Spieglein, Spieglein an der Wand wer ist der beste Rechtsanwalt im ganzen Land?

Das alljährliche FORMAT-Ranking der 200 besten Rechtsanwälte des Landes. Plus: Die größten Kanzleien und wie sich der ­Anwaltsmarkt im letzten Jahr entwickelt hat.

Eigentlich wollte Markus Fellner (im Bild) seinen Job als Anwalt mit 40 Jahren an den Nagel hängen. Heute ist er 42, und von Aufhören ist mittlerweile nicht mehr die Rede. Im Gegenteil: Der Bankenrechtsexperte ist so dick im Geschäft wie noch nie zuvor. Die Übernahme der Constantia Privatbank hat er abgewickelt, das Partizipationskapital für die Bawag hat er mitverhandelt, und jetzt spielt er ­gerade Feuerwehr bei der angeschlagenen Hypo Niederösterreich. Kurz: Es gibt kaum einen Bankendeal in Österreich, wo der Partner von Fellner Wratzfeld nicht Regie führt. Wahrscheinlich wurde er auch deshalb von seinen Konkurrenten zum besten Bankenanwalt im Ranking gekürt.

Betriebswirtschaftswissen notwendig
Was aber macht seiner Meinung nach einen guten Bankenanwalt aus? „Betriebswirtschaftliches ist sicher sehr wichtig. Das fehlt vielen Anwälten fast völlig“, plaudert Fellner aus der Schule. Nur mit Betriebswirtschaft allein würde aber auch er nicht weit kommen. „Es ist immer wichtig, den Eindruck zu vermitteln, dass man die Situation im Griff hat“, berichtet der Top-Anwalt, der pro Stunde bis zu 450 Euro kassiert. Die Banken brauchen also in kritischen Situationen auch ein wenig psychologischen Beistand. Fellners Job scheint auch für die nächsten Jahre bestens abgesichert, ist doch die Krise am Bankenmarkt noch lange nicht vorüber. „Ich gehe davon aus, dass das Banken­paket verlängert wird. Dieses und nächstes Jahr wird der Bedarf an Bankenexperten also ungebremst sein“, glaubt der Anwalt, der heuer noch mit zwei Bankenrettungen in Österreich rechnet.

Abräumer in der Krise  
Etwas anders verlief das vergangene Jahr für den Ranking-Sieger in der Kategorie M&A, Schön­herr-Partner Christian Herbst. Von Boom in ­diesem Bereich kann keine Rede sein, vor allem große Deals sind sehr rar geworden, und Übernahmen werden im Moment gecancelt. Das ist unlängst auch Herbst passiert, der dennoch nicht seinen Mut verliert: „Die Marktumstände im M&A-Bereich haben sich eben geändert. An Transaktionsmandate zu gelangen ist jetzt eine größere Herausforderung“, berichtet der Schönherr-Experte. Dieser Herausforderung waren er und sein Team (45 Juristen sind im M&A/Corporate-Team) aber anscheinend gut gewachsen, denn aus dem sogenannten League Table (listet die Deals und ihre Dealmaker auf) der Firma Merger Market geht hervor, dass Schönherr in Österreich mit 15 Deals mit einem Volumen von 2,2 Milliarden Euro klar voran liegt. Auf Platz zwei folgt mit einigem Abstand Wolf Theiss (acht Deals mit 1,6 Milliarden Euro) vor CHSH (zwei Deals mit 1,5 Milliarden Euro). Darunter so namhafte Mandate wie die Beratung von VW bei der Porsche-Übernahme oder von Immofinanz bei der Fusion mit Immoeast ( siehe die größten Kanzleien ).

Diskretion als oberstes Gebot
Namen von Mandanten oder bedeutenden Deals sind Anwalt Stefan Weber hingegen nicht zu entlocken. Zwar ist die Wand in seinem Büro voll gestopft mit sogenannten Tombstones, also Trophäen erfolgreicher Deals aus allen Branchen, darüber reden will der Partner von Weber Maxl aber nicht. „Diskretion ist eine wesentliche Voraussetzung für einen guten Anwalt“, ist der 50-Jährige überzeugt. In seinem Spezialgebiet Kapitalmarktrecht seien weiters gutes Projektmanagement und Entscheidungsfähigkeit unabding­bare Voraussetzungen. Was aber macht ein ­Kapitalmarktexperte, wenn es – wie ­vergangenes Jahr – an den Börsen kaum Transaktionen gibt? „Ich hatte ein akademisches Jahr“, berichtet Weber und wirkt dabei gar nicht so unzufrieden. Er hat viele Aufsätze verfasst und sein Wissen an der Universität verbreitet. Natürlich sei es in der Krise schwieriger gewesen, an Mandate zu kommen, aber, so Weber: „Wenn der Wettbewerb härter wird, muss man eben besser sein.“ Außerdem dürfte sich die Durststrecke auf dem Kapitalmarkt einem Ende nähern, denn: „Einige Unternehmen brauchen Geld“, konnte der Anwalt feststellen. Also werden die Arbeitstage wieder länger, die akademischen Zerstreuungen seltener.

Heiß umkämpft und lukrativ  
Allen drei Herren ist gemeinsam, dass sie als Sieger aus einer heiß umkämpften Kategorie hervorgegangen sind. Sie konnten sich jeweils gegen ganze Heerscharen an Konkurrenten durchsetzen. Außerdem zählen die Kategorien Bankenrecht, Kapitalmarktrecht und Corporate/M&A zu den lukrativsten in der Anwaltsbranche. Weshalb sie diesmal auch ins Zentrum des FORMAT-Rankings gerückt wurden. Was aber keineswegs heißen soll, dass Siege in anderen Kategorien oder gar die Gesamtsiege weniger wert sind. Denn die gesamte Branche hatte im vergangenen Jahr überall hart zu kämpfen. Ganz besonders wohl die großen Kanzleien, die sich von ihrem ungebremsten Wachstum der letzten Jahre verabschieden mussten. Branchenprimus Wolf Theiss, im letzten Jahr noch mit 163 Juristen, muss es mit 152 heuer eine Nummer kleiner geben. Nach 74 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2008 wurden im letzten Jahr nur noch 70 erzielt. Etwas besser lief es für den Hauptkonkurrenten Schönherr, der bei Mitarbeitern (von 113 auf 123) und Umsatz (um sieben Prozent) immerhin leicht zulegen konnte – von den Spitzenwerten der Jahre 2005 bis 2007 ist man aber auch hier weit entfernt.

30 Prozent mehr Personal
Das ermöglichte den Verfolgern auf den Plätzen, den Abstand zu den zwei Großkanzleien etwas zu verringern. Am besten ist das Binder Grösswang gelungen, die – gemessen an der Zahl der Juris­ten – von Rang sieben auf Platz drei zu­legen konnten. Partner Raoul Hoffer ist zufrieden: „Wir haben unser Personal von 2007 bis 2010 um 30 Prozent aufgestockt. Und es ist noch Platz nach oben.“ Auch wenn der erst kürzlich adaptierte fünf­stöckige Kanzleisitz in der Wiener Sterngasse schon wieder gut gefüllt ist. Hoffer: „Experten in Litigation, Corporate, Kartellrecht und Arbeitsrecht nehmen wir aber noch auf.“ Zulegen konnten auch Dorda Brugger Jordis (von Platz 6 auf 4), CMS (von 10 auf 8), Baker McKenzie (von 18 auf 15) und Lansky Ganzger (von 19 auf 14). Auch wenn niemand in der Branche offen von Stellenabbau spricht, so wurden doch vielfach Abgänge nicht nachbesetzt. Darüber hinaus tauchten viele Kanzleien mithilfe von Verlagerungen (weg von ­Kapitalmarkt, M&A hin zu Sanierungen und Arbeitsrecht) und Sabbaticals für ­Mitarbeiter durch die Krise.

Baustelle Osteuropa
Selten polarisierte das Thema Osteuropa-Expansion so wie in diesem Jahr. Ähnlich wie bei Österreichs Banken wirkte sich die Krise in Osteuropa auch massiv auf das Geschäft jener Kanzleien aus, die in CEE mit eigenen Büros vertreten sind. Vor allem Wolf Theiss, Schönherr und CHSH bekamen die Osteuropa-Krise zu spüren. Aber nicht nur die Krise hat sich als Wachstumsbremse erwiesen, auch die lokalen Kanzleien werden stärker und rüsten gegen die Konkurrenz aus dem Westen. Fresh­fields hat deshalb alle Büros in CEE – als Letztes wurde die Niederlassung Bratislava im März 2009 abgestoßen – bis auf jenes in Moskau geschlossen und ist froh darüber. Dennoch wollen Wolf Theiss & Co an den Osteuropa-Standorten festhalten. „Unser Büro in der Ukraine hatte einen etwas schwierigen Start, aber es hat sich ganz gut gehalten“, erfreut sich Wolf-Theiss-Managing-Partner Horst Ebhardt an den kleinen Dingen. Und auch in Albanien, Ungarn und Slowenien entwickle sich das Geschäft gut. Was das Kapitel Osteuropa darüber hin­aus zu einem Minenfeld macht, ist die Tatsache, dass die Österreicher die dorti­gen Büros bzw. Mitarbeiter nicht immer hundertprozentig unter Kontrolle haben dürften. Das hat sich am stärksten bei Schönherr gezeigt, wo nach dem Abgang eines Großteils des Ungarn-Teams auch das Management in der Slowakei und der Ukraine abwanderte. Aber auch Wolf Theiss hatte mit Problemen in Rumänien und Abgängen in Belgrad zu kämpfen.

Hire and fire  
Spektakuläre Abgänge hat man letztes Jahr aber nicht nur in ­Osteuropa-Niederlassungen heimischer Sozietäten gesehen, sondern auch hier­zulande flogen die Fetzen. Immobilien­experte Alfred Nemetschke wurde nach nur zwei Jahren ziemlich unsanft aus der Kanzlei Schönherr entfernt. Die Causa landete vor einem Schiedsgericht, mit ­einer Entscheidung wird in den nächsten Wochen gerechnet. Ohne Schiedsgericht ging hingegen die nicht minder spektakuläre Trennung von fünf Partnern von DLA Piper ab. Stefan Eder, bis vor kurzem noch Managing Partner bei DLA in Österreich, Ivo Deskovic, Martin Geiger, Wieland Schmid-Schmidsfelden und Peter Solt wollten sich von der englischen Zentrale nicht mehr gängeln lassen und fanden jetzt bei Kammerpräsident Gerhard Benn-Ibler („Benn-Ibler Rechtsanwälte“) im früheren Weiss-Tessbach-Büro Unterschlupf. Es geht aber auch ohne Streit: Ulrike Sehrschön, der Vergaberechtsstar von Freshfields, wechselte Ende letzten Jah-res zu Eisenberger & Herzog. Während Schönherr noch mit Nemetschke ver­handelt, folgten vor wenigen Tagen die nächsten News über einen Abgang: An­dreas Baumann, der Leiter des Steuerrechts, wandert zum Konkurrenten Wolf Theiss.

Streit ist auch belebend  
Aber Streitereien, wenn auch vielleicht nicht innerhalb der Kanzleien, können durchaus belebend für das Anwaltsgeschäft sein. Gerichtsverfahren oder Litigation, wie die Anwälte gerne sagen, boomen. Großcausen wie Immofinanz /AWD, Meinl oder Madoff beschäftigen zahlreiche Rechtsvertreter. So hat es die Kanzlei Kraft & Winternitz heuer erstmals unter die größten 20 Kanzleien des Landes geschafft. Was nicht ­verwundert, denn sie vertritt den Finanzdienstleister AWD und benötigt ausreichend Juristen, die nahezu täglich bei Gericht antanzen müssen. Außerdem vertritt die Kanzlei zahlreiche Anleger, die sich durch Devisenoptionsgeschäfte der Bank Austria geschädigt fühlen. Die Anlegerverfahren waren es auch, die der eben erst gegründeten Kanzlei Hochedlinger Luschin Marenzi Kapsch (HLMK) aus dem Stand eine ­Nominierung im Ranking einbrachten: Ingo ­Kapsch, der für Meinl-Anleger im Einsatz ist, schaffte es auf Platz 10 in der Kategorie „Beste Prozessanwälte“. Gestärkt geht auch die kleine Kanzlei Brandl & Talos aus der Finanzkrise hevor: Sie konnte Immofinanz-Chef Karl Petrikovics als Mandanten ­gewinnen und vertritt zahlreiche Banken gegen Angriffe verärgerter Anleger. Der gerechte Lohn: gleich drei Platzierungen unter den Top-10 im FORMAT-Ranking. Und auch Meinl-Anwalt Georg Schima wird wohl für seinen unermüdlichen Einsatz für seinen Promi-Mandanten die eine oder andere Nennung bekommen haben.

Linzer und Frauen an die Macht  
Nachdem das im letzten Jahr neu eingeführte Ranking der Bundesländerkanzleien von vielen Anwälten wohlwollend aufgenommen worden war, gab es heuer ein Dacapo. Wie schon im Jahr 2009 hat sich auch ­heuer gezeigt, dass hier die Linzer Kanzlei Haslinger Nagele in einer eigenen Liga spielt. Auch mehrere ihrer Anwälte schafften es in das Ranking. Was das Anwaltsranking leider nicht ganz widerspiegelt, ist der Trend, dass in den Sozietäten immer öfter auch Frauen das Sagen haben. Heuer haben bei CHSH Edith Hlawati und Irene Welser das Ruder übernommen, bei DLA Piper wurde Claudine Vartian zur Managing Partnerin ernannt.

Angelika Kramer
Mitarbeit: Silke pixner

Das Anwaltsranking im Detail finden Sie im aktuellen FORMAT ab Seite 42

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff