Sightseeing: Tatorte der Gangster im Nadelstreif

Sightseeing: Tatorte der Gangster im Nadelstreif

Am Platz vor der Bank of England geht es hektisch zu. Männer mit dunklen Anzügen und Frauen in grauen Kostümen strömen aus der U-Bahn-Station.

Mitten im Gewimmel steht David Buik und stützt sich auf seinen Regenschirm. Ein dunkelblauer Zweireiher spannt sich über den mächtigen Bauch des 68-jährigen Briten. Buik räuspert sich vernehmlich - und seine Zuhörer schweigen gespannt.

Die Reise in die Abgründe des Londoner Bankenviertels kann beginnen. "Wir stehen hier an einem geschichtsträchtigen Ort“, sagt Buik. Auf dem heutigen Grundstück der Bank of England sei 1711 die South Sea Company gegründet worden. Sie habe die Finanzwelt neun Jahre später in einen der ersten Börsencrashes der Geschichte geführt - die Südseeblase. "Was ich Ihnen als erste Lektion mit auf den Weg geben will, ist Folgendes: Krisen sind nichts Neues. Sie sind seit jeher ein Teil der Wirtschaftszyklen.“

Buiks Zuhörer nicken andächtig. Peter, 64, Käsehändler aus Cheltenham, und Duncan, 57, ein Schauspieler aus London, haben jeweils 500 Euro für die zweitägige Finanzkrisentour gezahlt. Das Prospekt verspricht Antworten auf die große Frage, wie es 2008 zum Zusammenbruch der Märkte kommen konnte.

Ausgedacht hat sich das Konzept ein Mann im Nadelstreifenanzug, der die Gruppe begleitet. Nicholas Wood, 42, arbeitete bis 2008 als Balkan-Korrespondent für die "New York Times“. Vor drei Jahren gründete der Brite die Firma "Political Tours“, die Bildungsreisen an die Krisenherde dieser Welt organisiert. Heuer war er schon in Libyen, Nordkorea und Griechenland. "Wir gehen dahin, wo es wehtut.“ Heute steht das Londoner Bankenviertel am Programm. Bei jeder Tour sucht sich Wood lokale Experten.

Broker als Tourguide

Buik ist dafür prädestiniert: "Mit 50 Jahren Erfahrung als Stockbroker kenne ich die City wie meine Westentasche.“ Den größten Umschwung erlebte er in den 80er-Jahren. "Bis dahin war die City ein überschaubarer Ort, wo Geschäfte per Handschlag unter Gentlemen abgewickelt wurden.“ Früher sei er morgens in die Londoner Börse gegangen, habe ein paar Geschäfte mit den Jungs gemacht, und dann ging man mittagessen. "Der Computerhandel kam wie ein Tsunami über die Stadt.“

Die technische Revolution sei mit dem sogenannten Big Bang von 1986 einhergegangen, als Premierministerin Margaret Thatcher die britischen Finanzmärkte deregulierte. "Seitdem hat sich das Handelsvolumen verzehnfacht.“ Buik ist überzeugt, dass damals der Keim für die Finanzkrise vor vier Jahren entstand. "Der Handel findet nur noch am Computer statt, die Geschäftspartner kennen sich nicht mehr, durch den Wust an neuen Finanzprodukten ist der Markt unübersichtlich geworden.“

Schuld an der Finanzkrise haben seiner Meinung nach aber die Politiker. "Wenn ich einen Menschen verprügeln dürfte, wäre das Alan Greenspan.“ Der ehemalige US-Notenbankchef habe die Banken ermutigt, an alles und jeden Geld zu verleihen. "Dieser Irrsinn hat die Immobilienblase in den USA verursacht, die alles ins Rollen brachte.“ Es wäre Aufgabe der Politiker gewesen, den Banken Grenzen zu setzen. Stattdessen haben sie den Bankern vertraut. Ein gewagtes Schlusswort. Buik nimmt seinen Schirm und geht. Zum Abschied findet er noch ein paar versöhnliche Worte: "Blasen wird es immer geben, aber wir werden aus dieser Krise lernen.“

Während Buik abzieht, geht es für die Gruppe in den Hochhausturm der Vermögensverwaltung Seven Investment Management. Bei Ingwerkeksen und Kaffee erklärt Derivate-Experte Chris Darbyshire, was Mortgage Backed Securities (MBOs) und Collateralized Debt Obligations (CDOs) sind. Es geht ein bisschen zu wie in der Schule, "Political Tours“-Chef Wood schreibt Stichworte zur besseren Übersicht an die Tafel. Peter und Duncan schauen trotzdem verwirrt und knabbern an ihren Keksen. MBOs, sagt Darbyshire, sind Wertpapiere, die Hypotheken bündeln und so deren Ausfallrisiken minimieren. Bei den CDOs werden diese MBOs in Pools gepackt und zu neuen Paketen zerschnitten. "So wusste am Ende niemand, was sich in den Finanzprodukten verbirgt.“ Im Falle des US-Immobilienmarktes seien es Zeitbomben gewesen. "Das eigentliche Problem waren aber die Ratingagenturen, die dem Ramsch gute Noten gaben“, schließt er. Duncan und Peter nicken beeindruckt.

Am nächsten Tag trifft sich die Gruppe vor dem Bahnhof Liverpool Street, und dann geht es zum Lunch ins Coq D’Argent, das Dachterressenrestaurant vis-à-vis der Börse. "Ohne Voranmeldung lassen die niemanden mehr rauf“, sagt Wood ernst. Bekannt wurde das Coq D’Argent, weil sich seit der Finanzkrise mehrere verzweifelte Banker hier vom Dach in den Tod stürzten. Erst Anfang Oktober sprang wieder einer.

Zum Lunch hat Wood den Wirtschaftsprofessor Chris Roebuck geladen. Der Akademiker referiert erneut über die Gründe der Finanzkrise, es wiederholt sich alles ein bisschen. Wichtig sei ihm vor allem eine Botschaft: "Nur 0,25 Prozent der Banker weltweit haben die Zeitbombe geschaffen, die zum Crash führte.“ Der Rest der Banker sei so sehr schuld wie du und ich. Die Tour schließt in einem Pub am Rande des Bankenviertels. Reiseleiter Wood bittet um Feedback. Duncan ist etwas desillusioniert, die zwei Tage hätten ihn nicht gerade zuversichtlicher gemacht. Käsehändler Peter nimmt die Angelegenheit mit mehr Humor. "Die Finanzwelt ist wie das Leben selbst: Man hat es nie wirklich unter Kontrolle.“

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