Oil“, also das globale Maximum an Ölförderung, wurde 2006 erreicht. Der Ölpreis wird also weiter hoch bleiben und sogar steigen. Das wird untragbar für das Wirtschaftssystem. Parallel dazu erleben wir als zweite Gefahr den globalen Klimawandel. Durch die Erderwärmung verändert sich das Ökosystem, unzählige Arten verschwinden, ganze Länder trocknen aus. All diese Folgen sind noch nicht abschätzbar. Das ist eine globale Krise. Die Frage ist: Was tun wir jetzt? Und ich glaube, dass die EU für diese Frage besser aufgestellt ist als die USA.

FORMAT: In Ihrem neuen Buch schlagen Sie eine „Dritte Industrielle Revolution“ vor. Wie soll sie aussehen? Und wie kann Europa wirtschaftlich davon profitieren?

Rifkin: Ich berate die Europäische Kommission und einige europäische Regierungschefs in diesen Fragen. Die EU-Kommission hat 2007 den Rahmenplan für die Industrielle Revolution in Europa verabschiedet. Sie steht auf fünf gleich bedeutenden Säulen: mehr erneuerbare Energie durch Wind und Sonne. Dezentrale Energieerzeugung über 190 Millionen energieeffiziente Gebäude, deren Sanierung Millionen Arbeitsplätze in den Regionen und Gemeinden schafft. Neue Speichermöglichkeiten wie etwa Wasserstoff, um Energie besser zu binden, die ebenfalls neue Arbeitsplätze schaffen. Intelligente Netze, die so einfach und frei zugänglich sind wie das Internet. Das heißt, jedes Einfamilienhaus kann den Überschuss an Energie, den es produziert, ins Netz einspeisen. Die letzte Säule ist der Ausbau des öffentlichen Verkehrs.

FORMAT: Das klingt ökologisch vernünftig. Aber worin liegt die Revolution? Und wie ist sie finanzierbar?

Rifkin: Die Lage ist ernst, und wir haben auch keinen Plan B, der uns vor Ölschocks, Rezessionen oder dem Klimawandel bewahrt. Wenn jeder Einzelne Energie, und zwar erneuerbare Energie, produzieren kann, wird sie billiger. Und je billiger die Energie ist, desto größer ist der Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Regionen. Energiekonzerne müssen wie Musikkonzerne lernen, mit der neuen Realität zurechtzukommen. Sie können Geld damit verdienen, diese Energie zu managen. In diesem Konzept liegt die große Chance für die EU, über die sich das dezentrale Energienetz erstrecken soll: Sie kann neue Jobs schaffen, die gleichzeitig zu einem Wettbewerbsvorteil führen. Die Kommission hat Milliarden dafür zur Verfügung gestellt, und viele Regionalfonds werden noch nicht genügend genutzt. Das Geld ist da. Deutschland war dabei schon vor dem Atomstopp ein Vorreiter,

FORMAT: Kann das neue, dezentrale und flexible Energie-Regime neue Wirtschaftskrisen verhindern?

Rifkin: In jedem Fall kann es die Gesellschaft grundlegend verändern. Während die ersten Industrialisierungswellen von Zentralisierung geprägt waren – Konzerne entstanden, Nationalstaaten schufen Identität –, ist das neue System dezentral, jeder hat dazu Zutritt. Wir alle werden Teil der Energieerzeugung. Das verändert das Bewusstsein. Wir bemerken, dass wir voneinander und von der Natur abhängig sind. Ich weiß nicht, ob wir es rechtzeitig schaffen, aber ich glaube, dass es möglich ist. Wir als Menschen brauchen solche Visionen, und Amerika geht gerade die Fantasie aus. Europa bewegt sich schneller. Und in die richtige Richtung.

- Martina Bachler

ZUR PERSON: Jeremy Rifkin, 66, ist Soziologe und Ökonom. Der US-Amerikaner unterrichtet an der Wharton Business School in Pennsylvania. Mit seiner Stiftung Foundation on Economic Trends berät er die EU-Kommission, Regierungen, Städte und Unternehmen. Viele der bisher 18 Bücher des erklärten EU-Fans waren internationale Bestseller.

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff