SOS Industrie: Strukturwandel dürfte dauerhafte Sektorschrumpfung verursachen

Auftragsrückgänge um bis zu 60 Prozent, massenhaft Kündigungen und drohende Insolvenzen – die heimischen Flaggschiffe der Industrie sind in Not.

Es ist ziemlich finster, als Thomas Fahnemann ( im Bild ) vor einigen Wochen mit einer Hand voll Bergwerksleuten erstmals die Stollen im steirischen Brei­tenau besucht. Große Lampen sind notwendig, damit der Chef des Feuerfestkonzerns RHI die konzerneigenen Magnesitlagerstätten richtig inspizieren kann. Seit 100 Jahren wird dort Untertagebau betrieben.

Bittere Realitäten
Bei Fahnemanns erstem Werksrundgang – der ehemalige Lenzing-Boss trat Anfang des Jahres bei der RHI an – sahen auch schon viele Mitarbeiter schwarz. Sie fürchteten damals, was seit kurzem bittere Realität ist: Der traditionsreiche Industriekonzern wird rund 1.000 Leute entlassen, 250 davon in Österreich. Zusätzlich evaluiert Fahnemann derzeit alle Standorte. Das Ergebnis könnte ebenfalls trist aussehen. „Unsere Wachstumsmärkte liegen in Asien und Südamerika. So macht es unter Umständen mehr Sinn, bestimmte Produkte oder Produktlinien an einem an­deren Standort als bisher herzustellen“, meint Fahnemann offen. In spätestens vier Monaten will er ein Konzept vorlegen. Quer durch alle Sparten ergeht es Industrieunternehmen derzeit wie der RHI: Durch den dramatischen Einbruch der Weltmärkte verzeichnet die stark exportorientierte heimische Sachgüterproduk­tion seit mehreren Monaten Auftragsrückgänge von bis zu 60 Prozent (siehe Grafik ) . Die Folge: Kurzarbeit, Kündigungen und Verlagerungen, Liquiditätsschwierigkeiten und sogar Insolvenzen. Die Fragen brennen: Wie überleben die heimischen Konzerne den ärgsten Konjunktureinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg? Und hat die Industrie in Österreich angesichts des seit Jahren stattfindenden Strukturwandels langfristig überhaupt eine Chance? „Die Industrie wird nach der Krise nicht die gleiche sein wie vor der Krise. Soviel ist sicher“, warnt Wirtschaftsminister Reinhold Mitter­lehner (ÖVP). Doch was ist zu retten?

Die goldenen Zeiten sind vorbei
Die Flaggschiffe der Industrie wie Magna, RHI, Voest, Wienerberger und Böhler-Uddeholm blicken jedenfalls auf fette Jahre zurück. Seit 2004 wuchs die Sachgüterproduktion wesentlich stärker als das Bruttoinlandsprodukt, 2008 etwa um drei Prozent. Während in anderen EU-Ländern die Kernindustrie stetig an Boden verliert, trägt sie in Österreich seit Jahren konstant rund 20 Prozent zur heimischen Wertschöpfung bei und beschäftigt 15 Prozent der Erwerbstätigen, gut 420.000 Menschen. Viele Konzerne haben sich seit der EU-Ostöffnung zur weltweiten Marktführerschaft hinaufgearbeitet. Doch mit dem Ausbruch der Finanzkrise im Herbst scheint die Erfolgsstory der Industrie einzubrechen wie ein Kartenhaus: Im ersten Quartal fiel die Produktion im Vergleich zum Vorjahresmonat im Schnitt um sechs Prozent. Dabei trifft es vor allem Autozulieferer, Kunststoffverarbeiter, die chemische Industrie und Maschinenbauer. „Die Hersteller von Konsumgütern können sich trotz der Krise noch ganz gut behaupten“, sagt Walter Woitsch vom Wiener Beratungsunternehmen SynGroup. Doch der Strukturwandel, so Woitsch, werde sich beschleunigen (siehe Grafik ) . Was das bedeutet, zeigt sich im Kleinen an der Salzburger Stadt Hallein. Die sogenannte Tertiärisierung der Wirtschaft, also eine Verschiebung hin zu einem höheren Dienstleis­tungsanteil am Bruttoinlandsprodukt, geht weiter, denn Massenfertigung ist aufgrund der internationalen Konkurrenz in Europa nicht mehr haltbar und wird weiter in Billiglohnländer wie China und Indien transferiert. „Die Verlagerungen sind noch nicht abgeschlossen“, erklärt Manfred Engelmann, Geschäftsführer der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer.

Furcht vor dauerhaften Jobverlusten
Seine Sorge: Jobs, die derzeit in der Produktion gestrichen werden, sind auch nach der Wirtschaftskrise verloren. Ein gutes Beispiel für diese These ist der Tiroler Kris­tallhersteller Swarovski: Ende März wurde angekündigt, dass in Österreich erneut 1.100 Stellen abgebaut werden. Gleichzeitig wird eine Produktion in Osteuropa aufgebaut. Man müsse so agieren, um den Billiganbietern Paroli bieten zu können, verteidigt sich Unternehmenssprecher Markus Langes-Swarovski. Natürlich werde es in Österreich weiter Industrie­betriebe geben, meinen Experten. Schon allein wegen der teuren Transportkosten ist eine Produktion mitten in Europa in manchen Bereichen notwendig. Doch dass es künftig weniger Industriearbeitsplätze gibt, steht außer Zweifel. Im Moment sei die Stimmung in der europäischen Industrie „an einem neuen Tiefpunkt angelangt“, sagt Stefan Bruckbauer, Ökonom der Bank Austria. Die Kündigungswellen sind weiter im Rollen: Allein der steirische Autozulieferer ­Magna muss 900 Jobs in Österreich streichen und bittet die restlichen Mitarbeiter um Gehaltsverzicht, der Betriebsrat lehnt diesen Schritt ab. Der Autozulieferer Polytec trennt sich gar von 2.000 Beschäftigten (siehe Tabelle ) . Andere Betriebe versuchen es noch mit Kurzarbeit, in der Hoffnung, dass man nach Ende der Krise wieder wie früher produzieren kann. Nur ob das wirklich ­gelingt, ist fraglich. Jetzt stöhnen die ­meisten Konzernlenker unter den hohen Kosten. „In anderen Ländern kann man eins zu eins zurückfahren“, meint der Chef des steirischen Leiterplattenherstellers AT&S, Harald Sommerer.

Industriestiftung soll helfen
Doch wegbrechende Nachfrage und hohe Fixkosten bei den Mitarbeitern sind nicht die einzigen Probleme: Liquidität ist knapp geworden, viele Unternehmen können sich derzeit nur kurzfristig finanzieren – und das auch nur zu hohen Kosten. In den nächsten Monaten wird dieses Problem schlagend, weil manche Inves­titionen nicht mehr verschoben werden können. „Viele Betriebe, etwa aus der Zulieferindustrie, haben in der letzten Hochkonjunktur ihre Eigenkapitalstruktur nicht verbessert. Das rächt sich jetzt“, erläutert Rupert Petry aus dem Wiener Büro des Consulters Roland Berger. Industrievertreter fordern nun vehement, dass die Staatsgarantien in Höhe von zehn Milliarden Euro für Kredite und Anleihen für Leitbetriebe – sie wurden kürzlich politisch beschlossen – rasch umgesetzt werden. Eine Idee, wie man das Geld zu den Betrieben bringen kann, hat Manfred Reichl, Senior Adviser beim World Economic Forum in Davos. Er hat eine „Österreichische Industriestiftung“ konzipiert, die mithilfe der staatlichen Garantien Anleihen am Markt ­platziert und sich mit diesem Geld an Unternehmen beteiligt. „Dadurch könnte verhindert werden, dass mittelständische Industriebetriebe in ein Loch fallen“, so der Berater. Denn Alternativen, an Liquidität zu kommen, gibt es nicht viele. „Eine Voest kann sich selbst helfen, ein kleiner Industriebetrieb tut sich viel schwerer, Anleihen zu begeben“, sagt Reichl. Nach der Krise, so die Pläne, sollten die ursprünglichen Eigentümer wieder ihre Anteile von der Stiftung zurückkaufen können. Derzeit werde mit der Industriellenvereinigung noch über Details verhandelt, sollte es grünes Licht geben, könnte die Industriestiftung im Herbst starten.

Hoffnungsschimmer am Horizont
Ein Lichtblick für die gebeutelten Unternehmen sind die Rohstoffpreise, die stark gefallen sind. „Das wirkt sich auf viele Branchen positiv aus“, sagt Woitsch. Die große Hoffnung ist, dass neue Arbeitsplätze durch neue Technologien entstehen. Denn auch innerhalb der Industrie findet ein Strukturwandel statt: Der Anteil der Sektoren mit besonders hoher Innovations­intensität an der Wertschöpfung stieg von 8 Prozent 1995 auf 9,2 Prozent 2005. Unternehmen aus der Pharmaindustrie, der Energieversorgung und der Umwelttechnik werden langfristig gut dastehen. Beispiele dafür: der Antriebs-Spezialist AVL List, der 2008 die meisten Patente in Österreich anmeldete. „Doch auch Flaggschiffe aus dem Grundstoffbereich, wie die Voest, werden gestärkt aus der Krise gehen“, meint der Chef der Industriellenvereinigung, Markus Beyrer.

Von Miriam Koch, Arndt Müller und Barbara Nothegger

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