Spenden-Report: Wo Ihr Geld wirklich landet: 10 Organisationen im FORMAT-Check

Weihnachtszeit, Spendenzeit: FORMAT nahm Österreichs zehn größte Organisationen unter die Lupe, recherchierte, wo das Geld wirklich hinfließt, und unterzog die Top Ten einem Transparenz-Check.

Stephanie zu Guttenberg, die Frau des deutschen Verteidigungsministers Karl- Theodor zu Guttenberg, ist derzeit Dauergast in deutschen Talkshows und propagiert den Schutz der Kinder vor Missbrauch. Das ist ihr Thema, dafür steht sie, deswegen hat sie das Buch „Schaut nicht weg“ geschrieben. Überall, wo sie in Erscheinung tritt, ruft sie zum Spendensammeln für ihre Organisation „Innocence in Danger“ auf. Eine Aufgabe, die der Ministergattin sehr liegt, ein Auftritt allein bringt der Organisation bis zu 55.000 Euro ein.

So eloquent und omnipräsent zu Guttenberg ist, so verschlossen ist die Organisation, für die sie um Spenden trommelt: Die Höhe der Gesamtspenden bleibt ebenso im Dunkeln wie genaue Angaben zur Organisationsstruktur und – nicht ganz unwesentlich – zum effizienten Einsatz der Mittel. In der deutschen Presse hagelt es angesichts dieser Intransparenz Kritik für „Innocence in Danger“ und ihr prominentes Aushängeschild – und das gerade jetzt, zur Weihnachtszeit, in der die Kassen der Spendenorganisationen traditionell am lautesten klingeln. Sofort fühlt man sich auch in Österreich an Spendenskandale wie jenen um die Organisation World Vision erinnert, der immer noch tief sitzt, obwohl er mittlerweile zwölf Jahre zurück liegt.

Spenden und ihre Verwendung ist und bleibt ein heikles Thema. Wo Menschen freiwillig Geld geben, um anderen zu helfen, wiegt jede Unachtsamkeit, jede Misswirtschaft und jedes Hinters-Licht-Führen doppelt schwer. Fragwürdigkeiten wie bei „Innocence in Danger“ können schnell auf die ganze Branche abfärben. Transparenz ist nicht zu Unrecht gerade in diesem Markt zum essenziellen Schlagwort geworden. Sie spielt eine ausschlaggebende Rolle bei der Entscheidung, welcher Organisation man seine Weihnachtsspende anvertrauen will.

Spendenvergleich

FORMAT hat sich deshalb die zehn größten österreichischen Organisationen genauer angeschaut: Ganz einfach zu vergleichen sind die Daten, die sich auf den Websites der Organisationen oftmals erst nach längerem Suchen finden lassen, nicht. Die Aufschlüsselung der Kosten ist häufig unterschiedlich. Aber eines vorweg: Österreichs Spender können beruhigt sein: Der vereinfachte Vergleich der Mittelverwendung zeigt, dass sich sowohl Verwaltungs- als auch Spendenwerbungskosten absolut im Rahmen halten.

Zwischen 77 Prozent bei Ärzte ohne Grenzen und 91 Prozent bei Licht für die Welt fließen pro gespendeten Euro direkt in die unterstützten Projekte. „Es ist wichtig, dem Spender gegenüber diese Rechenschaft abzulegen“, sagt Gabriela Sonnleitner, Kommunikationschefin der Caritas. Auch wenn der Zahlenvergleich allein noch keine Auskunft über die Qualität der Hilfsprojekte gibt und kleinere Organisationen naturgemäß höhere Fixkosten haben – zumindest zeigt er, wie effizient eine Organisation mit den gespendeten Mitteln umgeht.

Markt heiß umkämpft

Das macht die Qual der Wahl vielleicht einfacher: Der österreichische Spendenmarkt ist nämlich heiß umkämpft. „Es gibt ungefähr 110.000 gemeinnützige Vereine, und rund 1.000 davon sammeln Gelder“, sagt Günther Lutschinger, Präsident des Fundraising Verbands Austria (FBA), der gemeinnützige Einrichtungen und Agenturen vertritt, die um rund vier Millionen Spender buhlen.

Jedes Jahr drängen weitere Organisationen auf den Markt, zahlreiche davon sind international tätig. Neue Spendenfelder entwickeln sich zudem im Bildungsbereich und bei Krankenhäusern, die manche, nicht mehr von der Krankenkasse gedeckte Behandlungen nun durch Spenden finanzieren.

„Die Spender überlegen sich immer genauer, welche Non-Profit-Organisation (NPO) und welches Projekt sie unterstützen“, sagt Lutschinger. „Die Zeiten, in denen man Organisationen blind vertraute und zum Beispiel beim Roten Kreuz eine lebenslange Mitgliedschaft abschloss, sind vorbei.“ Vor allem jüngere Spender wollen Ergebnisse sehen, wissen, was aus ihrer Spende wird. Umso wichtiger werde die Rechenschaft, die Organisationen über den effizienten Einsatz ihrer Mittel ablegen.

Jene Organisationen, die wollen, dass ihre Spende von der Steuer absetzbar sein soll, müssen ohnehin einen Mindeststandard an Transparenz erfüllen und sich einer umfangreichen Wirtschaftsprüfung unterziehen. Insgesamt sind das 1.016 Einrichtungen. Allein im Jahr 2009 sind 516 wegen der neuen steuerlichen Absetzbarkeit dazugekommen. „Die Prüfung durch das Finanzamt sagt allerdings nur aus, dass die formellen Kriterien erfüllt sind, von einem Qualitätssiegel kann nicht die Rede sein“, sagt Florian Bittner, Leiter des Österreichischen Instituts für Spendenwesen (ÖIS), das Spendenorganisationen in Sachen Transparenz und Qualitätsstandards berät.

Diese Aufgabe sollte eigentlich das sogenannte Österreichische Spendengütesiegel übernehmen: Initiiert von mehreren NPOs, ist es in der Kammer der Wirtschaftstreuhänder beheimatet. Geprüft wird neben der ordentlichen Geschäftsgebarung hauptsächlich der satzungsgemäße Einsatz der Mittel sowie die Einhaltung ethischer Grundsätze in der Werbung. 215 Organisationen sind zurzeit mit dem Siegel ausgezeichnet.

Je nach Größe der Organisation – und Großzügigkeit des Wirtschaftsprüfers – kosten die Prüfungen zwischen 2.500 und 7.000 Euro. Vor allem kleinere Vereine wie jener von Ute Bock können sich nicht beide Prüfungen, also jene für die Finanz und jene für das Gütesiegel, leisten und müssen wählen. „Unternehmen fragen immer wieder nach, ob die Spenden steuerlich absetzbar sind – und nicht nach dem Spendengütesiegel“, sagt auch Harald Jankovits, Geschäftsführer des Kinderhospizes Sterntalerhof.

Das Gütesiegel hat dennoch einiges zu mehr Transparenz auf dem österreichischen Spendenmarkt beigetragen. „Noch vor wenigen Jahren war es undenkbar, dass Vereine ihre Finanzberichte veröffentlichen, mittlerweile sind aber die größten 200 Organisationen geprüft und legen ihre Rechenschaftsberichte vor“, sagt Florian Bittner vom ÖIS. Dennoch: Durch die Doppelgleisigkeit der Prüfungen bleibt ein negativer Beigeschmack. Bittner fordert, dass beide Prüfungen koordiniert werden. Im Finanzministerium stößt man damit freilich auf taube Ohren.

Transparenz

Ein umfangreiches Bild für den Spender vermitteln aber auch die beiden Listen der geprüften Organisationen nicht. Noch immer fehlt es an einer umfassenden Orientierung für den Spender, der über die Medien gerade jetzt mit Spendenaufrufen überhäuft wird. Die Hauptkritikpunkte: Das Spendengütesiegel ist nach wie vor relativ unbekannt, und auf den Websites der Organisationen sind die wesentlichen Zahlen meist gut versteckt. Jahresberichte sind – wenn überhaupt vorhanden – häufig schwer zu finden und in der Methodik so unterschiedlich, dass sie kaum vergleichbar sind. Eine zentrale „Vergleichsstelle“, wie sie in den USA längst gang und gäbe ist, fehlt völlig. Ebenso eine Liste der „schwarzen Schafe“. Klaus Hübner, Präsident der Kammer der Wirtschaftstreuhänder: „Wir wollten die Orientierung dahingehend geben, dass wir zeigen, wer es gut macht. Alles andere wäre rechtlich schwierig.“

Tatsächlich ist nämlich kein Verein dazu verpflichtet, seine Zahlen offenzulegen, es passiert auf freiwilliger Basis, auch in Deutschland. Stefan Loipfinger, Charity Watch Deutschland: „Da ist es natürlich sehr leicht, so ein Spendenvehikel zu missbrauchen und das große Geld selbst einzustecken.“ Er sieht Deutschland hier einen Schritt voraus: „In Österreich bekommen Vereine ein Gütesiegel, die in Deutschland niemals eines bekämen.“

Beispiel: Barmherzigkeit International ist ein Verein, der in Österreich gegründet wurde und hier auch ein Spendengütesiegel bekommen hat. Er fiel in Deutschland durch zu aggressive Spendenwerbung und eine undurchsichtige Organisation auf und bekam deshalb keines. Für die Zertifizierung ist in Deutschland das Zentralinstitut für Soziale Fragen, eine Art TÜV für Spenden, zuständig.

Es verfügt über einen eigenen Mitarbeiterstab mit speziellem Know-how in Sachen Spenden – was der österreichischen Kammer der Wirtschaftstreuhänder fehlt. Absolute Transparenz gibt es aber auch hier nicht, weil die Finanzierung großteils über die geprüften Vereine selbst erfolgt.

Spendenland Österreich

Ob geprüft oder nicht, in Österreich haben alle Spendenorganisationen um die Aufmerksamkeit und das Vertrauen von immer weniger Spendern zu kämpfen: Vor zehn Jahren leisteten rund 81 Prozent der Bevölkerung zumindest einmal im Jahr einen Beitrag, 2009 waren es nur noch 61 Prozent. „Die Österreicher sind zwar nicht die Spendenweltmeister, für die sie sich halten“, sagt Spendenexperte Lutschinger, „aber zum Glück hat sie auch die Wirtschaftskrise nicht davon abgehalten, etwas zu geben.“ Im Gegenteil: Das Spendenvolumen erhöhte sich im Krisenjahr 2009 gegenüber dem Vorjahr um 8,6 Prozent auf 380 Millionen Euro. Neben den klassischen Spendenmotiven Sympathie, Solidarität und dem Aufruf einer Hilfsorganisation haben laut einer Studie des Linzer Sozialforschungsinstituts Public Opinion die Gründe „Mitleid“ und „Der Staat tut zu wenig“ als Motive stark an Bedeutung gewonnen.

Erst 2009 hat dieser sich dazu durchgerungen, auch Zuwendungen an Organisationen mit mildtätigem Zweck steuerlich absetzbar zu machen. Im Spendenvolumen hat sich das noch nicht wesentlich niedergeschlagen, bei den Spendenzielen ist aber eine Verschiebung bemerkbar. „Organisationen für Umwelt- und Tierschutz leiden unter der Benachteiligung, dass Spenden an sie nicht absetzbar sind. Wir fordern, dass sich das rasch ändert, damit auch diese vom positiven Spendentrend profitieren“, sagt Lutschinger.

Für 2010 prognostiziert der Dachverband der Fundraiser einen weiteren Spendenanstieg auf 400 Millionen Euro. Der Zuwachs ist unter anderem auf die kurzfristige Katastrophenhilfe für die Erdbebenopfer in Haiti und den Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe in Pakistan zurückzuführen. Am liebsten spenden die Herren und – signifikant zahlreicheren – Frauen Österreicher aber nach wie vor für Projekte, die Kindern zugutekommen.

Gleich danach kommen die lieben Tiere, für die die Nation der Kleinspender gerne zwischen 15 und 20 Euro pro Jahr ausgibt. Eher klamm sind die Österreicher, wenn es um Einrichtungen für Suchtkranke geht. „Überhaupt gilt: Je weiter ein Projekt vom täglichen Leben und der aktuellen Nachrichtenlage weg ist, desto schwieriger ist es, Spenden zu bekommen“, so Gabriele Sonnleitner von der Caritas.

Auch wenn der Spendenmarkt wächst, leichter wird das Sammeln damit für die Organisationen nicht: Der aktuelle Budgetvorschlag, zehn Prozent der staatlichen Entwicklungshilfe einzusparen, wird für noch mehr Wettbewerb unter ihnen sorgen. Und damit wiederum für mehr Informationsbedarf bei den Spendern.

– Martina Bachler, Angelika Kramer

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