Siegfried Wolf geht auf die Jagd nach Opel - Magna und Fiat sind in der Endauswahl

Staatsbesuche, dringliche Sitzungen, Werbung bei den Mitarbeitern: Wie Magna-Topmanager Siegfried Wolf und seine Truppe seit Wochen unermüdlich für den Opel-Deal gekämpft haben.

In der Steiermark hat Magna seit Jahren das Alwa-Forstgut gepachtet, eines der schönsten Jagdgebiete in ganz Europa. Dorthin lädt Siegfried Wolf, der operative Konzernchef, gerne Kunden ein oder lenkt sich auf der Pirsch vom Business ab. Nur in den letzten Wochen blieb dafür keine Zeit. Da ging er auf die Jagd nach größerer Beute. Zwar ist Opel unter den Autoherstellern kein Zwölfender mehr. Aber für Wolf wäre Opel trotzdem eine fette Beute. Am frühen Nachmittag des Mittwochs bestiegen Siegfried Wolf und Frank Stronach, der Gründer und Aufsichtsratspräsident von Magna, den privaten Firmenjet und begaben sich nach Berlin. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zum „Supergipfel“ über die Zukunft von Opel geladen. Auch die Chefs des italienischen Autobauers Fiat und des Finanzinvestors Ripplewood (RHJ) waren da. Sie sind wie auch der chinesische Konzern Beijing Automotive Industry (BAIC) ebenfalls an einem Kauf von Opel interessiert. Zuerst wurde das drängendste ­Problem angegangen: Opel vor dem Zugriff der Gläubiger von General Motors (GM) zu schützen.

Frisches Geld für Opel
Der taumelnde Opel-Mutterkonzern muss US-Präsident Barack Obama bis kommenden Montag ein Sanierungskonzept vorlegen. Voraussichtlich gelingt dies den GM-Managern nicht, und der weltgrößte Autobauer ist gezwungen, Insolvenz anzumelden. Opel erhält deswegen 1,5 Milliarden Euro Überbrückungsfinanzierung und wird vom Mutterkonzern GM abgespalten. Bis ein Investor einsteigt, soll die Marke mit dem Blitz im Logo einem Treuhänder übergeben werden. Die deutsche Regierung will mit milliardenschweren Staatsgarantien und einem neuen Eigen­tümer die Opelaner vor der Pleite bewahren. Nicht zuletzt stehen mehre Zehntausend Arbeitsplätze in Deutschland auf dem Spiel – kurz vor der Bundestagswahl im September ein hohes Risiko. Welcher Opel-Interessent den Zuschlag und damit die Garantien erhält, das wurde Mittwoch in der Nacht noch nicht endgültig entschieden. Aber Magna hat nach wie vor sehr gute Chancen.
Stronach und Wolf waren mit einer Hand voll Leuten nach Berlin gereist, dar­unter Finanzchef Peter Koob, der frühere Audi-Chef Herbert Demel, der heute in den Diensten von Magna steht, oder Investmentexperte Stephan Zöchling, Berater und persönlicher Freund von Wolf. Im Sitzungssaal tagten die Spitzen der deutschen Wirtschaft und Vertreter von GM. Wie vor ein Tribunal wurden die Magna-Bosse – und ihre Mitbewerber – immer wieder ­hineingerufen, um zu Strategie und Fragen der Finanzierung Stellung zu nehmen. Dann mussten sie wieder draußen warten.

Unermüdlicher Arbeiter  
Frank Stronach versprühte Optimismus, wie es seine Art ist. Medien verriet er, dass er mit Opel zur „Weltmacht“ aufsteigen wolle und dass „bei Magna die Arbeiter das Wichtigste sind“. Doch der Treiber für das Projekt „Beam“ („Lichtstrahl“) ist Siegfried Wolf. Er hat den Schlachtplan ausgearbeitet und unermüdlich dafür geackert. Wolf konnte mit seinem Einsatz vor allem in Deutschland punkten. Fast überall, wo er auftrat, hieß es danach: „Wir sind für Magna“ – egal ob bei den Opel-Betriebsräten oder bei der Mehrzahl der deutschen Ministerpräsidenten. Nach den Plänen des 51-jährigen Steirers, ebenso wie Magna-Gründer Frank Stronach gelernter Werkzeugmacher, soll „NewOpel“ ein eigenständiges Unternehmen werden, das auch für Konkurrenten Autos baut. In Deutschland will Wolf alle vier Werke erhalten, rund 9.000 Mitarbeiter müssten europaweit trotzdem gehen (bei Fiat wären es wesentlich mehr). In Deutschland würden nach derzeitigem Stand 2.600 Stellen gestrichen. Bisher wäre die Fabrik in Bochum am stärksten betroffen, aber das wird noch detailliert verhandelt. Das Motoren- und Getriebewerk von GM in Aspern hingegen soll mit seinen 2.000 Mitarbeitern ungeschoren davonkommen. Fiat hingegen würde Mitarbeiter in Österreich abbauen. Mitte Mai schon ließ Wolf es sich nicht nehmen, zum nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers zu reisen. In dessen Bundesland befindet sich das Bochumer Werk. Vergangenen Freitag referierte der Magna-Topmanager dann in Berlin fast zwei Stunden locker vor deutschen Journalisten über die soziale Seite von Magna. „Er war kaum zu bremsen, nicht mal von seinen eigenen Leuten“, er­innert sich ein Teilnehmer. Erst als einige Redakteure ungeduldig wurden, ließ er sich ein paar Sätze zu Opel entlocken. Die Presse war dennoch begeistert, denn der Name Magna war vielen bis vor kurzem schlicht unbekannt.

Termin bei Merkel  
Sonntags darauf gab es ein mehrstündiges Gespräch mit
der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, bei dem angeblich auch Frank Stronach anwesend war. Der Opel-Betriebsrat, dem Wolfs Vorstandskollege Manfred Eibeck Dienstagnachmittag den Magna-Plan nochmals vorstellte, hatte ­bereits die Ehre eines Besuchs. „Ich habe einen guten, seriösen und verbindlichen Eindruck von Siegfried Wolf. Er ist aber sicher auch für uns ein harter Verhandlungspartner“, urteilt Klaus Franz, Vorsitzender des Opel-Gesamtbetriebsrats. Für den erhofften Deal seines Lebens lachte sich Wolf die staatliche russische Sberbank und den Autokonzern Gaz von Oleg Deripaska als Partner an. Vorgesehen ist, dass die Russen 35 Prozent an „New­Opel“ halten. Magnas Anteil wäre auf 20 Prozent beschränkt, der Rest entfiele auf GM und eine Opel-Mitarbeiterholding.

Sberbank wichtiger Partner
Doch am letzten Montag mussten Stronach, Wolf und Finanzchef Koob zu einer dringlichen Sitzung zusammentreffen. Plötzlich war nicht mehr garantiert, dass das Geld der Sberbank rechtzeitig zur Verfügung steht. Zwar liegen unterschriebene Verträge mit Sberbank-Chef German Gref über eine Beteiligung vor. Offenbar bremst aber der russische Ministerpräsident Wladimir Putin, weil er sich von der US-Regierung kein Ultimatum setzen lassen will, wann der Deal unter Dach und Fach zu sein hat. Eine Zwischenfinanzierung, so kamen die Magna-Führer überein, könne ihre Gruppe auch alleine stemmen. Selbst im Worst Case eines Ausstiegs der Sberbank wäre der Deal laut internen Informationen zu packen. Wolf kalkuliert in seinem Grundkonzept mit mehr als fünf Milliarden Euro Finanzbedarf für Opel in diesem und im kommenden Jahr. 4,5 Milliarden Euro davon kommen über Anleihen und Kredite, für die Magna Staatsgarantien verlangt. 700 Millionen Euro will man selbst aufbringen. Das ist der heikelste Punkt für die Österreicher: Berater der deutschen Regierung warnten laut Medienberichten, dass Magna und seine Partner zu wenig Eigenkapital bei Opel einbrächten. Die deutsche Kanzlerin Merkel dürfte auch in einem Telefonat mit Putin diese Woche deutlich gemacht haben, dass sie sich ein stärkeres finanzielles Engagement der Sberbank wünsche, die auch noch einbrechende Gewinne melden musste.

Hoffnung Russland  
Magna ist derzeit mit 70.000 Mitarbeitern und 240 Stand­orten einer der weltweit größten Autozulieferer. Große Hoffnung setzt Wolf, der schon bei Magna kurzzeitig Oleg Deripaska als Großaktionär an Bord holte, auf den russischen Markt: Verkaufsziel von „NewOpel“ sind dort künftig 700.000 ­Autos pro Jahr. „Die Automobilindustrie befindet sich in einer Phase der grund­legenden Neuordnung. Und diese wollen wir aktiv mitgestalten“, begründet Wolf seinen Schritt, mit Gaz zu kooperieren. Außerdem will Magna mit der selbst entwickelten Technologie für ein Elektroauto punkten, das 2011 in Serie gehen könnte. Nicht selten sahen Tage von Siegfried Wolf zuletzt so oder ähnlich aus: Nach Gesprächen mit GM kam er in der Früh in Wien an. Nach einem kurzen Termin ging es gleich weiter nach Moskau. Am Abend traf Wolf bei Opel in Rüsselsheim ein. Auch die Opel-Projektteams bei Magna, an die 40 Leute, haben im letzten Monat praktisch ohne freien Tag durchge­arbeitet. Oft wurde um vier Uhr nachts Schluss und um acht Uhr früh weitergemacht. Am vergangenen Samstag fand sich eine Gruppe von Magna-Leuten erschöpft im Do&Co-Restaurant in der ­Wiener Albertina zum Frühstück ein. Die Nacht davor wurde durchgerackert.

Rund um die Uhr  
Magna-Konkurren­t Fiat hat Consulter Roland Berger, den deutschen Brachial-Kommunikations­berater Hans-Hermann Tiedje und meh­rere deutsche Expolitiker engagiert, um für die Italiener Stimmung zu machen. Im Gegensatz dazu hat Wolf weitgehend auf Lobbyisten verzichtet – mit Ausnahme von Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky, der im Magna-Aufsichtsrat sitzt. Das meis­te haben Wolf und seine Truppe selbst erledigt.
In seinen Anfangszeiten bei Magna wurde Siegfried Wolf zuweilen spöttisch als „hemdsärmeliger Manager“ und Stronach-Adlatus bezeichnet. Mittlerweile ist er als Vorsitzender des ÖIAG-Privatisierungsausschusses und als Aufsichtsrat von Siemens, Verbund und Strabag zu einem der einflussreichsten Manager Österreichs geworden. Und mit 4,3 Millionen Euro Jahresgehalt zum bestbezahlten noch dazu. Wenn Wolf nun gegen Fiat und die anderen Kaufinteressenten das Rennen um Opel macht, dann steigt er endgültig zur internationalen Berühmtheit auf, zumindest in Wirtschaftskreisen. Zuvor stehen Wolf noch weitere stressige Tage ins Haus. Tage in der Luft mit wenig Schlaf. Tage in Detroit, Moskau, Oberwaltersdorf, Berlin. Und in Rüsselsheim, der Opel-Stadt mit der Wolfsangel im Wappen: Mit diesem Gerät soll man früher Wölfe erlegt haben. Diesmal will sich ein Wolf aber Opel schnappen.

Andreas Lampl, Barbara Nothegger

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff