Sportindustrie: Mit Saisonbeginn hat das Zittern unter den Skiherstellern begonnen

Stagnierender Absatz verschärft den Konkurrenzkampf unter den heimischen Skiherstellern. Wie Atomic, Head, Fischer & Co mit immer neuen Hightech-Produkten um die künftige ­Verteilung der Marktanteile rennen.

Als sich am vergangen Wochenende die weltbesten Rennfahrer, der Norweger Aksel Lund Svindal und der Österreicher Benjamin Raich, vor 20.000 angereisten Zusehern und mehr als zwanzig TV-Stationen zum Auftakt des Weltcups in Sölden (Tirol) duellierten, war auch Franz Föttinger live dabei. Der Chef des oberösterreichischen Skiherstellers Fischer Sports plauscht am Rettenbachferner in 2.800 Meter Höhe mit Kunden und Presseleuten, beobachtet die Durchgänge und sein Serviceteam für die Athleten. Von pompösen VIP-Zelten keine Spur mehr. „Das können wir uns nicht mehr leisten“, sagt Föttinger nüchtern.

Das große Zittern beginnt
Hinter den Kulissen hat das große Zittern begonnen: Für einzelne Skiproduzenten könnte dieser Winter nämlich zur Schicksalssaison werden. Seit dem Katastrophenwinter vor drei Jahren, in dem der weltweite Skiabsatz wegen des ausbleibenden Schnees von vormals 4,5 Millionen Paar auf knapp 3,2 Millionen Paar einbrach, hat sich die Branche nicht mehr erholt. Hersteller wie ­Fischer und Head haben deshalb schmerzhafte Restrukturierungen hinter sich, andere stecken noch in Kostensenkungsprogrammen. Weil die Branche auch künftig nicht mehr verkaufen kann – in Österreich wird der Absatz in den nächsten Jahren wohl kaum 330.000 Paar übersteigen (siehe Grafik ) –, sollen teure Hightech-Bretteln die Kassen zum Klingeln bringen. Daher brauchen Skihersteller neben viel Schnee vor allem Innovationen. Ähnlich wie Anfang der 90er-Jahre, als der Carving-Ski die Branche vor Umsatzeinbrüchen rettete. Und wer wachsen will, kann das nur auf Kosten eines Konkurrenten. „Jetzt geht es um Marktanteile“, formuliert Branchensprecher und Atomic-Chef Wolfgang Mayrhofer. Der Kostendruck ist so stark, dass die gesamte Industrie derzeit sogar vertraulich mit der FIS über Reduktionen bei Gebühren und Mitgliedsbeiträgen verhandelt. Außerdem dürfte es nach den Olympi­schen Winterspielen in Vancouver zu spürbaren Kürzungen bei den zuletzt gestiegenen Gagen für die Athleten kommen. Allein die bestbezahlte Renndame Lindsey Vonn dürfte von Head rund 400.000 Euro Fixum kassieren, dazu kommen noch Erfolgs­prämien. Raich und Svindal dürften insgesamt sogar auf je 700.000 bis 800.000 Euro pro Saison kommen. Beide fahren für Atomic. Der schwächelnde französische Hersteller Rossignol machte bereits vor, in welche Richtung sich die Gagen der Läufer künftig bewegen: Das Unternehmen kürzte die Ausgaben für die Spitzensportler um 50 Prozent. „Die Kosten für den Rennsport stehen in keiner Relation mehr zum Nutzen“, meint ein Insider, „weil die Wettkämpfe in vielen Ländern nicht im Fernsehen übertragen werden, erreichen die Ausrüster mit den Werbeausgaben nur noch einen Bruchteil ihrer Kunden.“

Hersteller auf dünnem Eis
Die öster­reichischen Hersteller, die immerhin 45 Prozent des Weltmarktes beherrschen, bewegen sich derzeit auf hauchdünnem Eis: Der heimische Branchenprimus Atomic ist dabei, die französische Rossignol-Gruppe von Platz eins am Weltmarkt zu verdrängen. Dennoch verzeichnete die Tochterfirma der finnischen Amer Sport bei wachsendem Umsatz (laut Firmenbuch 2008 rund 131 Millionen Euro) Verluste. Die Nummer zwei in Österreich, Fischer Sports, will nach 13 Millionen Euro minus (2007/08) heuer immerhin mit einer schwarzen Null abschließen. Die Head-Gruppe, die inklusive der Tennissparte im vergangenen Jahr 326 Millionen Euro umsetzte, kam auf fast zehn Millionen Euro Verlust. Im ersten Halbjahr 2009 erhöhte sich dieser auf 17,1 Millionen Euro. Verschnaufen kann der an der Wiener Börse notierte Konzern nur, weil er im August 42 Millionen Euro Schuldennachlass aus einer Umschuldung erreichte und Eigentümer Johan Eliasch persönlich zehn Millionen Euro Kredit zur Verfügung stellte. Die Traditionsmarke Kneissl, die 2008 vom Investor Scheich Mohammed Bin Issa Al Jaber übernommen wurde, konzentriert sich offenbar mittlerweile mehr auf Tourismusprojekte als auf den Skiverkauf. Einzig Kästle kann auf einen kleinen ­Erfolg verweisen: Die Edelskischmiede setzte im letzten Geschäftsjahr um 60 Prozent mehr Ski ab – wenn auch auf sehr geringem Niveau und mit Verlusten. „Die momentane Konsolidierung ist schmerzhaft für jeden Einzelnen, aber gesund für den Markt. Über zehn Jahre wurden Überkapazitäten mit billigem Geld aufgebaut, das rächt sich“, so Kästle-Chef Rudolf Knünz.

Der Doppeldecker-Ski läuft gut
Im Rennen um die künftige Aufteilung der Marktanteile trägt jetzt Atomic einen Etappensieg davon: Dem in Altenmarkt ansässigen Skierzeuger gelang vor zwei Jahren mit der Erfindung des Doppeldecker-Skis (D2) ein Coup: Das Modell besteht aus separatem Ober- und Unterski und kann sich an Fahrer und Piste individuell anpassen. Der Konzern gewann vergangenes Jahr mit der D2-Technologie sieben von acht ­Riesentorläufen. Mehr Werbung hätte sich Atomic wohl kaum erhoffen können. Im kommenden Winter – die Verkäufe im Handel ziehen Ende Oktober an – kommt der Doppeldecker in vier Produktsegmen­ten und 15 Modellen. „Für die D2-Serie haben wir extra Verkaufsraum reserviert und bieten sie prominent an. Die Leute mögen solche Innovationen“, berichtet einer der größten Sporthändler des Landes, Intersport-Eybl-Chef Peter Wahle. Doch auch der Mitbewerb schläft nicht: Fischer etwa legt seine „Loch-Technologie“ neu auf. Mit der fuhr das Unternehmen zwischen 1975 und 1985 unzählige Weltcup-Siege und Franz Klammers historischen Olympiatriumph ein. Neue Modelle werden mit diesen Fischer-Löchern ausgestattet, heuer kommt erstmals auch ein Loch-Langlaufski in den Handel. Head setzt auf die „Torque Turning“-Technologie, die den All-Mountain-Ski besonders stabil gleiten lässt. Auch die „Supershape“-Rennski-Serie wird fortgesetzt. „Mit dieser Serie haben wir quasi ein Formel-1-Auto straßentauglich gemacht. Der Ski ist ein Höllengefährt, auf das sich auch der Normalverbraucher trauen kann. Supershape hat uns in den letzten fünf Jahren den Marktanteil fast verdoppelt“, schwärmt Head-Österreich-Boss Robert Koch.

Teure Forschung
Die Innovationen werden derzeit vor allem auf die absatzstarken Segmente ausgeweitet: Die sogenannten All-Mountain-Ski, die mit ihrer stärkeren Taillierung auch abseits der Piste gefahren werden können; die Twintips, die durch aufgebogene Enden auch für das Gelände geeignet sind und so vor allem Jugendliche ansprechen; die speziellen Damenski, die leichter, weicher und schöner designt sind. ­Diese drei Produktsegmente legen jährlich zwischen zehn und 20 Prozent zu. Doch für diese Erfolge müssen die Skihersteller tief in die Tasche greifen. Fast fünf Prozent des Umsatzes buttern sie jährlich in Forschung und Entwicklung. Neben den bisher hohen Marketingausgaben – zwischen 10 und 12 Prozent des Umsatzes – ist das eine enor­me finanzielle Bürde. Atomic brauchte bis zur Patentierung von D2 mehrere Jahre. Dabei geht es fast so zu wie bei den Testfahrten der Autobauer in abgelegenen Wüstenregionen: Die Geländetests der Ski werden auf einer abgesperrten Strecke auf einem Hang gleich hinter dem Atomic-Sitz in Altenmarkt durchgeführt. „Die Ski werden natürlich neutral gefärbt, dass kein Fremder etwas erkennen kann“, erzählt Mayrhofer. Welcher Skiausrüster gut über den Winter kommt, hängt allerdings auch wesentlich von einem unberechenbaren Faktor ab: Schnee. Fischer-Sports-Chef Peter Föttiger dürfte das Weltcup-Wochenende in Sölden dennoch ohne große Sorgen genießen können. Die ZAMG-Prognose für den Winter ist positiv: Der November wird wärmer als im Jahresdurchschnitt, dafür liegen Dezember und Jänner im Mittel.

Martina Bachler, Barbara Nothegger

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