Solarkraftwerke in Nordafrika/Südeuropa sollen Europa mit Strom versorgen

Ein Projekt, so kühn wie einst die Mondlandung: Tausende Solarkraftwerke in Nordafrika und Südeuropa sollen Europa 2050 mit Strom versorgen.

Schon von fern glitzert im spanischen Hinterland die Hoffnung. Wer auf der A4 von Sevilla in Richtung Süden aufbricht, steht binnen einer halben Stunde mitten in der Energieerzeugung von morgen. Spiegel reiht sich hier an Spiegel, über 400.000 Quadratmeter gekrümmte Kollektor Fläche, die schon bald die Kraft der Sonne sammeln und in Strom für 200.000 Menschen verwandeln soll.

Geht es nach der Industrieinitiative Desertec, ist Lebrija 1, so der Name des Solarkraftwerks, erst der Anfang. Denn die 50 Megawatt Leistung mögen zwar den Verbrauch einer Kleinstadt decken, gemessen am wachsenden Energiehunger Europas sind sie aber nicht mehr als ein Tropfen in der Wüste.

Lebrija ist trotzdem bedeutend für das Projekt Desertec, das künftig einen erklecklichen Teil des europäischen und nordafrikanischen Strombedarfs decken soll. Die südspanische Solarfarm ist eines jener Versuchsprojekte, in denen getestet wird, wie sich Solarenergie im industriellen Maßstab ausbeuten lässt.

Nur 15 Minuten dauert es hier, bis ein Kollektor aus 28 einzelnen Spiegeln montiert, eine weitere Viertelstunde, bis der Sonnensammler mittels spezieller Kräne auf dem Feld installiert ist. Einmal eingerichtet, bündeln die Kollektoren das Sonnenlicht und erhitzen damit ein Spezialöl, welches schließlich konventionelle Dampfturbinen antreibt. Im Gegensatz zu Fotovoltaik oder Wind lässt sich bei solchen Solarthermiekraftwerken die Energie bis zu 24 Stunden speichern – und steht auch dann zur Verfügung, wenn die Sonne einmal nicht scheint.

Industrie-Utopie

Statt der 250 Millionen Euro, die während der zweijährigen Bauzeit in Lebrija investiert wurden, könnten die Kosten für derartige Kraftwerke am Ende des Jahrzehnts um ein Drittel niedriger liegen als heute, schätzt man beim Lebrija-Entwickler Siemens. „Die Idee, Strom aus dem Sonnengürtel der Erde zu importieren, ist bereits in den 70er-Jahren im Umfeld des Club of Rome entstanden“, erzählt Bernd Utz, Leiter des Projekts Desertec bei Siemens Renewable Energy: „Wir als Industrie sind aber erst aufgesprungen, als die wirtschaftliche Machbarkeit bewiesen war.“

Kein Solarkolonialismus

Siemens zählt zu den Gründungsmitgliedern der Desertec-Initiative, ebenso Finanzschwergewichte wie die Münchner Rück oder die Deutsche Bank und Energieriesen wie E.On und RWE. Ihr Versprechen wirkt ebenso weitsichtig wie tollkühn: Tausende Wind- und Solarfarmen im gesamten Mittelmeerraum sollen Mitte des Jahrhunderts 700 Terawattstunden Strom jährlich nach Europa liefern, mehr, als 100 Atommeiler zusammen erzeugen. Desertec soll so 15 Prozent des europäischen Bedarfs decken, „natürlich erst, nachdem der Energiehunger Nordafrikas gestillt ist“, weist Utz jeden Verdacht eines drohenden Solarkolonialismus von sich.

400 Milliarden Euro wird das Mammutvorhaben nach Berechnungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Summe kosten, 350 Milliarden für den Bau der Kraftwerke, den Rest für die Installation sogenannter HGÜ-Kabel – Stromautobahnen, die den begehrten Saft über 2.000 Kilometer verlustarm in die europäischen Verteilzentren transportieren sollen. Wegen seines kolossalen Ausmaßes wird das Vorhaben gern mit der Mondlandung verglichen. „Wir schaffen das“, sagt Utz trotzdem zuversichtlich, „wir haben schon 1874 das erste Telegrafenkabel über den Atlantik verlegt – ein für die damalige Zeit ebenso gewagtes Unter fangen.“

Afrikanischer Anfang

So logisch das Konzept auch klingt – theoretisch könnte eine in der Sahara installierte Kollektor-Fläche von der Größe Österreichs den Strombedarf der gesamten Menschheit decken – viele bleiben in Anbetracht der Herausforderungen, die auf Siemens und Co warten, mehr als skeptisch.

Eine entscheidende Frage ist, wie sich Staaten am besten in das Konzept einbinden lassen, die zum Teil nicht einmal über verlässliche demokratische Strukturen verfügen. Dieser Tage touren Paul van Son und Rainer Aringhoff, die zwei Vorstände der Desertec Industrial Initiative (DII), durch die Mittelmeeranrainerstaaten, besichtigen potenzielle Standorte und versuchen vor allem, die politischen Entscheider von den Vorzügen ihres Sonnenprojekts zu überzeugen.

„In Nordafrika versteht man genau, dass Desertec große Chancen für die eigene wirtschaftliche Entwicklung bietet“, so DII-Mann van Son hoffnungsvoll. „In erster Linie geht es den Afrikanern um Arbeitsplätze und Technologietransfer“, sagt Hansjörg Müller, Mitarbeiter der Entwicklungshilfegesellschaft GTZ und Energieberater der tunesischen Regierung, „erst dann um mögliche Einnahmen aus dem Energieexport.“

Die Chancen für neue Arbeitsplätze stehen nicht schlecht: Statt wie vorher auf Baumwollplantagen arbeiten im spanischen Lebrija nun viele ehemalige Hilfskräfte als Monteure. Für die Aufsicht und den Betrieb der Solarfarmen sind wiederum hochqualifizierte Kräfte vonnöten – in Summe fördert Desertec so Qualifizierung auf mehreren Ebenen.

Weniger aussichtsreich sind hingegen die Chancen auf den Stromexport. Im Zuge der demografischen und ökonomischen Entwicklung steigt der Energiehunger Afrikas rapid, 2050 soll der Stromverbrauch im Norden des Kontinents auf dem Niveau Europas liegen. Gleichzeitig steckt der Ausbau von Solarkraftwerken dort noch in den Kinderschuhen, wenn auch die Weltbank dafür in den kommenden Jahren mehr als 5,5 Milliarden Dollar lockermachen will.

Erste Solarkraftwerke entstehen gerade im ägyptischen Kureimat, im algerischen Hassi R’mel und dem marokkanischen Ain Beni Mathar, die Tunesier arbeiten an Machbarkeitsstudien. Doch schon in zehn Jahren, so der Plan, sollen 60 Terawattstunden jährlich das europäische Festland erreichen, immerhin etwa ein Zehntel der für 2050 prognostizierten Strommenge. Damit die dafür benötigten Kraftwerke zahlreich aus dem Wüstengrund sprießen, müssen jetzt entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden, ob Stromabnahmegarantien, Bürgschaften oder Einspeiseregelungen, die derartige Investments erst lohnenswert machen.

Europäischer Widerstand

Doch selbst wenn alle technischen, finanziellen und politisch-kulturellen Herausforderungen gemeistert werden – Kritiker wie Hermann Scheer, Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien, befürchten, Desertec binde finanzielle Mittel, die besser für den innereuropäischen Grünstrom-Ausbau eingesetzt werden könnten.

Auch Tomas Müller, Vize-Generalsekretär von Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung der E-Wirtschaft, zählt zu den Zweiflern, wenn auch aus einem völlig anderen Grund: „Für Desertec muss die europäische Leitungskapazität verdreifacht werden, was erheblichen Widerstand in der Bevölkerung auslösen könnte.“ Möglich, dass er Recht behält – allein der Ausbau der Burgenland-Leitung hat zwanzig Jahre gedauert.

– Arndt Müller

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