Spielsucht: Gescheiterte Börsenspekulanten stürmen den Verein "Anonyme Spieler"

Spekulanten, die in der Finanzkrise ihr Vermögen verzockt haben, wenden sich an die Beratungsstelle der „Anonymen Spieler“. Sie wollen ihre Sucht bezwingen.

Franz M., Bankangestellter in Salzburg, ist süchtig. Nach schlaflosen Nächten beginnt am Morgen das Wechselspiel zwischen Hoffen und Bangen. Der 50-Jährige ist dem Glücksspiel verfallen. Dabei bewegt er sich aber nicht in schummrigen Spielhallen oder Wettbüros, sondern auf dem internationalen Börsenparkett.

Neue Vereinsklientel
Seit es im Zuge der Finanzkrise an den Börsen bergab geht, laufen im Beratungsbüro der „Anonymen Spieler“ in Salzburg die Telefone heiß. Hatte der Verein bis jetzt vor allem glücksspielsüchtigen Personen geholfen, sind nun die gescheiterten Börsianer zu einer neuen Klientel geworden. „Rund 70 Spekulanten fragten innerhalb von drei Wochen bei uns um Hilfe an“, sagt Geschäftsführer Roman Neßhold, „normalerweise sind es höchs­ten zehn pro Jahr.“

Bedrohte Existenzen
Die ein­gefahrenen Verluste der Zocker reichen von „einigen Tausend Euro bis hin zu 1,5 Mil­lionen“, so Neßhold. Franz M. hat mit Aktien und Optionen bis dato „einige Hunderttausend“ Euro verspekuliert, sein Haus mit einer Hypothek von 50.000 Euro belastet. „Süchtig sind im Prinzip Alkoholiker oder Spieler, ich hin­gegen sah mich als Investor“, räumt der Bankangestellte heute ein. Dabei gehen Börsenspekulation und Glücksspielsucht laut Neßhold Hand in Hand. „Beide zeichnen sich durch ein deutlich erhöhtes Risikoverhalten mit hohem Kapitaleinsatz aus. Zudem scheinen die Gewinne rasch realisierbar“, sagt der Experte, der mit zwei Beratern die gescheiterten Bör­sianer betreut.

Spieler im großen Stil
Thomas S., 35, war ebenfalls „Spieler“ im großen Stil: Er handelte mit Futures – und er war erfolgreich. Zu erfolgreich, wie er heute sagt. Mit 21 kaufte er den ersten Porsche, mit 23 hatte er drei: Er konnte sich für keine Farbe entscheiden und nahm deshalb gleich zwei. Seine Spekulantenkarriere nahm nach einer Serie von Misserfolgen aber ein jähes Ende, das Geld war futsch, die Porsches auch. Geblieben ist ihm die Spielsucht: „In schlechten Monaten verspiele ich mehrere 10.000 Euro am Automaten. Die Gewinne bleiben im Gedächtnis, die Verluste werden schnell verdrängt.“

Versäumte Sitzung kommt teuer
Auch Thomas S. wandte sich an eine Therapiegruppe für Spielsüchtige. Spielsucht, erklärte der Psychologe, sei schwerer zu heilen als Heroinabhängigkeit. S. kann ein Lied davon singen: Versäumt er eine Therapiesitzung, ist er gleich wieder ein paar Tausend Euro los, die er in der Spielhalle verzockt. Mittlerweile steht S. vor dem Privatkonkurs. Wie lange seine Therapie bei den Anony­men Spielern noch dauern wird, ist noch nicht abzusehen.

Wege aus der Sucht
Wichtig sei, den Betroffenen ihr eigenes Verhalten aufzuzeigen, da diese oftmals in einer Art Pa­rallelwelt leben, so Neßhold. „Börsenzocker müssen genau wie Spieler den Umgang mit Geld erneut lernen und sich selbst Grenzen setzen.“ Letztlich gehe es darum, dass die Klienten wieder eigenverantwortlich handeln. Und damit dies sichergestellt ist, bietet der Salzburger Mediator und Konfliktmanager den Spekulanten jetzt auch mobile Beratung samt Hausbesuchen an.

Von Hubert Kickinger

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