"Solange es Diskriminierung gibt, ist Homosexualität Thema“

"Solange es Diskriminierung gibt, ist Homosexualität Thema“

Berlins SPD-Oberbürgermeister Klaus Wowereit oder Ex-FDP-Außenminister Guido Westerwelle: Schwule Spitzenpolitiker sind in Deutschland kein Thema mehr, in Österreich hingegen outen sich die Regierenden weniger gern und wenn, eher nach ihrer aktiven Zeit.

Dass österreichische Spitzenpolitiker und Top-Manager so selten zu ihrer Homosexualität stehen, habe mit der Angst vor einem Autoritätsverlust zu tun, meint Neos-Bundesgeschäftsführer Feri Thierry, der selbst schwul ist: "Dabei ist das Gegenteil der Fall.“ Dem Fußballer Thomas Hitzlsperger, der die aktuelle Debatte ins Rollen brachte, werde seiner Ansicht nach nun deutlich mehr Respekt gezollt wird als vor dem Coming-out. "Nicht weil er schwul ist, sondern weil er dazu steht. Das stärkt die Autorität.“

Eine der ersten heimischen Spitzenpolitikerinnen, die ihre Liebe zum gleichen Geschlecht öffentlich machte, war die Grüne Ulrike Lunacek 1995. "Offene Diskriminierung habe ich damals nicht erlebt“, sagt sie heute. "Es gab aber Drohbriefe und später den einen oder anderen Zwischenruf im Plenum.“ Unterstützung erhielt die jetzige EU-Spitzenkandidatin damals auch von ihrem Vater, einem ÖVP-nahen Raiffeisen-Ware-Generaldirektor: "Er hat gemeint:, Es ist gut, dass du das offen ansprichst, weil du dir dadurch den Rücken freihältst‘. Ungewöhnlich für jemanden aus dem Raiffeisen-Sektor.“

Mit den "Grünen andersrum“ gibt es in der Partei eine eigene Arbeitsgruppe für Schwule, Lesben und Transgender-Personen. Marco Schreuder, Grüner Bundesrat, trieb der Kampf für Gleichstellung in die Politik. "Als ich 2005 als erster schwuler Kandidat für den Wiener Gemeinderat kandidierte, war das noch ein Riesending.“ Heute sei für ihn bahnbrechend, dass es auch im rechten Lager Outings gibt: Gerald Grosz, nunmehr BZÖ-Chef, machte im Vorjahr die Verpartnerung mit seinem Freund öffentlich. Schreuder: "Er hat damit demonstriert, dass Schwule überall in unserer Gesellschaft sind, nicht nur unter Flugbegleitern, Frisören und Floristen.“ Grosz selbst sieht sein Coming-out weniger revolutionär. "In meinem Umfeld hat ja jeder von meiner sexuellen Orientierung gewusst.“

Grosz glaubt, viele Politiker würden ein Doppelleben führen. Schuld sei die ÖVP, die konservative Kreise nicht vergrämen will. "Vielerorts wird öffentlich die Kernfamilie gelebt, und im Privaten geschehen ganz andere Dinge“, so Grosz. Doch auch in der ÖVP finden sich Schwule, die zu ihrer Sexualität öffentlich stehen. Sven Pöllauer, etwa. Er ist ÖVP-Mitglied und schwul, wie er seit kurzem in seinem Twitter-Profil angibt. Probleme in der Partei hatte der Pressesprecher (vormals von Ex-Justizministerin Karl, jetzt Familienministerin Karmasin) deshalb nie, sagt er. "Ich bin auch beim Cartellverband und gehe mit meinem Freund zu Verbindungsfeiern oder auch zu Parteiveranstaltungen. Dort war das noch nie Thema.“ Die ÖVP habe sich in Fragen der Gleichbehandlung in den vergangenen Jahren am meisten bewegt: "Von totaler Ablehnung bis hin zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und der Stiefkinder-Adoption.“

Ein Thema für die Politik werde Homosexualität allerdings bleiben - zumindest vorerst. "Solange es Diskriminierung von Schwulen und Lesben gibt, so lange sie die Reaktionen auf ihr Coming-out fürchten, solange ist das Thema keine reine Privatangelegenheit“, sagt Feri Thierry von den Neos.

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